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Kultur

Hannah-Arendt-Preisträgerin benannt

Die Historikerin Yfaat Weiss erhält in diesem Jahr den Hannah-Arendt-Preis. Er wird am 7. Dezember 2012 verliehen. Die Ehrung erinnert an eine deutsch-jüdische Denkerin, die in Deutschland lange ignoriert wurde.

Yfaat Weiss: Sie bekommt dieses Jahr (2012) den Hannah-Arendt-Preis (Foto: HIS Verlag)

Yfaat Weiss

Es ist kein akademischer, sondern ein öffentlicher Preis - ein Preis für den Mut, anders zu denken, ein Preis, der einen neuen, forschenden Blick auf das angeblich Gewohnte würdigt, eine Auszeichnung für das Wagnis Öffentlichkeit. Seit 1995 wird der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Stadt Bremen verliehen. Er ist mit 7500 Euro nicht besonders hoch dotiert - aber er setzt im öffentlichen Diskurs ein Zeichen.

Tabuisierte Konflikte

In diesem Jahr geht der Preis an Yfaat Weiss, wie die Böll-Stiftung am Donnerstag (12.07.2012) mitteilte. Die 50-Jährige lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem und gehört, wie die Jury urteilt, "zur jüngeren Generation israelischer Historikerinnen, die genau und vorurteilslos die Geschichte Israels und Palästinas erforschen“. Yfaat Weiss widmet sich in ihren Forschungen und Büchern den verschütteten Erinnerungen. Sie schreibt über das, was so oft dem Vergessen anheim fällt: Verdrängte Geschichte, tabuisierte Konflikte. Sie wirft einen neuen Blick auf das Zusammenleben von ethnischen Gruppen in Israel, auf die aus Europa stammenden und die im Land geborenen Juden, auf zugewanderte Juden aus Marokko und anderen Ländern, die arabische Minderheit im Lande, auf die Palästinenser. Sie schärfe den Blick für den ungewöhnlichen Verlauf der israelischen Geschichte und das zivilgesellschaftliche Potential im Lande und ermutige die historische Forschung sowie die öffentliche Meinungsbildung, erklärt die Jury.

Verdrängte Geschichte

Yfaat Weiss hat viele Forschungsaufenthalte im deutschsprachigen Raum verbracht. Sie war an einem Projekt zur Geschichte der Juden in Deutschland beteiligt, sie hat über deutsches und polnisches Judentum geschrieben. Seit kurzem liegt auf Deutsch ihr Buch "Verdrängte Nachbarn“ vor. Darin geht es um Ereignisse aus dem Jahr 1959. Der Staat Israel ist noch jung, eine Gesellschaft im Aufbau, in der es Spannungen gibt. Eine Kneipenschlägerei in Haifa - der Stadt, in der auch Yfaat Weiss geboren wurde - wird zum Auslöser für Straßenschlachten und Krawalle. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen den armen jüdischen Flüchtlingen aus orientalischen Ländern und den aus Europa stammenden Juden: Klassenkampf in einer Stadt mit einer wechselvollen Geschichte. Denn wenige Jahre zuvor sind dort die arabischen Bewohner des Viertels vertrieben worden. Die Autorin verknüpft beides und beleuchtet so ein lange verdrängtes Geschehen.

Neues Denken

Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1969 / Schwarz-Weiß-Bild (ddp images/AP Photo)

Hannah Arendt im Jahr 1969

Der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken wurde 1995 erstmals verliehen. Er erinnert an die deutsch-jüdische Philosophin, die sich in ihren Werken mit den Schattenseiten des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, mit dem Phänomen des Totalitarismus, dem Verhältnis von Macht und Gewalt, Überlegungen zu Freiheit und Politik. Hannah Arendt (1906 bis 1975) studiert Philosophie und Theologie bei berühmten Zeitgenossen wie Martin Heidegger und Karl Jaspers, flieht 1933 vor den Nazis zunächst nach Paris, wo sie bei jüdischen Hilfsorganisationen mitarbeitet. 1941 emigriert sie in die USA, nach dem Krieg ist sie vier Jahre lang als Leiterin der "Jewish Cultural Reconstruction Organization“ mit der Rettung geraubten jüdischen Kulturgutes beschäftigt und reist auch nach Deutschland.

1955 entsteht ihr Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, mit dem sie sich als bedeutende Politik- und Gesellschaftswissenschaftlerin etabliert. Ihren öffentlichen Durchbruch hat Hannah Arendt jedoch 1961: Für die Zeitschrift "New Yorker“ berichtet sie über den Eichmann-Prozess in Jerusalem, zwei Jahre später erscheint dazu ihr Buch mit dem Untertitel "Ein Bericht über die Banalität des Bösen“. In Israel ist Hannah Arendt inzwischen sogar Hauptfigur in einem viel diskutierten Theaterstück: "Die Banalität der Liebe" von Savyon Liebrecht wurde auch in Deutschland mehrfach aufgeführt und thematisiert das Liebesverhältnis von Arendt und Heidegger.

Arendts Beitrag zum politischen Diskurs ist in Deutschland, wo sie nach ihrem Gang ins Exil nie wieder lebte, lange ignoriert worden. Heute gibt es nach ihr benannte Schulen und Forschungszentren, ihre Bücher werden gelesen, ihre wissenschaftlichen Ansätze erforscht. Und es ist nicht zuletzt der Hannah-Arendt-Preis, der dazu beigetragen hat, die öffentliche Wahrnehmung dieser zu Unrecht lange vergessenen Denkerin wieder ins Bewusstsein zu heben. In deren Tradition steht seit diesem Jahr Yfaat Weiss. 1997 war der Preisträger übrigens ein gewisser Joachim Gauck, damals Vikar und Pastor der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburg.