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Kultur

Handwerk und Propaganda: Hans Steinhoff

Er war einer der wichtigsten Filmregisseure in Diensten der Nationalsozialisten. Noch heute dürfen einige seiner Filme nur "unter Vorbehalt" gezeigt werden. Erst jetzt wird sein Werk aufgearbeitet.

Hans Steinhoff starb 1945 auf der Flucht. Am 20. April versuchte er mit einer der letzten Maschinen aus Berlin zu entkommen. Doch das Flugzeug wurde von den Alliierten abgeschossen. Alle Insassen kamen ums Leben. Steinhoff, 1882 in der sächsischen Provinz geboren, debütierte 1921 als Filmregisseur. Zunächst hatte er sich als zuverlässiger, handwerklich versierter Regisseur in verschiedenen Genres etabliert. Auch mit dem später in Hollywood zu Weltruhm gelangten Billy Wilder arbeitete Steinhoff zusammen, verfilmte Drehbücher des gebürtigen Wieners, wie "Scampolo, ein Kind der Straße" (1932).

Ein "unbekannter" bekannter Regisseur

Obwohl Steinhoff nach 1933 zu einem der wichtigsten Filmschaffenden des NS-Staates aufstieg, war bislang wenig bekannt über den Regisseur. Es existierten nur spärliche Angaben zu seiner Biografie. Einige seiner Filme stehen auch heute noch auf jener Liste der sogenannten

Vorbehaltsfilme

, die in Deutschland nur unter bestimmten Bedingungen gezeigt werden dürfen. Im Gegensatz etwa zum berühmt-berüchtigten

Veit Harlan

, der mit

"Jud Süß"

den heute noch

bekanntesten Propagandafilm

der Nazis drehte, war Steinhoff lange ein weißer Fleck der deutschen Filmgeschichtsschreibung.

Scampolo von Regisseur Hans Steinhoff, Szene mit Dolly Haas (Foto: Filmarchiv Austria)

Drehbuch: Billy Wilder, Regie: Hans Steinhoff: Dolly Haas in "Scampolo"

Das Deutsche Historische Museum und die Filmabteilung des Bundesarchivs veranstalten jetzt eine erste Retrospektive des Werks von Hans Steinhoff. Der Kurator und Medienwissenschaftler Horst Claus veröffentlichte eine voluminöse Biografie zum Werk Steinhoffs. Claus, der einige Filme in Berlin persönlich vorstellte, ist es zu verdanken, dass Person und Werk Steinhoffs erstmals hinter einem Wust aus falschen Quellen und verklärenden Mythen wissenschaftlich fundiert hervortreten.

Hitler-Fan, aber ohne Parteibuch

"Steinhoff war ohne Frage ein ausgesprochener Hitler-Fan - der Partei oder irgendeiner ihrer Organisationen ist er jedoch nie beigetreten", stellt Claus gegenüber der Deutschen Welle fest. "Im Verlauf meiner 15-jährigen Recherchen, habe ich nicht einen einzigen Hinweis auf Steinhoffs politische Ausrichtung gefunden, ganz zu schweigen von NSDAP-Verbindungen." Was bisher über die Person oder berufliche Entwicklung Steinhoffs gesagt worden sei, lasse sich auf Quellen zurückführen, die zum Teil auf "reiner Fantasie" beruhten. "Steinhoff war allem Anschein nach, was seine Person und berufliche Entwicklung betrifft, ein äußerst privater Mensch, über dessen Karriere bis zum Erscheinen meines Buchs nur äußerst wenig bekannt war."

Hitlejunge Quex von Regisseur Hans Steinhoff, Filmszene (Foto: Filmarchiv Austria/Deutsches Historisches Museum Berlin)

Frühe Propaganda für die Nazis: "Hitlerjunge Quex"

Das hat sich nun geändert. Akribisch beschreibt Horst Claus Leben und Werk des Regisseurs. Trotz dieser persönlichen "privaten Ausrichtung" - Claus lässt keinen Zweifel an der Stellung des Regisseurs innerhalb der Propagandamaschinerie der Nazis: "Mit zur NS-Propaganda eingesetzten Filmen wie 'Hitlerjunge Quex', 'Der alte und der junge König', 'Robert Koch' und 'Ohm Krüger' gehört Steinhoff ohne Zweifel zu den wichtigsten Filmregisseuren des 'Dritten Reichs'."

Mystifizierung durch Wegschließen?

Wie soll man nun mit den Filmen des Regisseurs umgehen? Vor allem auch mit den Vorbehaltsfilmen? "Steinhoffs 'Rembrandt', 'Robert Koch', 'Der alte und der junge König' und vor allem 'Die Geierwally' sind im Fernsehen mehrfach gezeigt worden", berichtet Claus. Es gebe mehrere Unterhaltungsfilme Steinhoffs, die sich neben den wenigen anderen Filmen der Zeit behaupten können. Aber: "Über 'Hitlerjunge Quex' müsse man diskutieren, schon deshalb, weil das Verbot den Streifen mystifiziert, es sich aber auch um einen solide gemachten (in der Weimarer Republik seltenen) Jugendfilm handelt." "Ohm Krüger" verdanke sein Verbot der Tatsache, dass es sich um einen anti-britischen Propaganda-Film handele, sagt Claus, über den die Briten sich heute aber genüsslich amüsierten.

Geierwally von Regisseur Hans Steinhoff, Filmszene (Foto: Filmarchiv Austria)

Steinhoffs größter kommerzieller Erfolg: "Die Geierwally"

Filme wie "Geierwally" und "Rembrandt" gehörten nach Ansicht von Horst Claus zu den einflussreichen Klassikern ihrer jeweiligen Genres, dem Heimatfilm beziehungsweise dem biografischen Film: "Dass sie in den 'Besten-Listen' dieser Kategorien nicht erwähnt werden, liegt meiner Meinung nach hauptsächlich daran, dass Steinhoff in dem Ruf steht, ein langjähriges, überzeugtes Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, der mit seinen Filmen das NS-Regime unterstützt und propagiert hat."

Stumm- und Unterhaltungsfilme

Doch Retrospektive und Buch zeigen auch noch einen anderen Steinhoff. Horst Claus' Interesse galt nicht nur dem Regisseur und dessen Werk nach 1933: "Was mich an Steinhoff interessiert hat, war seine Karriere und Bedeutung als 'Mittelfilm'-Regisseur - also als Regisseur der alltäglichen 'Kinounterhaltungskost' für den Massenmarkt." Und auch Steinhoffs Stummfilmen verhalf der Filmwissenschaftler zu neuer Aufmerksamkeit. Seit 1999 bemühen sich das Bundesarchiv/Filmarchiv in Berlin sowie die "University of the West England Bristol" unter Mithilfe von Horst Claus, die Filme des Regisseurs zu restaurieren. Seither sind mehrere dieser wiederhergestellten Filme auf bekannten Stummfilmfestivals wiederaufgeführt worden.

Letztendlich trifft man bei der Beschäftigung mit Hans Steinhoff auf eine zumal in Deutschland immer wieder neu gestellte Frage: Wie soll man sich als Rezipient zum Werk eines Künstlers stellen, dessen Ansichten dem Nationalsozialismus nahestanden, der aber künstlerisch durchaus etwas zu sagen hatte?

Horst Claus: Filmen für Hitler, Die Karriere des NS-Starregisseurs Hans Steinhoff, Verlag Filmarchiv Austria, Wien 2013, in Kooperation mit Deutsche Kinemathek und Das Bundesarchiv, 640 Seiten, zahlreiche Farb- und S/W-Abbildungen, ISBN 978-3-902781-27-7.

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