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Nachruf

Hans Rosling: Goodbye Datenkönig

Bunte Statistiken, hüpfende Bubbles - die aufrüttelnden Vorträge des schwedischen Wissenschaftlers waren unterhaltsamer als jedes Theaterstück. Jetzt ist Hans Rosling gestorben. Er wird uns so fehlen!

Hans Rosling verstarb am Dienstag, den 7. Februar 2017. DER Hans Rosling, der uns nur allzu oft die Welt erklärt hat, der die Hoffnung in die Menschheit (verblüffenderweise) nie verloren hat.

In einer kurzen Mitteilung ließen uns Roslings Angehörige an ihrem Verlust teilhaben.

Es war Bauspeicheldrüsenkrebs, eine besonders tückische Art. Vor knapp einem Jahr habe Rosling die Diagnose bekommen, nun hat der schwedischer Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska-Institut in Stockholm den Kampf gegen die Krankheit im Alter von 68 Jahren verloren. Er sei im Kreise seiner Familie im schwedischen Uppsala gestorben.

Ola Rosling, Hans Roslings Sohn und Olas Frau, Anna Rosling Rönnlund, schreiben in der Mitteilung, dass sie wissen, wie viele Fans die Nachricht überrascht und traurig macht. Trotzdem bitten sie um Privatsphäre - und versprechen, Roslings Mission fortzuführen:

"Hans is no longer alive, but he will always be with us and his dream of a fact-based worldview, we will never let die!"

Im Netz verbreitet sich die Nachricht klammheimlich. Keine Nachrichtenmeldungen, keine Breaking News, nur ein paar Twitterposts - die dafür umso persönlicher sind.

Während ich durch meine Timeline scrolle, merke ich, wie sehr mich der Tod von Hans Rosling berührt. Vielleicht deshalb, weil ich ihn nicht nur von seinen legendären TED-Talks und Youtube-Videos kannte, sondern die Gelegenheit hatte, ihn 2014 bei der Lindauer Nobelpreisträgertagung persönlich kennenzulernen.

Bei unserem Treffen, direkt in Anschluss an seinen Eröffnungsvortag, habe ich - zugegeben - jegliche journalistische Distanz verloren. Ich konnte es kaum fassen, dass ich ihm tatsächlich gegenüber saß. Seine Frau wuselte um uns herum, bis er sie herausbat - "damit die Aufnahmen auch gut werden, kein Radau im Hintergrund zu hören ist".

Frustabbau

Aber es schien als musste sich Rosling erst mal Luft machen. Er erzählte ohne Punkt und Komma über seinen ernüchternden Vortrag. Wohlgemerkt: Ernüchternd für ihn - nicht für sein Publikum. Denn er war verblüfft, wie wenig Ahnung die jungen Wissenschaftler (und Nobelpreisträger!) von der Welt hatten. "Ignorant" nennt der Datenexperte das.

Ich war froh über meine Sendepause. Zum einen, weil ich ebenfalls Teil des Publikums war und kaum besser bei seinem Quiz abgeschnitten hatte, zum anderen, weil ich bei den ganzen Daten und Zahlen, die aus ihm heraussprudelten, sprachlos war.

Ich dachte mir, Rosling müsse wohl ein außerordentliches Talent mit einer besonderen Leidenschaft für Statistik sein, die ich eben nicht in diesem Maße hatte. "Falsch", rüttelte Rosling mich wach. Danke auch.

Menschen vor Daten

Er habe gerade mal ein Semester Statistik studiert, nach seinem Medizinstudium. Es seien nicht die Daten und Zahlen, die ihn faszinierten, sondern die Menschen der Welt. "Die Daten sind nur ein Weg, zu begreifen, wie ihr Leben wirklich ist", erklärte er.

Bildergalerie Nobelpreiswürdige Ziele (DW/H. Fuchs)

Über die Brillengläser schauen: "Macht zwar zehn Jahre älter, aber 100 Mal schlauer", so Rosling

Wie Rosling nun zum Edutainer - so bezeichnete er sich selbst gern - geworden war, konnte er sich selbst nicht recht erklären: "Reiner Zufall". Geschichten habe er schon in der Schule gerne erzählt. Das Talent dafür sei wohl eine Art Geschenk, das er mitbekommen habe.

Kein Weltverbesserer

Diese Gabe hat Rosling zweifelsohne genutzt. Nach seinem Studium forschte er knapp zwei Jahrzehnte in Afrika, hielt Vorträge zur wirtschaftlichen Entwicklung, zu Landwirtschaft, Gesundheit und Armut - auch über Afrika hinaus. Er war als Berater für die Weltgesundheitsorganisation und für Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, tätig.

Ob er glaube, er könne die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort machen, hakte ich damals nach - und dachte mir gleichzeitig, dass die Frage eigentlich viel weniger kritisch gedacht war, als sie dann klang. Aber Rosling blieb ruhig, lächelte und meinte nur, das sei gar nicht seine Absicht - "das ist vielleicht etwas viel verlangt." Aber er wollte den Blick, den die Menschen auf die Welt haben, berichtigen.

Die Art, wie Rosling diese Botschaft inszenierte, hat ihn in der Szene - unter Statistikern und Daten-Geeks - zu einer wahren Koryphäe werden lassen. Diverse Auszeichnungen und Medaillen hat er dafür bekommen. 2012 landete er auf der "Time List" der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Eine Familienangelegenheit

Rosling merkte an, dass die Idee zu seinen Vorträgen ursprünglich eine Familienangelegenheit war. 1998 hatte Ola Rosling, Hans Roslings Sohn, zusammen mit der Schwiegertochter die erste Version der beweglichen Bubbles programmiert - um den Vorlesungen des Medizinprofessors mehr Pfiff zu verleihen und "das Thema anschaulicher zu machen". Sie waren es also, die den Ferrari entwickelt haben. "Ich fahre ihn eigentlich nur", gab Rosling zu und lachte. Gapminder heißt die Stiftung, die schließlich daraus entstanden ist - ein einst kleines Projekt zur Förderung von freien Informationen und Wissen.

Nach vorne schauen

Rosling zeigte sich im Interview 2014 auch überraschend privat, wodurch die gigantischen Zahlen und Dimensionen aus seinen Vorträgen plötzlich ganz klein wurden.

"Meine Enkelkinder werden bis ins nächste Jahrhundert leben. Ich spreche nie über irgendetwas Abstraktes - ich spreche von meinen Liebsten. Es geht um ihre Zukunft", gab er mir am Ende unseres Gespräches mit auf den Weg.

Abstrakt, Hans, das warst du nie. Worum es dir geht, hättest du uns besser nicht klarmachen können. Möge deine Botschaft genauso wie deine hüpfenden Bubbles und bunten Statistiken uns auch weiterhin inspirieren, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

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