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Politik

Happy Thanksgiving!

Einer alten Tradition folgend hat Präsident Bush kurz vor Erntedank im Weißen Haus einen Truthahn vor dem Metzger gerettet. Aber 200 Kilometer weiter südlich gab es keine Gnade. Udo Bauer sagt, für wen und warum.

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Der Präsident hatte seinen Spaß. Der Ersatz-Truthahn, so George Bush, sei wichtig für den Fall, dass der erste Truthahn seiner Rolle während der Begnadigungszeremonie nicht nachkommt. "So ähnlich muss sich der Vizepräsident fühlen", beliebte der Präsident zu scherzen. Der Pressestab des Weißen Hauses lachte höflich. Ganz Amerika ist im Thanksgiving-Fieber, die Arbeitswoche ist dank eines Brückentages kurz, die ganze Familie kommt zusammen über einem fett- und cholesterinarmen Turkey.

Die Welt ist in Ordnung für rechtschaffende Amerikaner, nicht zuletzt, weil einer der beiden Washingtoner Heckenschützen wohl das bekommt, was er nach Ansicht der meisten US-Bürger verdient hat: den Tod. Diese Strafe hatte eine Jury in Virginia Beach empfohlen nach nur sechsstündigen Beratungen. Der Richter könnte, wenn er wollte, das Urteil noch in lebenslange Haft abschwächen. Doch mit einem solch dreisten Akt von Spielverderberei rechnet niemand.

Triumph für den Minister

Ein Fernsehreporter sagt unterdessen, dass dieses Urteil als Sieg für Justizminister John Ashcroft gewertet werden kann. Da hat er wohl Recht, denn Ashcroft hat persönlich dafür gesorgt, dass die Rahmenbedingungen für die Todesstrafe so günstig wie möglich waren. Mohammad wurde in Virginia der Prozess gemacht, nicht etwa in Maryland, wo die meisten der Morde stattgefunden hatten. In Maryland war die Todesstrafe zum Zeitpunkt der Festnahme Mohammads und seines Komplizen Malvo noch mit einem Moratorium belegt.

Virginia hingegen gilt von jeher als straffreudiger Bundesstaat mit den nach Texas meisten Exekutionen. 325 Menschen ereilte seit 1908 hier der Tod von Staats wegen, etwa 80 Prozent davon waren Schwarze. 26 Männer und eine Frau sitzen momentan im Todestrakt und warten darauf, dass die letzte legale Einspruchsmöglichkeit ausgeschöpft ist. Mohammad und möglicherweise Malvo werden bald zu dieser Gruppe der Todgeweihten gehören.

Auf Linie gebracht

Aber der direkte und indirekte Einfluss des Todesstrafenadvokaten Ashcroft auf diesen Fall ging noch weiter. Denn Virginia hatte noch einen anderen Standortvorteil: Virginia hatte als einer der ersten Bundesstaaten nach dem 11. September 2001 ein Terrorismusgesetz verabschiedet, das die Todesstrafe möglich macht. Und die Jury von Virginia Beach wurde u.a. nach dem Kriterium ausgesucht, dass auf keinen Fall ein prinzipieller Gegner der Todesstrafe dabei sein durfte, kein prinzipienreitender Spielverderber also.

Einer hatte aber doch noch Zicken gemacht: Einer der zwölf Geschworenen hatte tatsächlich gewagt, auf Zeit zu spielen und gesagt, er müsse sich noch besser über die Todesstrafe informieren. Aber den hatte offenbar der Rest der Jury dann am zweiten Beratungstag wieder auf Linie gebracht. Es geht doch nichts über das Gefühl, die Gesellschaft vom Bösen befreit zu haben. Happy Thanksgiving!

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