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Alltagsdeutsch – Podcast

Harfenklänge

Die Harfe ist eines der ältesten Musikinstrumente der Welt. Sie zu spielen birgt einige Tücken. Ulla van Daelen, eine Meisterin ihres Fachs, kann davon ein Lied singen. Die Harfenistin hat aber gelernt, damit umzugehen.

Sprecher:

Eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit ist ohne Zweifel die Harfe. Ihre Akkorde erfreuten schon die ägyptischen Pharaonen und auch die Griechen, die Römer und Kelten liebten den Harfenklang, schätzen Arppegios und Glissandi. Das Mittelalter versetzte die Harfe gar in den Himmel. Die Neuzeit – zumal das 19. Jahrhundert – holte sie wieder herab auf die Erde und gab ihr einen Platz als Orchester- und Soloinstrument. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Harfe weiter an Beliebtheit gewonnen. Vielleicht profitiert sie dabei von dem Siegeszug ihrer schlichteren Schwester, der Gitarre. Vielleicht kommen folkloristische Motive hinzu; jedenfalls überlassen sich immer mehr Zeitgenossen dem Wohllaut ihrer schwingenden Saiten. Aber Vorsicht: Diese Saiten haben ihre Tücken und das schon auf der untersten, der orthographischen Ebene. Denn aus sprachgeschichtlichen Gründen schreibt man bei den Saiten der Saiteninstrumente den Doppellaut ai mit "ai" und nicht mit "ei" wie bei den Seiten eines Buches. Übrigens auch die Saiten eines Tennisschlägers wollen mit "ai" geschrieben werden.

Musik

Ulla van Daelen: Rush Hour

Sprecherin:

Eine Harfenetüde aus "Rush Hour". So heißt die CD unserer heutigen Sprachzeugin Ulla van Daelen. Sie stammt aus Düsseldorf, ist staatlich geprüfte Musiklehrerin und wirkte als erste Harfenistin beim Orchester des Westdeutschen Rundfunks Köln mit. Sie hat sich auch mit solistischen Bravourleistungen und mit eigenen Harfenkompositionen einen Namen gemacht. Mit Fünf begann sie Klavier zu lernen, mit Zwölf ging sie zur Harfe über. Auf Abitur und Studium an der Musikhochschule folgten Wanderjahre durch Kulturorchester und Opernhäuser. Immer wieder konnte sie dabei beobachten, dass gerade die Harfe das Publikum am meisten beeindruckte. Woran liegt das? Was macht gerade dieses Instrument so faszinierend?

Ulla van Daelen:

"Also ich denke eine Harfe kann in Schwingung versetzen und gibt natürlich optisch auch immer 'ne Menge her, ne. Also ich erlebe immer wieder wie die Leute 'Oh' und 'Ah' erst mal staunen, wenn sie das Ding einfach auf der Bühne sehen, ne. Das ist immer so eine, eine Wechselwirkung. Da kommt unheimlich viel zusammen an Klangstruktur, an, ja sicher Brillanz, an, ja, Schwingungen, die dann weiter fortschwingen im Raum. Es ist schwer das zu fassen."

Sprecher:

Man braucht kein Film- oder Fernsehbild, um zu erkennen, dass unsere Gesprächspartnerin lebhaft und ganz bei der Sache ist. Das verrät sowohl der Satzduktus als auch das fragende Wörtchen ne, das sie immer wieder in ihre Antworten einstreut. Ne ist die lässige, im nördlichen Deutschland übliche Variante der Fragepartikel Nicht? oder Nicht wahr? mit der sich der Sprechende der Aufmerksamkeit und der Zustimmung seines Gegenübers versichert. Fragewörtern dieser Art begegnet man hauptsächlich im Gespräch. Für die Schriftsprache sind sie ohne große Bedeutung – da spielen sie keine Rolle. Ehe wir uns jetzt weiter mit der Harfe beschäftigen, wollen wir erst einmal hören, woraus sie besteht, nicht wahr?

Ulla van Daelen:

"Ja, eine Harfe besteht aus verschiedenen Hölzern, je nach Belastbarkeit ausgesucht – und Beschaffenheit, Stabilitätskriterien spielen da 'ne Rolle, und Klangkriterien. Dann aus Darm, Metall und oft Nylonsaiten, einem Stahlrahmen, einer relativ komplizierten Mechanik, Pedalen, Federungen und so weiter und so fort. Also im Grunde steckt da mehr drin als so mancher vermutet."

Sprecherin:

Der eigentliche Klangträger aber sind die Saiten. Wie bringt man nun diese Saiten zum Klingen?

Ulla van Daelen:

"Man kann mit den Fingerkuppen zupfen, was man ja normalerweise als klassisch ausgebildeter Harfenist tut. Man kann aber auch mal mit den Nägeln spielen und kriegt dadurch so 'ne ganz andere Klangvariante. Nur, das Problem ist: Als Harfenist hat man normalerweise kurze Fingernägel und das ist immer 'ne ziemliche Aktion, bis man mit dem Nagel dann an die Saite kommt. Und dann gibt es natürlich noch andere Spieltechniken, Klopftechniken; dann kann man mit Gegenständen an die Saiten gehen – dann gibt es Schnarreffekte. Man kann auch Pedal-Glissandi machen. Also da gibt es verrückte Effekte, die man erzielen kann durch ganz besonders moderne Spieltechniken."

Sprecherin:

Wie bei allen anderen Musikinstrumenten gilt auch bei der Harfe das alte deutsche Sprichwort Übung macht den Meister. So übt denn unsere Harfenistin gleich mehrere Stunden an jedem Tag, den Gott geschaffen hat. Dazu kommen dann vor Konzerten auch noch musiktheoretische Fingerübungen. Denn seit 1811, als der französische Klavierbauer Sébastien Érard die so genannte Doppelpedalharfe einführte, ist es möglich, jede der zahlreichen Saiten des Instruments um jeweils zwei Halbtöne zu verändern. Für den ausübenden Musiker hat es oft zeitraubende Konsequenzen, denn…

Ulla van Daelen:

"Man muss als Harfenistin davon ausgehen, dass man die Stimme nicht so direkt vom Blatt spielen kann, ne. Also das heißt, ich muss mir als Harfenistin die Stimme vorher meistens durchsehen, Pedale eintragen. Sobald Modulationen stattfinden, steh' ich nämlich sonst irgendwie auf 'm Schlauch."

Sprecher:

In der Redewendung vom Blatt spielen oder auch singen erkennen wir den italienischen Fachausdruck Prima vista wieder. Prima vista heißt auf den ersten Blick. Unsere Sprachzeugin will demnach sagen, dass sich die Harfennoten häufig genug nicht auf den ersten Blick erschließen, sondern mehrfach gelesen, gewissermaßen übersetzt sein wollen. Drückt sich der Harfenist – der Harfner wie noch bei Goethe zu lesen – vor dieser lästigen Aufgabe, dann ist er beim Konzert leicht der Dumme – er steht auf dem Schlauch, das heißt die Technik versagt ihm den Dienst. Diese Redensart wirkt wie aus einer amerikanischen Filmkomödie entsprungen. Da will jemand seinen Rasen sprengen, aber es kommt kein Wasser, denn unser Jemand steht auf dem Schlauch. Als er endlich merkt, was los ist und den Schlauch freigibt, findet er sich plötzlich in einer Fontäne wieder. Alles lacht, die Stimmung steigt.

Sprecherin:

Doch einer ist verstimmt, verstimmt wie eine Harfe im Regen: unser Jemand. Von den Stimmungsproblemen der Harfe weiß Ulla van Daelen ein Lied zu singen, will sagen sie hat da so ihre Erfahrungen.

Ulla van Daelen:

"Also wenn ich so dran denke, wie man oft kämpft mit diesem Instrument, weil die Harfe ja so schnell verstimmt und zum Beispiel bei Freiluftkonzerten ist das oft 'n Alptraum, und da fällt mir jetzt der passende Spruch ein, den es dazu oft zu hören gibt: 'Ja, die meiste Zeit des Lebens stimmt der Harfenist vergebens' – und das ist sicherlich auch irgendwo richtig, ja."

Sprecherin:

Tatsächlich lohnt es sich bei Opernaufführungen oder Konzertveranstaltungen das Opernglas fest auf den oder die Harfenisten zu richten. Wenn man das gut mannshohe, oft vergoldete und mit mancherlei Zierrat geschmückte Saitenspiel lange genug im Auge behält, dann wird man den Harfenisten oder die Harfenistin mit Sicherheit irgendwann bei Reparaturarbeiten ertappen.

