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Politik

Hang’em higher!

DW-TV-Korrespondent Udo Bauer über die Kehrseite der amerikanischen Antiterror-Kampagne.

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Gute Redenschreiber hat er ja, der amerikanische Präsident. "Wahre Größe findet man dort", so George W. Bush vor einigen Wochen, "wo amerikanischer Mut amerikanische Herausforderungen bewältigt." Das war gemünzt auf die Tatsache, dass nach den Kamikaze-Anschlägen in New York und Washington kaum ein Amerikaner mehr fliegen wollte und den ersten Airlines die Luft ausging.

Mut werden die Amerikaner aber auch in einem anderen Feld brauchen, nämlich wenn es darum geht, die Schuldigen zu bestrafen. Eins kann man schon jetzt sagen: Gnade haben Osama Bin Laden und seine Gefolgsleute, wenn man sie denn kriegt, nicht zu erwarten. Das amerikanische Strafrecht basiert nun mal - auch wenn das niemand zugibt - in weiten Teilen auf der alttestamentarischen Losung "Auge um Auge, Zahn um Zahn!", und selbst der Präsident forderte ja schon Bin Ladens Kopf nach dem Wildwest-Motto "tot oder lebendig". Die Medien tun ein übriges, um die Rachegelüste der Amerikaner weiter anzuheizen. Kaum ein kritisches Wort gegen das Vorhaben des christlich-fundamentalistischen Justizministers Ashcroft, ausländische Terroristen von Militärgerichten in aller Heimlichkeit abzuurteilen und hinzurichten.

Kein Mut zum anständigen Verfahren?

Im Gegenteil: Die Nachrichtensender diskutieren seit Wochen, welche Strafe wohl die angemessene sei für den Antichristen Bin Laden und seine Helfer. Da spricht ein ehemaliger Mitarbeiter des Aussenministeriums unverhohlen von "menschlichem Schleim", ein CNN-Moderator will Bin Ladens Kopf aufspießen lassen und ein Zuschauer einer Talkshow sagte unter dem Jubel des ganzen TV-Studios: "Unsere Gesetze sind für Menschen gemacht worden, aber die Terroristen haben sich als Menschen disqualifiziert." Ein Strafrechtsanwalt wurde gnadenlos ausgebuht, als er sagte, es könne doch nicht sein, dass die USA seit Jahren China wegen seiner Standgerichte und Hinrichtungen an den Pranger stellen und dann genau das Gleiche tun. Ihm wurde mangelnder Patriotismus vorgeworfen, was einen heutzutage ohnehin als Gesprächspartner disqualifiziert. Applaus gab es hingegen für eine konservative, alte Dame, die für den Amerikaner John Walker wegen Verrats die Todesstrafe forderte. Der 20-Jährige hatte auf Seiten der Taliban gekämpft und war in Mazar-i-Sharif in amerikanische Gefangenschaft geraten. Im übrigen sollten dessen Eltern, so die Lady weiter, auch bestraft werden, weil sie nicht verhindert haben, dass ihr Sohn zum Islam konvertiert und nach Jemen gegangen ist.

Der Glaube der Amerikaner, dass der Terrorismus ausgerottet werden kann, wenn man nur genügend Köpfe abschlägt, ist unerschütterlich. Niemand fragt sich hier, was denn passiert, wenn sich der Lynchmob durchsetzt und die Militärtribunale Wirklichkeit werden. Niemandem kommt in den Sinn, dass die Delinquenten in anderen Teilen der Welt Märtyrer genannt werden und dort um so leichter Nachfolger generiert werden, je undurchsichtiger die Gerichtsverfahren in den USA sind. Natürlich gehört Mut dazu, mutmaßlichen Terroristen ein anständiges Verfahren und einen guten Anwalt zu gewähren. Denn die Angeklagten hätten die Chance freizukommen, wenn ihre Schuld nicht zweifelsfrei nachgewiesen würde. Und davor hat keiner mehr Angst als der Präsident. Deswegen ist ihm jedes al-Qaida-Mitglied lieber tot als lebendig.