1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sprachbar

Handydeutsch

Niemand kann ihm mehr entkommen – dem Gequatsche am Mobiltelefon, neudeutsch "Handy". Liebeskummer, Sexprobleme, Ich-sitze-gerade-im-Zug: alles hört man mit – ob man will oder nicht.

Achtunddreißigeinhalb Stunden, rund eine Arbeitswoche, telefonierte im Jahr 2008 der Durchschnittsdeutsche mit dem Handy. Das ergab eine Untersuchung von EUROSTAT, dem statistischen Amt der Europäischen Union. Auf den ersten Blick erscheint das viel; über das Jahr gesehen sind es aber nur fünf Minuten pro Tag.

Minimalismus

Eine einzige Minute davon könnte ein Beamter, der im Intercity auf der Rückreise von einer Besprechung angerufen wird, sprachlich so verbringen:

"Halloo … das is' Gedankenübertragung. Jaja … klar … das war, das war so ein Thema … Ich hab' das auf Wiedervorlage und … Ä … nee nee … is' logo … klar. Jaja … ich schau mal, ich schau mal … ja also … ähm, als ich-ää. Ja genau. Super. Okee. Alles klar. Dann bis später. Tschüs."

Worum es bei diesem Telefonat sachlich geht, bleibt unklar.

Man versteht sich

Man hört ja nur den Empfänger, und der beschränkt sich im Wesentlichen auf kurze sprachliche Reaktionen: "Jaja", "klar", "nee nee", "is' logo", "super", "okee". Diese Rückmeldungssignale zeigen, dass der Empfänger den Anrufer versteht – akustisch und inhaltlich.

Beide können sich sachlich auf Stichworte beschränken, weil sie wissen, worum es geht. Ein solches Kontextwissen erübrigt komplexere Formulierungen, man kann in sprachlichen Häppchen kommunizieren mit einer minimalen Syntax.

Die Wiederholung macht's

Typisch für Handytelefonate sind die vielen Wiederholungen. Das meiste wird mehrmals gesagt. Warum? Grundsätzlich ist "Wiederholung" ein Merkmal gesprochener Sprache.

Wer spontan redet, muss zwei beim Schreiben getrennte Aufgaben zusammen erledigen: Erstens überlegen, was er mitteilen will, und zweitens diese Mitteilung gleichzeitig in eine sprachlich angemessene Form bringen.

Flüssigkeitsstörungen

Dabei kommt es zu so genannten "Flüssigkeitsstörungen", wenn der Sprecher nicht auf Anhieb die richtige Formulierung findet.

Er verzögert dann seinen Redefluss, um Zeit zu gewinnen: phonetisch durch Pausen und Wortdehnungen; syntaktisch durch Einschub von Floskeln, von "Ähs" oder, indem er das unmittelbar vorher Gesagte wiederholt – wie unser "Musterbeamter": "dass war, das war so ein Thema".

Mimik und Gestik fehlen

Die Wiederholungstendenz spontaner Rede wird am Telefon noch verstärkt, weil hier die Körpersprache als Verständigungsmittel ausfällt. Ein Blick, heißt es, kann mehr als tausend Worte sagen.

Wer aber seinen Gesprächspartner nicht sieht, wird sicherheitshalber Äußerungen wiederholen und nicht sagen: "Ja, ich schau' mal" und seinen Gesprächspartner dabei anblicken, sondern er wird sagen "Jaja, ich schau' mal, ich schau' mal".

Weitere Probleme

Im Fall der Mobiltelefonie kommen weitere Probleme hinzu. Zum einen ist sie gegenüber dem Festnetz ziemlich störanfällig – jedes vierte Handytelefonat hat akustische Übertragungsmängel.

Zum anderen machen Handytelefonierer oft noch etwas anderes oder müssen auf anderes achten; sie sind unkonzentrierter als jemand, der vom Festnetz aus spricht. Wer früher aus einer Telefonzelle anrief, befand sich in einem abgeschlossenen, relativ stillen Raum.

Keine Ruhe

Der Handytelefonierer kann sich seine Umgebung nicht aussuchen. Er muss seine Gespräche auch unter störenden Bedingungen führen: Lärm, Hektik und vor den Augen und Ohren einer kritischen Halböffentlichkeit. Das kann verunsichern; aber es kann auch die Kommunikation beschleunigen – zu einem finalen "Ahaa … hmm hmm … jaa das wars also … tschüs". Oft sehr zur Freude seiner ungewollten Mithörer.

Autor: Helmut Berschin

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads