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Kultur

Harmonisierung der Bildungsabschlüsse in Europa hat viele Vorteile

In allen EU-Ländern werden die Hochschulabschlüsse derzeit harmonisiert. Vorbild ist das englische System mit dem dreijährigen Bachelor und einer möglichen Höherqualifikation, dem Master. Das System hat viele Vorteile.

Hörsaal mit Studenten

Viele Studenten, ein Ziel - das ist die Vision europäischer Hochschulpolitiker

Die Kingston University ist eine der neueren Universitäten in London: 16.000 Studenten streben den Bachelor an, zehn Prozent den Master. Das entspricht dem landesweiten Durchschnitt. Typisch auch die Wahl der Studiengänge: Medien und Geschichte sind rückläufig, Fächer, die gut bezahlte Jobs versprechen, sind zunehmend beliebt - zum Beispiel Ökonomie.

Abdul, 20 Jahre, macht den Bachelor in Ökonomie. Er ist im dritten und damit letzten Studienjahr. "Ich will mir eine Karriere als Investmentbanker aufbauen", sagt er. "Die Arbeitgeber verlangen zunehmend den Master oder noch höhere Qualifikationen. Aber ich brauche erst mal eine Pause von der Uni. Ich möchte mindestens ein Jahr praktisch arbeiten, bevor ich zurückkomme."

Immer mehr Studenten denken wie Abdul. Traditionell gilt der Bachelor als die Abschlussqualifikation britischer Studenten. Dahinter steht die Erwartung, dass die Universitätsausbildung drei Jahre dauert und im Alter von 21 abgeschlossen ist.

Viele wollen den Master

Professor David Miles von der Kingston University verweist hingegen auf einen neuen, landesweiten Trend. "Der Bachelor wird in Großbritannien zunehmend als Grundlage für den Master betrachtet, immer mehr Briten hängen im Verlauf ihrer Karriere ein weiteres Studienjahr an, um den Master zu machen." Interessanterweise gebe es in den anderen europäischen Ländern eine gegenläufige Entwicklung, meint er. Dort werde im Zuge des Bolognaprozesses - also der Vereinheitlichung der Studienabschlüsse in Europa - ein neuer, vorgezogener Abschluss eingeführt. "Ich finde, das ist ein positiver Schritt. Denn bislang produzierten die Universitäten zu viele Studenten, die ihr Studium abbrachen oder ewig studierten, ohne einen richtigen Abschluss zu machen."

Ein kürzeres Studium braucht effizientere Strukturen, meint Andrea Rinke, Dozentin für Deutsch und Film an der Universität Kingston. Sie hat die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem britischen System aus erster Hand erlebt. "Mein erster Eindruck als Deutsche in England war anfangs, dass das Studium hier sehr verschult ist, dass man wenige Freiheiten hat und dass es einen sehr festen Stundenplan gibt", sagt sie. "Im Lauf der Zeit hab ich aber die Vorteile des englischen Bachelor kennen gelernt: Die Studenten verschwenden weniger Zeit mit Suchen, mit Irrtümern, haben mehr Anleitung, sind oft in einem Klassenverband, wo sie sich gegenseitig besser kennen lernen." Das bedeute auch, dass an britischen Unis vieles weniger anonym sei. Und die Studenten seien am Ende doch relativ gut qualifiziert, meint Rinke.

Studium fürs Leben

Unabhängig davon, ob Studenten Natur- oder Geisteswissenschaften studiert haben, beim Bachelor-Studium erwerbe man Schlüsselqualifikationen, die auf andere Bereiche übertragbar seien, unterstreichen britische Akademiker. Gleichzeitig gehen britische Arbeitgeber davon aus, dass sie ihre frisch eingestellten Bachelors im eigenen Betrieb noch weiter ausbilden müssen. Weil zudem das Kursangebot sich stärker an konkreten Berufen orientieren soll, ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Arbeitgebern, vor allem mit der Industrie, ohnehin erforderlich. Die Unis stellen sich darauf ein, gestalten Studienverläufe flexibler und können schließe praktische Arbeitsphasen mit ein.

Kritiker befürchten, dass akademische Inhalte unter dem Praxisaspekt verwässert werden. Befürworter erklären, dass die Studenten wertvolle Arbeitskontakte knüpfen könnten, die für spätere Bewerbungen nützlich seien. Ein weiterer Trend der sich im Zuge des lebenslangen Lernens abzeichnet: Graduierte mit Bachelor-Abschluss kommen erst nach Jahren an die Universität zurück, um höhere Abschlüsse zu machen, entweder, weil sie umsatteln möchten, oder um ihre bisherige Karriere voranzutreiben. Viele Studenten sagen auch, angesichts der neuen Studiengebühren könnten sie es sich nicht leisten, gleich den Master anzuhängen wie der Ökonomiestudent Daniel: "Ich habe daran gedacht, den Master zu machen, das ist ein Muss, wenn du es wirklich zu etwas bringen willst, aber ich muss erst arbeiten und Geld verdienen."

Studenten vor dem Gebäude der Viadrina Universität (Frankfurt/O.)

Beispielhaft international: die Viadrina Universität in Frankfurt/Oder: 5000 Studenten aus 70 Ländern

Internationaler Wettbewerb

Viele britische Studenten, die sich in der Heimat das Studium nicht leisten können, überlegen, auf Universitäten in Deutschland auszuweichen, weil dort die Lebens- und Studienkosten wesentlich billiger sind. Aber den meisten fehlen die erforderlichen Sprachkenntnisse. Mit dem Bologna-Prozess zeichnen sich nun neue Möglichkeiten ab, sagt John Davis: "Es ist faszinierend, wie deutsche und andere Universitäten in Europa den Bologna-Prozess benutzen, um Abschlüsse zu schaffen, die denen in der englischsprachigen Welt ähneln und mit ihnen harmonisieren. Damit und auch dadurch, dass sie immer mehr Kurse auf Englisch anbieten, werden sie Teil des globalen Hochschulmarktes und treten in direkten Wettbewerb mit Universitäten in Großbritannien, Australien, Neuseeland und den USA."

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