Ulla van Daelen:

"Dieses Instrument, das birgt so viele Widrigkeiten in sich, ne, dass man also eigentlich nie ganz sicher sein kann, dass ein Konzert von vorne bis hinten gut über die Bühne geht, ne. Also man 150-prozentig gut vorbereitet sein, und trotzdem weiß man nicht, ja werden die Saiten halten, werden die die Stimmung halten, ja. Wer weiß, womöglich fliegt dann noch 'ne Pedalfeder heraus, dann ist das ganze Konzert im Eimer. Das kann man nämlich so schnell auch nicht reparieren. Und so Dinge, das, das muss man einfach immer mit einkalkulieren. Also es hat immer 'nen gewissen Nervenkitzel. Aber ich will jetzt auch nicht den Teufel an die Wand malen. Im Großen und Ganzen hat man auch viel Freude damit, ne."

Sprecher:

Freude macht es auch, Ulla van Daelen zuzuhören. Soeben hat sie uns fast in einem Atemzug nicht weniger als drei gängige deutsche Redensarten präsentiert. Da ist zunächst das Konzert, von dem wir erwarten, das es gut über die Bühne geht, das heißt planmäßig und ohne Zwischenfälle abläuft. Der Ausdruck stammt aus dem Theaterjargon, ist aber heute in vielen Lebensbereichen heimisch. Alles, was programmgemäß und ohne große Komplikationen stattfindet, geht über die Bühne – sei es eine Konferenz, eine Vortragsveranstaltung oder ein Geschäftsabschluss.

Sprecherin:

Misslingt jedoch die Konferenz, der Vortrag oder das Geschäft, so ist die Sache im Eimer. Die Redensart soll von einem verzweifelten Meisterkoch herrühren, der beim Abschmecken eines besonders leckeren Gerichts feststellen musste, dass er zu tief ins Salzfass gegriffen hatte. Die Mahlzeit erwies sich als ungenießbar und landete folglich im Abfall. Damit war sie im Eimer. Fürwahr ein anschaulicher Ausdruck.

Sprecher:

Den Teufel an die Wand zu malen ist dagegen durchaus gesellschaftsfähig. Die Wendung geht auf einen mittelalterlichen Theologenstreit zurück. Damals gerieten sich die gelehrten Herren darüber in die Haare, ob es erlaubt sei, den Teufel abzubilden, ihn an die Wand zu malen. Viele sagten "Nein" und erklärten: "Es ist schon schlimm genug, dass es überhaupt einen Teufel gibt. Wenn wir ihn jetzt auch noch porträtieren, dann locken wir ihn ja geradezu herbei" – so die Professoren des Mittelalters. Heute verwenden wir die Redensart ohne jeden theologischen Hintersinn zur Kennzeichnung von Zeitgenossen, die grundsätzlich pessimistisch in die Zukunft sehen und das Unheil sozusagen herbeireden.

Sprecherin:

"Herrliches Wetter! Lass uns spazieren gehen, Mann."

Sprecher:

"Spazieren gehen, Frau? Kaum sind wir vor der Tür wird es regnen."

Sprecherin:

"Ah, mal doch nicht den Teufel an die Wand."

Sprecher:

Nein, das wollen wir auch nicht. Dennoch wüssten wir gern, was tut unsere Harfenistin, wenn ihr während eines Konzertes eine Saite reißt?

Ulla van Daelen:

"Also, das kommt jetzt drauf an, wie sehr ich in diesem Konzert selbst eingespannt bin, ne. Es gibt natürlich gerade für die Harfe nicht andauernd was zu tun. Angenommen das passiert mir gerade in Terzettphase, dann hab' ich unter Umständen Zeit, diese Saite, wenn sie wichtig ist, zu ersetzen. Unter Umständen ist es sogar ratsamer, sich zu überlegen, brauch' ich diese Saite jetzt dringend oder wie kann ich das umgehen. Wenn das jetzt also keine sehr wichtige Passage ist, dann kann man unter Umständen ohne diese Saite weiter spielen. Die Not man dann auch erfinderisch."

