1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Happy Birthday, Klaus Wagenbach!

Klaus Wagenbach ist einer der letzten aus einer Generation von unabhängigen, eigenwilligen und leidenschaftlichen Verlegern. Am 11. Juli feierte dieser linke, höchst undogmatische Kopf seinen 80. Geburtstag.

Klaus Wagenbach am 08.10.2004 auf der Buchmesse Frankfurt. (Foto: dpa)

Im Laufe seines Lebens hat er manche Illusion verloren und viele Prozesse, aber nie den Humor und sein glucksendes Lachen, das allmählich anschwillt, bis es dröhnt und hoffnungslos ansteckt. Klaus Wagenbach, dieser jungenhafte ältere Herr, ist eine facettenreiche Frohnatur und ein politischer Querkopf, streitlustig und zeitlebens bereit sich einzumischen, sich Angelegenheiten zu eigen zu machen. Warum, erklärte er vor einigen Jahren so: "Wenn man will, dass dieser Staat funktioniert oder diese Gesellschaft funktioniert, dann kann man nicht alles, was einem angetragen wird, ablehnen. Und sagen, das interessiert mich nicht."

Eigenwilliger Querkopf

Ein Linker wurde Klaus Wagenbach, weil er eine Stinkwut hatte auf den Fehlstart der Bundesrepublik nach 1949. Ein Leser wurde er aus Neugier, ein Buchproduzent aus Leidenschaft und Verleger zunächst aus einer Not heraus. In den Verlagen S. Fischer und Suhrkamp hatte sich der junge Mann ausbilden lassen, dann studierte er Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie, promovierte über Franz Kafka, seinen geliebten, verehrten Franz Kafka, und wurde schließlich Lektor beim S. Fischer Verlag. Das Glück währte freilich nicht lange, denn Klaus Wagenbach flog raus, wegen Eigensinns, wie es so schön hieß.

Im Rahmen einer Matinee anlässlich des 80. Geburtstages des Verlegers Klaus Wagenbach (M) steht der Jubilar mit seinen Gästen im Berliner Ensemble in Berlin auf der Bühne (Foto: dpa)

Hier feiert der Jubilar vor: Eine Geburtstags-Matineé im Berliner Ensemble

In dieser prekären Situation gründete er 1964 den Verlag Klaus Wagenbach - und zwar an zweifelhaftem Ort, nämlich im eingemauerten West-Berlin. Hauptsächlich zwei Gründe seien es gewesen, warum er dorthin gegangen ist: "Einmal, Berlin war und ist ein deutscher Ort. Ein sehr deutscher Ort. Da weiß man, man ist auch historisch auf sicherem deutschen Boden. Und als deutscher Verleger darf man nicht so tun, als befände man sich nicht auf deutschem Boden. Der zweite Grund war, ich wollte diesen deutschen Boden auch nutzen. Das heißt, die Idee des Verlags war 1964 ein Ost-West-Verlag."

Zwischen Ost und West

Für kurze Zeit erschienen hier tatsächlich neben Titeln der DDR-Autoren Johannes Bobrowski, Stephan Hermlin und Wolf Biermann auch Bücher der Westdeutschen Christoph Meckel, Günter Grass und Friedrich-Christian Delius. Dem machte die Staatssicherheit der DDR allerdings bald ein Ende. Denn Klaus Wagenbach

Wolf Biermann 1965 (Foto: AP)

Wolf Biermann 1965

hatte sich nicht wohlgefällig verhalten und musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Trotz deutlicher Warnungen hatte er den Vertrieb des Buches "Drahtharfe" nicht eingestellt – dieser Sammlung polemischer, gesellschaftskritischer Gedichte von Wolf Biermann, gegen den im Dezember 1965 in der DDR ein totales Auftritts- und Publikationsverbot verhängt wurde.

Genosse Klaus

Damals, erinnert sich Klaus Wagenbach, sei er sehr deprimiert gewesen. "Ich hatte Lizenzverbot, Einreiseverbot, Durchreiseverbot. Ich kam überhaupt aus West-Berlin nur mit einem Flieger raus. Und das war natürlich für einen Anfang ein ungeheures Obstakel. Naja, und ein Jahr später begann dann die Studentenbewegung. Und da haben sich die Studenten umgeguckt, wo sie einen Verlag haben könnten, und da war der Genosse Klaus."

Und immer weiter

Fast ein Jahrzehnt, damals, in den wilden 68er-Jahren, waren Wagenbachs Berliner Verlagsräume Nachrichtenbörse und Dienstleistungsbetrieb der Linken, mit entsprechend regelmäßigen Hausbesuchen der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Vor Gericht ließ er sich stets von Otto Schily vertreten, dem Wahlverteidiger von Mitgliedern der Rote Armee Fraktion, Mitbegründer der Grünen, späterem Bundesinnenminister und Freund bis heute. Aber zumeist hatten die beiden das Nachsehen, weshalb Klaus Wagenbach für sich beanspruchen darf, der am häufigsten vorbestrafte lebende deutsche Verleger zu sein. "Aber wir haben erreicht, dass immer zähneknirschend am Schluss stand: von einem Berufsverbot – das gibt es nämlich für Verleger - konnte für dieses Mal abgesehen werden. Und das war der Sieg. Da konnten wir weiter machen".

Günter Grass gratuliert Klaus Wagenbach während der Matineé im Berliner Ensemble (Foto: dpa)

Günter Grass gratuliert Klaus Wagenbach während der Matineé im Berliner Ensemble

Und zwar öffentlichkeitswirksam. Denn mit seinen politischen Büchern und Essays stieß Wagenbach in eine Marktlücke, an seinen "Rotbüchern", der Kulturzeitschrift "Kursbuch" sowie dem "Roten Kalender" für Schüler und Lehrlinge führte kein Weg vorbei. Hinzu kamen im Laufe der Jahre italienische Literatur und Kunst, die Lieblinge Erich Fried und Franz Kafka, die Kulturzeitschrift "Freibeuter", der "Tintenfisch", ein Jahrbuch für Literatur, und die Reihe "Salto", die in schönem rotem Leinen daherkommt.

Schöngeist und Genießer

Kaum ein anderer deutscher Verleger hat sein Verlagsprogramm so kompromisslos geprägt wie Klaus Wagenbach. Und dabei wollte er nie nur gute, wichtige Titel verlegen, sondern immer auch haptische Sensationen, die man beschnüffeln und zärtlich umblättern mag. Aus manchen dieser Bücher sind dann Bestseller geworden.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Manfred Götzke