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Deutschland

Handy am Steuer: Fahren wie im Rausch

Weil sie während einer Autofahrt mehr Interesse für ihr Handy als für die Straße hatte, verursacht eine junge Frau einen tödlichen Unfall und wird verurteilt. Solche Fälle gibt es immer öfter. Denn die Einsicht fehlt.

Das Unglück geschieht an einem Sonntagmorgen im August 2014. Gegen 7 Uhr 45 sind zwei Radfahrer auf der Bundesstraße 295 bei Renningen in Baden-Württemberg unterwegs. Die beiden Männer, 36 und 47 Jahre alt, fahren auf gerader Strecke, als sie von einem von hinten kommenden Opel erfasst werden. Ungebremst fährt die 19-jährige Frau auf die Radfahrer auf. Laut Anklage, weil sie in dem Moment mit dem Versenden von Kurznachrichten auf ihrem Handy beschäftigt ist. Und: Statt zu helfen, fährt sie zunächst weiter.

Während der hintere Fahrer am Außenspiegel des PKW abprallt und von seinem Rennrad geschleudert wird, stürzt der vordere auf die Motorhaube und prallt mit voller Wucht gegen die Windschutzscheibe. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Noch im Rettungshubschrauber verstirbt der 47-jährige Familienvater. Sein Begleiter erleidet einen Wirbelbruch und entgeht nur knapp einer Querschnittslähmung. Drei Jahre Jugendstrafe hatte die Staatsanwaltschaft für die inzwischen 21-jährige Unfallverursacherin gefordert. Das Gericht entsprach dem nicht und verurteilte sie am Donnerstag stattdessen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung - wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes durch Unterlassen. Die Richterin sah es als erwiesen an, dass die Frau unmittelbar vor der Tat durch das Handy abgelenkt war.

23-fach höheres Unfallrisiko

Wie gefährlich das Tippen von SMS, Telefonieren oder das Surfen im Netz beim Autofahren sind, beschäftigt Experten zunehmend. Nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) spielt die Ablenkung durch moderne Kommunikationsgeräte beim Autofahren bereits bei jedem zehnten Verkehrsunfall eine entscheidende Rolle. Der ADAC-Unfallexperte Thomas Unger sieht in der steigenden Zahl der bei Auffahrunfällen Getöteten und Verletzten ein Alarmsignal. Er ist überzeugt, dass viele der Unfallfahrer kurz vor dem Aufprall auf ihre Handys schauten. ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker sagte im Gespräch mit dem Magazin "Autobild", solche Fahrer seien eine Gefahr für sich selbst und für andere. "Wer mit Tempo 100 auf der Landstraße unterwegs ist und nur eine Sekunde lang unachtsam ist, legt etwa 27 Meter im Blindflug zurück", so Becker. Bei einer Online-Umfrage des ADAC im September gaben 77 Prozent der insgesamt 2000 Befragten an, während der Fahrt ihr Smartphone zu nutzen.

Deutschland Telefonieren am Steuer (Foto: Markus Mainka - Fotolia)

Wer wiederholt mit dem Handy in der Hand angehalten wird, dem droht ein Fahrverbot

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Menschen, die beim Fahren ihr Handy benutzen, in einem ähnlichen Rauschzustand sind wie alkoholisierte Fahrer. "In dem Moment, in dem man eine Textbotschaft schreibt, fährt man ähnlich schlecht wie bei 1,3 Promille", so der Verkehrspsychologe Mark Vollrath in einem TV-Beitrag des NDR-Magazins "Panorama". Telefonieren ohne Freisprechanlage sei nach Angaben anderer Experten wie eine Fahrt mit 0,8 Promille im Blut. Man könne deswegen fast von einer Art Suchtverhalten sprechen, so Vollrath. Suchtverhalten, weil man etwas tue, obwohl man wisse, dass es gefährlich ist und Schäden verursachen kann. Offenbar sei das Tippen aber so reizvoll, dass das in Kauf genommen würde. Auch Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung wirkt auf die meisten wohl nur wenig abschreckend. Dieser belegt jeden, der sein Mobiltelefon während der Fahrt in die Hand nimmt, mit einem Bußgeld von 60 Euro und einem Punkt in der Verkehrssünder-Datei in Flensburg.

Aufmerksamkeit, Einsicht und Erkenntnis schaffen

Mit gezielten Kontrollen geht die Polizei inzwischen gegen die Handy-Nutzung am Steuer vor. Doch die Arbeit ist schwierig, weil die Beschuldigten die Nutzung meist abstreiten und ein Nachweis nur schwer möglich ist. Mit #link:http://www.besmart-mobil.de/:Kampagnen wie "Be smart"#, versuchen ADAC, TÜV Süd und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) dem gefährlichen Trend vorzubeugen. Auf der Internetseite der Aktion ist unter "Zielen" unter anderem zu lesen, man wolle Alternativen aufzeigen und Aufmerksamkeit, Einsicht und Erkenntnis schaffen. Erreicht werden soll das unter anderem mit Videos, die harmloser nicht sein könnten. Nur ein Beispiel: Ein Mann ist schwer mit seinem Handy beschäftigt, während er nebenbei versucht, das Auto durch den Straßenverkehr zu navigieren. Als er an einer Ampel anhält, steigt eine hübsche Blondine neben ihm aus ihrem Auto und drückt dem Herrn einen Zettel in die Hand. Statt ihrer Telefonnummer steht darauf der Name der Kampagne von Dobrindt & Co.

In Großbritannien greift man zu härteren Methoden. #link:https://www.youtube.com/watch?v=lQKy6h8m3o8&spfreload=10:In einem Aufklärungs-Video der britischen Polizei# sind drei Mädchen in einem Auto unterwegs. Statt der Beifahrerinnen tippt die Fahrerin unentwegt Nachrichten in ihr Handy - bis die drei in den Gegenverkehr geraten und es zu einem schrecklichen Unfall kommt. Die Bilder von blutüberströmten jungen Frauen und den leblosen Augen eines Babys hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Der Kurzfilm wurde sogar in den Schul-Lehrplan aufgenommen. Auch in den USA glaubt man nicht an die sanfte Methode, wenn es um die Unfall-Prävention geht. 2012 brachte die US-Organisation "Focus on the Road" einen Aufklärungsfilm heraus, in dem sie einen Zahnarzt zeigten, der während einer Wurzel-Behandlung ständig mit dem Handy herumspielte. So viel sei gesagt: Am Ende blutet der Patient. Allerdings an den falschen Stellen.

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