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Lebensmittel

Haribo-Bären und die modernen Sklaven

Gummibärchen von Haribo sind in Deutschland und international sehr beliebt. Jetzt gerät der Hersteller in die Kritik - wegen der Arbeitsbedingungen in Brasilien. Und wegen der Schweine…

Der deutsche Süßwaren-Multi Haribo ist in dieser Woche in die Defensive geraten, nachdem ein Dokumentarfilm erschreckende Zustände bei der Herstellung der beliebten Gummibärchen und anderer Haribo-Produkte ans Licht brachte. Der Film des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ARD zeigt, dass Menschen wie Tiere betroffen sind, die für die Produktion wichtiger Bestandteile der Süßigkeiten benötigt werden.

In der 45 Minuten langen Dokumentation "Markencheck" werden gesundheitliche Aspekte und Herstellungsbedingungen von Haribo-Produkten behandelt, die weltweit verkauft werden. Die Autoren berichten über mangelhafte Kontrollen bei der Produktion von Gelatine und Carnauba-Wachs. Das führe zu furchtbaren Verhältnissen für arme Arbeiter in Brasilien und für Schweine in Großmastbetrieben in Deutschland.

Gummibärchen enthalten Carnauba-Wachs, damit sie glänzen und nicht aneinander festkleben. Es wird von den Blättern der Carnauba-Palme gewonnen, die im Nordosten Brasiliens wächst, in den Bundesstaaten Piaui, Ceara, Maranhao, Bahia und Rio Grande do Norte - sie gehören zu den ärmsten Regionen des Landes.

Das Wachs findet sich auch in Produkten wie Motoröl, Schuhputzmitteln oder Zahnseide. Der Wert der Carnauba-Wachs-Lieferungen ins Ausland liegt bei rund 100 Millionen Euro. Die wichtigsten Abnehmer sind die USA, Deutschland und Japan.

Moderne Sklaverei   

Die Autoren des Films zeigen, dass Haribo sein Carnauba-Wachs von Plantagen bezieht, wo die Arbeiter 40 Real oder rund 10 Euro am Tag verdienen. Dafür schneiden sie die Blätter mit Sensen ab, die an langen Stangen angebracht sind. Sie sind gezwungen, im Freien oder auf Lastwagen zu schlafen, haben keine Toiletten und müssen ungefiltertes Wasser von einem nahe gelegenen Fluss trinken. Einige der Arbeiter seien noch nicht volljährig, so der Film.

Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind derart schlecht, dass die brasilianische Polizei schon bei Razzien Arbeiter befreit hat. Ein Vertreter des brasilianischen Arbeitsministeriums sagte, man verzeichne eine steigende Zahl von Beschwerden wegen der Carnauba-Wachs-Herstellung. Die Behörde habe festgestellt, dass viele der Beschäftigten unter Bedingungen arbeiten, "die man als Sklaverei bezeichnen kann".

"Die Arbeiter werden wie Gegenstände gehandelt, schlimmer als Tiere", sagte er.

Kastanienaktion Haribo 2014 (Haribo)

Mit seinen Gummibären ist Haribo einer der beliebtesten deutschen Süßwarenhersteller

Die deutsche Sektion von Amnesty International teilte mit, Unternehmen seien in der Verantwortung zu prüfen, dass ihre Zulieferer keine Menschenrechtsverletzungen begingen oder dazu  beitrügen.

"Wenn Menschenrechte verletzt werden, müssen die Unternehmen für Wiedergutmachung und Entschädigung sorgen", sagte Lena Rohrbach, Expertin für Wirtschaftsfragen bei Amnesty Deutschland. "Leider hat die Bundesregierung es versäumt,  Sorgfaltspflichten für Unternehmen verbindlich zu machen."

Rohrbach wies darauf hin, dass andere Länder wie etwa Frankreich Gesetze verabschiedet haben, die Firmen dazu verpflichten, über den gesamten Verlauf ihrer Lieferketten die Auswirkungen auf Menschenrechte und die Umwelt  zu achten. Nach Angaben des Global Slavery Index leben weltweit 40,3 Millionen Menschen unter Bedingungen moderner Sklaverei.

Schweinequälerei

In dem Film der ARD wird auch Bildmaterial gezeigt, das Umweltschützer in Schweinemastbetrieben in Norddeutschland aufgenommen haben. Die nicht genannten Betriebe liefern Schweinehaut für den Fleischhersteller "Westfleisch", der sie für Haribos Gelatine-Lieferanten "Gelita" aufbereitet. Das Bildmaterial zeigt Schweine mit offenen Wunden und Entzündungen, die in geschlossenen Ställen in Käfigen auf ihren eigenen Exkrementen und teilweise zwischen anderen toten Tieren leben. Einigen Tieren fehlte Trinkwasser.

Tierärzte, die in der Sendung zu Wort kamen, sagten, diese Verhältnisse verstießen offensichtlich gegen die deutschen Tierschutzgesetze. Die Tierschutzgruppe "Tierretter", die das Bildmaterial besorgt hatte und dafür in die Zuchtbetriebe eingebrochen war, um heimlich zu filmen, stellte in einer Mitteilung fest: "Es wirkt geradezu zynisch, dass man einem Produkt, das teils unter für Tiere grausamen Bedingungen hergestellt wird, die Form ein süßen Tierchens gibt."

Schweinezucht (picture-alliance/dpa/C. Jaspersen)

Schweinehaut wird für die Gelatine in den Haribo-Bären gebraucht

In einer Stellungnahme zu dem Film betonte "Westfleisch", man wisse nichts von einer Verletzung der deutschen Tierschutzgesetze. "Gelita" betonte, man unterstütze jede Maßnahme, die auf "artgerechte Tierhaltung" ziele. Auch stellte "Gelita" fest, man setze Schweinehaut ein, die "ausschließlich von gesunden Tieren stammt, die in geprüften Schlachthäusern geschlachtet werden und untersucht wurden".

Haribo teilte in einer Stellungnahme mit: "Uns ist ein Verstoß gegen unsere Richtlinien nicht bekannt. Wir werden dieses Thema proaktiv über unsere Lieferanten nachverfolgen."

"Wir sind ein Unternehmen, das Kindern und Erwachsenen eine Freude machen will", hieß es in der Stellungsnahme weiter. "Die Missachtung von sozialen und ethischen Standards können und wollen wir daher nicht akzeptieren." 

Haribo kündigte eine Überprüfung der Arbeitsbedingungen über die gesamte Zulieferkette an, um eventuelle Missstände aufzudecken. Die Firma aus Bonn fügte hinzu, man wisse nicht, wo das Filmmaterial aus dem Schweinemastbetrieb aufgenommen worden sei, und ob es sich um einen direkten Zulieferer von Haribo handele.

Man habe den Sender um weitere Informationen gebeten. Prinzipiell müsse "jeder in unserer Gesellschaft darüber nachdenken, wie man mit artgerechter Tierhaltung umzugehen hat. Wir fühlen uns dem verpflichtet und sind uns unserer Verantwortung bewusst."

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