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Kultur

Hannah Arendt zum 100. Geburtstag

Sie war eine der der großen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts: Hannah Arendt. Ein Leben lang liebte und stritt sie leidenschaftlich. Berühmt wurde sie durch ihre scharfsinnigen politischen Analysen.

Hannah Arendt

Hannah Arendt (Aufnahme: 1969)

"Mein Beruf, wenn man davon überhaupt sprechen kann, ist politische Theorie", sagte Hannah Arendt im Oktober 1964 in einem Fernsehinterview mit Günter Gaus. Dass sie hier von der politischen Theorie als Beruf spricht, ist die Konsequenz ihres Lebens als deutsche Jüdin. Geboren am 14. Oktober 1906 in Hannover studiert sie zunächst in Marburg Philosophie bei Martin Heidegger.

Die außergewöhnlich begabte junge Studentin und der weltberühmte Philosoph werden zu einem Liebespaar, dessen leidenschaftliche Beziehung bis heute Stoff für Bücher ist. Aber Martin Heidegger ist verheiratet. Deshalb geht Hannah schließlich nach Heidelberg, wo sie 1928 bei Karl Jaspers den Doktor in Philosophie macht. Die Machtergreifung Hitlers wird zum Wendepunkt in ihrem Leben.

"Ich habe damals immer wieder gesagt einen Satz, darauf besinne ich mich: 'Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen.' Nicht als Deutscher oder als Bürger der Welt oder der Menschenrechte oder so. Sondern ganz konkret: Was kann ich machen?"

Auswanderung in die USA

Während Martin Heidegger zum ersten nationalsozialistischen Rektor der Universität Freiburg wird, wendet sich Hannah von der Philosophie ab und arbeitet im Widerstand. Im Sommer 1933 wird sie von der Gestapo verhaftet, kommt aber wieder frei. Wenig später flieht sie nach Paris. Dort lernt sie auch ihren Mann, den Philosophen Heinrich Blücher kennen, mit dem sie 1941 in die USA auswandert.

In New York beginnt Hannah Arendts eigentliche Karriere. Sie schreibt für verschiedene Zeitschriften, arbeitet als Lektorin, Universitätsdozentin und für verschiedene jüdische Organisationen. 1951 erscheinet ihre epochale Studie des Totalitarismus "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Weitere Bücher folgen, darunter "Vita Activa", eine Theorie des politischen Handelns; in "Über die Revolution" untersucht sie radikale politische Umbrüche.

Banalität des Bösen

Die Bücher bringen sie auf die Titelseiten der großen Zeitschriften, machen sie zu einer der großen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. 1963 erscheint ihr Bericht über den Jerusalemer Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann, "Eichmann in Jerusalem", in dem sie das berühmte Wort von der Banalität des Bösen prägt. Um das Buch entbrennt eine heftige, jahrelange Kontroverse. Unter anderem wirft man ihr vor, die Theorie von der Banalität des Bösen verharmlose die Verbrechen der Nazis und das Leiden der Juden.

"Die Leute nehmen mir eine Sache übel, und das kann ich gewissermaßen verstehen: Nämlich, dass ich noch lachen kann. Aber ich war wirklich der Meinung, dass der Eichmann ein Hanswurst ist, und ich sage Ihnen: Ich habe sein Polizeiverhör, 3600 Seiten, gelesen und sehr genau gelesen. Und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe; aber laut! Diese Reaktion nehmen mir die Leute übel".

Moralische Gedankenlosigkeit

Das Thema des Bösen lässt sie nicht wieder los. Erst in diesem Jahr ist eine 1965 gehaltene Vorlesung erschienen "Über das Böse". Darin untersucht sie noch einmal das Böse, vor dem das Wort versagt und das Denken scheitert, wie sie es in ihrem Eichmann-Buch beschrieben hatte. Diese Form des Bösen entsteht, so Hannah Arendt, aus der Weigerung, selbst zu denken und zu urteilen. Daraus resultiert eine Unfähigkeit, sich als potenzieller Täter in die Rolle der möglichen Opfer hineinzudenken. Adolf Eichmann hat sich nie Gedanken über die Juden gemacht, deren Transport in die Todeslager er organisierte. Ebenso wenig machen sich Selbstmordattentäter Gedanken über ihre Opfer. Insofern kann man Hannah Arendts Vorlesung und ihr Eichmann-Buch heute lesen als Beitrag zur Debatte über die Ursachen
des weltweiten Terrorismus.

Hannah Arendt stirbt am 4. Dezember 1975. Aus der Erfahrung ihres eigenen Lebens als Jüdin hat sie sich ein Leben lang eingemischt im Wissen, dass moralische und politische Gedankenlosigkeit die größte Gefahr ist. Deshalb hat sie immer wieder das "Wagnis der Öffentlichkeit" gesucht.

"Nun, das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein. Man exponiert sich im Lichte der Öffentlichkeit, und zwar als Person. Das zweite Wagnis ist: Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Und nun würde ich abschließend sagen, dass dies Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen".

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