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Afrika

Hartes Leben für Frauen in Liberia

Liberia ist das erste afrikanische Land mit einer Frau an der Spitze des Staates. Doch viele Frauen in dem westafrikanischen Land leben weiterhin unter schwierigen Bedingungen - und sind enttäuscht von ihrer Präsidentin.

Mercy Womeh sitzt in der brennenden Nachmittagssonne auf einem Felsen, neben einem Berg aus Steinen. "Steinbruch" nennen sie den Berg am Rande Monrovias, der Hauptstadt des kleinen westafrikanischen Staates Liberia. Mercy hat ein Tuch um ihren Kopf gewickelt, um sich vor den starken Sonnenstrahlen zu schützen. In ihrer Hand hält sie einen Hammer, den sie benutzt, um Steine zu zerschmettern. Die Frau ist 18 Jahre alt und besucht die siebte Klasse der J. Chauncey Goodridge Schule. Wie viele junge Liberianer konnte sie während des verheerenden 14-jährigen Bürgerkriegs und der darauffolgenden wirtschaftlichen Krise im Land nicht jeden Tag zur Schule gehen und holt jetzt die versäumten Schuljahre nach. Deshalb zerkleinert sie nach dem Unterricht Steine, um ihre Schulgebühren zu bezahlen. 35 liberianische Dollar - weniger als 40 US-Cent - verdient sie pro Eimer. An guten Tagen füllt sie bis zu sieben davon.

Hohe Arbeitslosigkeit trotz boomender Wirtschaft

Liberias Hauptstadt Monrovia (Foto: Julius Kanubah/ DW)

Liberias Hauptstadt Monrovia zwischen Aufbruch und Enttäuschung

Die zerkleinerten Steine werden von Liberias boomender Bauindustrie genutzt. Liberia wird dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von 7,7 Prozent haben, schätzt der African Economic Outlook, ein Bericht der OECD und der afrikanischen Entwicklungsbank. 2011 stiegen die Staatseinkünfte um 400 Prozent. Trotzdem leben laut Weltbank noch immer acht von zehn Liberianern von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag.

Die Arbeitslosenquote in Liberia wird auf 85 Prozent geschätzt. Deshalb war die Arbeit im Steinbruch Mercys einzige Möglichkeit, die Schule zu finanzieren. "Ich mache das hier, weil ich keine andere Arbeit habe, mit der ich mich über Wasser halten kann", sagt sie. Mercy ist eine von vielen Frauen, die in ihrem Land am unteren Rand der Gesellschaft leben. Obwohl Liberia von einer Frau regiert wird, die sich vor allem für Frauenrechte und das Sozialwesen einsetzen wollte, ist das Leben hier ausgerechnet für Frauen besonders hart.

Zwischen Unzufriedenheit und Optimismus

Ellen Johnson Sirleaf (Foto: Reuters)

Hoffnungsträgerin und Präsidentin - Ellen Johnson Sirleaf

Musu Cole arbeitet ebenfalls im Steinbruch. Die 55-Jährige ist von der Politik der Präsidentin enttäuscht. "Stärkung der Frauen" - das ist für sie nur eine hohle Phrase. Seit fünf Jahren zertrümmert die Mutter von vier Kindern nun schon Steine. Die Falten in ihrem Gesicht lassen sie älter aussehen, als sie eigentlich ist. Wie viele liberianische Frauen, die ihre Männer während des Krieges verloren haben, ernährt sie ihre Familie alleine. Cole erzählt, dass die Arbeit im "Steinbruch" sehr anstrengend sei, dass es aber keine anderen Jobs gebe und sie keinerlei Hilfe von außen bekomme. Sie lebt zusammen mit ihren sechs Enkelkindern und mit ihrer alten Mutter in einem einzigen Zimmer. "Ich zerschlage diese Steine, damit wir etwas zu essen haben und ich die Kinder zur Schule schicken kann. Diese Arbeit ist so hart, manchmal macht sie dich krank", sagt sie.

Dass Ellen Johnson Sirleaf 2011 den Friedensnobelpreis bekommen hat, unterstreicht die unterschiedlichen Blickwinkel der Liberianer und des Auslands auf die Präsidentin. Johnson Sirleaf konnte in ihrer Amtszeit bereits einiges bewegen. Ihr ist es zu verdanken, dass westliche Staaten Liberia einen Großteil der Schulden erlassen haben, dass sich die Regierung stabilisiert und sich das brutale Bild des Bürgerkriegslandes gewandelt hat. Doch Frauen wie Musu haben noch immer Probleme, ihre Familien zu ernähren.

Die 18-jährige Mercy dagegen glaubt daran, dass die Regierung ihr dabei helfen wird, etwas aus ihrem Leben zu machen. "Eines Tages möchte ich aufs College gehen, den Steinbruch hinter mir lassen und eine aussichtsreichere Arbeit finden", sagt sie. Irgendwann würde sie gern ihr eigenes Unternehmen führen. "Ich will nicht ewig Steine zerkleinern und hoffe, dass Gott meine Gebete erhört."

Mangelnde Bildung – vor allem für Mädchen

Wade Williams (Foto: Glenna Gordon)

Die Journalistin und Medienpreisgewinnerin Wade Williams bei ihren Recherchen in Liberia

Bevor Mercy von ihrem Heimatdorf in die Großstadt umzog, ging sie nicht oft zur Schule. Keine Seltenheit in Liberia: Die Alphabetisierungsrate der Frauen auf dem Land liegt bei nur 26 Prozent, während in der Stadt 61 Prozent der Frauen lesen und schreiben können. Bei Männern liegt die Rate auf dem Land bei 60 Prozent und in der Stadt bei 86 Prozent, so das Ministerium für Geschlechter und Entwicklung. Zudem haben 42 Prozent der Frauen nie die Schule besucht. Bei den Männern sind es nur 18 Prozent.

Obwohl staaliche Bildung in Liberia mittlerweile kostenfrei ist und Schulpflicht besteht: Die Klassen sind oft überfüllt. Grund genug für viele, eine Privatschule zu besuchen - auch wenn das Geld hierfür hart erarbeitet werden muss.

Die liberianische Journalistin Wade Williams gewann mit diesem Beitrag den Deutschen Medienpreis Entwicklungspolitik in der Kategorie Afrika. Der Originaltext wurde von Laura-Marie Rothe vom Englischen ins Deutsche übersetzt und gekürzt.

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