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Wirtschaft

Handwerk warnt vor Pleitewelle

Im laufenden Jahr wird mit 35.000 Insolvenzen gerechnet, 20 Prozent mehr als 2008. Die Pleiten sind nicht immer selbst verschuldet, vor allem dann nicht, wenn die Unternehmen auf unbezahlten Rechnungen sitzen bleiben.

Symbolbild leere Taschen (Foto: DW)

Zwei Drittel aller deutschen Handwerksbetriebe bleiben auf unbezahlten Rechnungen sitzen

Ein angehender Tischler vermisst ein Teil eines Säulenschrankes in einer Werkstatt in Pirna (Foto: AP)

Ob diese Arbeit jemals bezahlt wird, ist ungewiss

Otto Kentzler ist nicht nur Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), sondern auch Chef eines Unternehmens mit 50 Mitarbeitern in Dortmund. Sein Betrieb ist spezialisiert auf die Fertigung und Sanierung von Dächern und bereits seit 137 Jahren im Geschäft. Das Unternehmen profitiert von den Konjunkturpaketen der Bundesregierung, die Auftragsbücher sind voll. Trotzdem hat Kentzler ein Problem: "Wir haben früher einen Monatsumsatz Kontokorrent gebraucht (Zeitspanne für die Abwicklung einer laufenden Rechnung) und brauchen heute drei Monatsumsätze. Die Zahlungsmoral hat sich verschlechtert, zum Teil sogar drastisch verschlechtert."

Eigenkapital schwindet

64 Prozent aller deutschen Handwerksbetriebe klagen darüber, dass ihre Rechnungen nicht oder nur verspätet bezahlt werden. Und während das Unternehmen darauf wartet, dass seine bereits erbrachten Leistungen bezahlt werden, muss es die Kosten, die ihm unter anderem für Löhne und Material entstanden sind, aus eigenen Mitteln vorfinanzieren. Das läuft in der Regel über kurzfristige Bankkredite. Die aber sind in Zeiten der Krise immer schwerer zu bekommen. Zwar sei eine Kreditklemme bislang ausgeblieben, sagt Kentzler, "aber der Zugang der Handwerksbetriebe zu Krediten ist im Jahresverlauf immer schwieriger geworden. Und gerade wenn ich an Baden-Württemberg und Nord-Bayern denke, die Zulieferer der Automobilindustrie, die Feinwerkmechaniker, die leiden sehr."

Symbolbild Hammer im Gerichtssaal (Foto: dpa)

Wenn der Hammer im Gerichtssaal fällt, ist alles zu spät

In der Krise leben viele Unternehmen von der Substanz, das Eigenkapital schwindet. Doch gerade die Höhe der im Unternehmen verfügbaren Mittel ist für Banken ein entscheidender Faktor, wenn sie über Kredite entscheiden. Wird die Kreditfinanzierung abgelehnt, können auch Betriebe, deren Geschäfte eigentlich gut laufen, schnell in Zahlungsschwierigkeiten kommen.

Ein Problem, das auch den Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen zunehmend beschäftigt. Präsident Wolfgang Spitz steht einer Branche mit rund 700 Unternehmen vor, die davon lebt, ausstehende Schulden einzutreiben. Doch das gelingt nur noch in jedem zweiten Fall. "Die Folgen der Rezession bekommen viele Gläubiger erst jetzt zu spüren, und das Schlimmste steht eher noch bevor." Immer mehr traditionsreiche, große und mittelständische Unternehmen würden zahlungsunfähig. Grund dafür sei ein Dominoeffekt: Insolvenzen und ausbleibende Zahlungen der Kunden bedrohten wiederum die Zahlungsfähigkeit des Gläubigers.

Schlechte Zahlungsmoral

In diesem Jahr werden voraussichtlich 35.000 Unternehmen in Deutschland pleitegehen, das sind 20 Prozent mehr als 2008. Schuld daran ist auch die schlechte Zahlungsmoral bei öffentlichen und privaten Auftraggebern. Bei den Handwerksbetrieben gehen zwei Drittel aller Insolvenzen mittlerweile auf unbezahlte Rechnungen privater Auftraggeber zurück. Es sei für die Bürger nicht mehr selbstverständlich, so Wolfgang Spitz, dass man für eine Leistung auch zu zahlen habe. Dazu kommt, dass in Deutschland rund drei Millionen Privathaushalte überschuldet sind. Spitz geht davon aus, dass es in diesem Jahr 110.000 private Verbraucherinsolvenzen geben wird, das wäre ein neuer Rekord. Für die Gläubiger, also auch für Unternehmen mit offenen Rechnungen, ist das keine gute Nachricht. Denn in der Regel bekommen sie das ihnen zustehende Geld nicht.

Autorin: Sabine Kinkartz
Redaktion: Rolf Wenkel