Sprecher:

Nicht weniger als dreimal hat unsere Sprachzeugin gerade den formelhaften Ausdruck unter Umständen gebraucht. Die Wendung taucht zum ersten Mal in einem staatswissenschaftlichen Handbuch von 1816 auf. Etwas bürokratisch hört sie sich auch heute noch an. Inzwischen hat sich die Formel unter die Adverbien vielleicht und gegebenenfalls gemischt, kann unter Umständen aber auch so viel wie manchmal heißen. Auch unsere Gesprächspartnerin nahm diese Bedeutungsvariante in Anspruch.

Sprecherin:

Bis jetzt haben wir vor allem von der Saite mit "ai" gesprochen. Nun ist aber die Seite mit "ei" an der Reihe. In einem Orchester hat ja jedes Instrument einen festen Platz. Auf welcher Seite sitzt die Harfe?

Ulla van Daelen:

"Also in den meisten Fällen rechts vom Dirigenten. Die Platzierung, die hängt aber auch 'n bisschen vom Platzangebot ab. Ich hab' also auch schon mal mittig gesessen, im Graben, je nachdem auch wie die Besetzung aussieht und wie der Platz vorhanden ist, ne."

Sprecher:

Mit dem Graben meint Frau van Daelen den Orchestergraben, also jenen vor und unterhalb der Bühne gelegenen Raum, der in allen Opernhäusern für das Orchester reserviert ist. Das Wort mittig für in der Mitte oder zentral findet sich zwar schon seit längerer Zeit im Rechtschreibeduden, wird aber von den großen wissenschaftlich-historischen Wörterbüchern immer noch ignoriert. Vielleicht klingt die Vokabel den meist philologisch geschulten Redakteuren zu technisch. Tatsächlich kommt sie auch aus der Feinmechanik, hat sich aber inzwischen auch im Alltagsdeutschen durchgesetzt.

Sprecherin:

Um noch einmal auf die Platzierung der Harfe zurückzukommen: Sitzt sie nicht normalerweise neben den Klarinetten und Oboen?

Ulla van Daelen:

"Ja, richtig. Ich sitze in der Nähe der Holzbläser und hab' mein linkes Ohr den Hörnern zugewandt und wenn die dann mal so kräftig Forte blasen, dann muss ich mir auch schon mal das linke Ohr zuhalten."

Sprecher:

Das würde ich mir von den Hörnern nicht gefallen lassen! Ich würde andere Saiten aufziehen – Saiten mit "ai". Von anderen Saiten sprechen in Deutschland gerne die Lehrer, wenn sie ihren Schülern zu verstehen geben wollen, dass demnächst strengere Maßstäbe gelten: "Wartet nur ab. Nach Ostern werde ich hier andere Saiten aufziehen!" Natürlich könnte unsere Harfenistin den Hörnern auch die Flötentöne beibringen, das heißt ihnen ein besseres Benehmen nahelegen.

Ulla van Daelen:

"Ja in diesem Falle bringe ich Ihnen nicht die Flöten- sondern die Harfentöne bei, hab' aber muss ich sagen, 'n sehr gutes Verhältnis gerade zu den Hörnern. Ich liebe diesen Klang."

Sprecherin:

So wie ich die Harfe und den Walzer von Ulla van Daelen.

Musik:

Ulla van Daelen: Walzer


Fragen zum Text

Die Saiten einer Harfe werden …

1. gezupft.

2. gerissen.

3.&nbssp; gestrichen.

Nicht verstimmt sein kann …

1. ein Dirigent.

2. ein Musikinstrument.

3. ein Orchestergraben.

Wird am Ende eines Konzerts applaudiert, dann …

1. stehen die Musiker auf dem Schlauch.

2. ist die Aufführung gut über die Bühne gegangen.

3. muss der Dirigent neue Saiten aufziehen.

Arbeitsauftrag

Ein Musikinstrument hat Saiten; ein Buch Seiten. Ein Haus hat mehrere Wände; in einer Beziehung gibt es eine Wende. In der deutschen Sprache gibt es einige homophone Wörter, die unterschiedliche Bedeutungen haben. Finden Sie weitere Wörter und bilden Sie entsprechende Sätze.

Autor: Franz Josef Michels

Redaktion: Beatrice Warken

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