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Deutschland

Hanami in Bonn

Tausende Menschen sind an diesem Wochenende zum Kirschblütenfest nach Bonn gekommen, um die vergängliche Schönheit der pinken Pracht zu zelebrieren. Wirklich authentisch ist das für Japaner aber offenbar nicht.

"Ich glaube, wir finden hier keine Japaner", sagt meine Freundin, als wir uns durch die Menschenmenge in der Bonner Heerstraße schieben, einer Straße mit zahlreichen japanischen Zierkirschbäumen. Es ist kalt und bewölkt, Besucher haben sich dick eingepackt und Kopf und Kamera gen Blütenhimmel gerichtet. Wenn das Wetter schon nicht mitspielt, dann zumindest die Knospen: Pünktlich zum Fest sind alle aufgegangen.

Für Japaner ist die Kirschblüte ein wichtiges Symbol ihrer Kultur. Seit mehr als tausend Jahren feiern sie Hanami, die Tradition, sich an den blühenden Kirschbäumen zu erfreuen. Eigentlich müssten sie doch in Scharen anreisen, schließlich leben etwa 12.500 von ihnen hier in Nordrhein-Westfalen. Doch die ersten zwanzig Asiaten, die wir fragen, kommen aus China, Korea, Vietnam oder Thailand. Verzweiflung macht sich breit. "Du solltest nach sehr heller Haut Ausschau halten", raten mir drei Chinesinnen, die sich um ihren Selfiestick drapiert haben. Aha.

Plakat für das Kirschblütenfest (Foto: DW/H. Mund)

Das Kirschblütenfest findet zum dritten Mal statt

Nippes statt fernöstlicher Kultur

Es riecht nach Crêpe und Frittenfett, und aus den Boxen der Hauptbühne dröhnt das laute Organ des Bonner Rappers Samjoe. Statt japanischen Ständen gibt es allerhand Nippes zu kaufen. Einzig ein kleiner Sake-Stand erinnert an die kulturelle Verbindung zum Land der aufgehenden Sonne. Endlich Japaner unter einer Gruppe Austauschstudenten: "Ja! Die drei kommen aus Japan", antworten ihre Kommilitonen für sie. Maki, Mai und Taku lassen sich kurzerhand überreden, ihnen gefällt der Gedanke, über das Fest in ihrer Heimat zu reden. Maki, die mit ihrem markanten Gesicht ein wenig an eine junge Yoko Ono erinnert, möchte sich in einem Café aufwärmen. Keine leichte Aufgabe, alle Sitzgelegenheiten entlang der "Kirschblüten-Meile" sind belegt. Nur in einer dunklen Kneipe in einer Seitenstraße ist noch Platz.

Das Fest des Frühlings

Mai ist seit Februar in Deutschland, um für ein paar Monate an der Köln International School of Design zu studieren. In Matsudo, ihrer Heimatstadt im Nordosten von Tokio, gäbe es "eine der 100 besten Kirschblütenstraßen in Japan", schwärmt sie. Etwa anderthalb Stunden dauere es, bis man die Straße komplett entlang gelaufen sei. "Die Wettervorhersage für die optimale Blütezeit beginnt schon im Februar". Solche Voraussagen sind nicht ungewöhnlich, Hanami ist eins der wichtigsten Feste in Japan. "Es bedeutet, dass der Frühling da ist", sagt Mai.

Taku,Maki und Mai in der Bonner Heerstraße (Foto: DW/M.Verlaat)

Die Designstudenten Taku, Maki und Mai (v.l.n.r.)

"Blumen sehen"

Hanami bedeutet auf japanisch wörtlich "Blumen sehen", erklärt Mai. Für ihre Freundin Maki aus Sendai, im Norden der Insel, hat in der Zeit aber etwas ganz anderes Priorität: "Wir sagen zwar, dass wir in die Parks gehen, um die Blüten zu sehen, aber eigentlich gehen wir wegen dem vielen Essen. Es gibt sogar ein altes japanisches Sprichwort dazu: Dumplings sind besser als Blumen."

Während Hanami selbst also eher beschaulich sein soll, gibt es aber in Japan auch viele Festivals zu Ehren der Kirschblüte. So wie in Bonn laufen die aber auch nicht ab, sagt Mai: "Normalerweise gibt es dann Paraden oder traditionelle Tanzaufführungen. Keine Livemusik wie hier. Ich war sehr überrascht, als ich die Rapmusik gehört habe". In Makis Heimatstadt Sendai gäbe es gar keine Festivals, aber es seien "viele Kirschbäume entlang des Flusses gepflanzt worden, wo man dann sitzt und den Anblick der Sakura, der Kirschblüten, genießt".

Bühne mit Rapper (Foto: DW/M.Verlaat)

Konzerte wie das von Samjoe und Co. gibt es auf japanischen Kirschblütenfesten eher nicht

Dankbar für die Kirschblüten

Taku, der schon seit September in Köln wohnt, stellt ebenfalls viele Unterschiede zwischen den Festlichkeiten in Deutschland und seinem Heimatland fest. Die Form der Blüten sei in Japan anders, kleiner. "Wir machen an Hanami vor allem ein Picknick mit Freunden unter den Bäumen, hier läuft man nur durch." Trotzdem ist der 22-Jährige aus Kyoto dankbar, dass er auch in Deutschland so viele Sakura sehen kann. Einem Europäer mag das in dem Zusammenhang etwas übertrieben vorkommen, in Japan gehört der Ausdruck von Dankbarkeit aber zu den zentralen Werten.

Wir bedanken und verabschieden uns gegenseitig, dann mischen wir uns wieder ins Altstadtgetummel. Die Livemusik hat mittlerweile aufgehört. Vielleicht bleibt ja jetzt noch Zeit für ein Picknick.

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