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Deutschland

Hamburgs schwimmende Kirche

Es ist das einzige schwimmende Gotteshaus Deutschlands. Die Hamburger Flussschifferkirche bietet Stadtbewohnern und Touristen einen Ort der Ruhe, der Besinnung und des Gebets.

"Mögest du immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben." Kaum eine Schiffstaufe kommt ohne diese rituelle Formel aus. Kirchenbauten wird ein solch frommer Wunsch allerdings eher selten zuteil. Eine ganz besondere Kirche in Hamburg benötigt jedoch genau das: reichlich Wasser unter dem Kiel. Gut einen Meter Tiefgang hat die Hamburger Flussschifferkirche. Untergebracht ist das rund 26 Meter lange und sieben Meter breite Kirchenhaus auf einem über 100 Jahre alten Küstentransportschiff - und ist damit die einzige Kirche Deutschlands auf dem Wasser. Inmitten des geschäftigen Hamburger Binnenhafens, nicht weit vom Touristenmagneten Speicherstadt und dem neuen Stadtteil HafenCity entfernt, liegt die Flussschifferkirche vor Anker.

Im Fluss der Gezeiten

Die Kirchenglocke der schwimmenden Kirche Bild: DW/Marc von Lüpke, Hamburg, 13.06.2013

Anziehungspunkt für Stadtbewohner und Touristen

Wer diese evangelische Kirche mit ihrer bauchigen Form geruhsam im Wasser liegen sieht, fühlt sich unweigerlich an Noahs Arche erinnert. Ein Anziehungspunkt für Hamburger und Touristen. Mehr als 8000 Menschen haben im vergangenen Jahr den Weg in ihr Inneres gefunden. "Kirche kann auch anders sein", meint Ingrid Schwieger vom Förderverein der Flussschifferkirche. Jeden Sonntag findet hier auf dem Wasser der Elbe ein Gottesdienst statt. Wen es am vierten Sonntag des Monats Richtung Hamburger Speicherstadt zieht, der kann sogar an einem ganz besonderen Gottesdienst teilhaben: auf Plattdeutsch.

Im Bauch des Schiffes, dem ehemaligen Laderaum, gibt es reichlich Platz für bis zu 130 Besucher: Altar, Orgel, Taufbecken - alles, was eine Kirche braucht, ist vorhanden. Wellenbewegungen sind zum Glück eher selten zu spüren. Der Hafen allerdings macht sich durchaus bemerkbar, Schiffshörner zeugen vom regen Leben außerhalb des Schiffes.

Heirat auf dem Wasser

Der Altar im Schiffsbauch der Hamburger Flussschifferkirche Bild: DW/Marc von Lüpke, Hamburg, 13.06.2013

Ein Ort der Ruhe

Hier im Bauch der Flussschifferkirche, die auch liebevoll "Flusi" genannt wird, heiraten Menschen, lassen ihre Kinder taufen oder kommen einfach herein, weil sie neugierig sind, was das für ein besonderer Ort ist. Dabei beschränkt sich der Besucherkreis keineswegs auf Hamburger. Auch viele Touristen haben bereits an einem der Gottesdienste an Bord teilgenommen. "Es kommen viele Menschen hierher, die von sich selbst sagen, dass sie mit der Kirche gar nichts zu tun hätten", berichtet Ingrid Schwieger über die Besucher der schwimmenden Kirche, "die meisten sind dann plötzlich sehr angetan. Irgendwie merkt man, dass dann eine Schranke fällt."

Kirchenschiff in Gefahr

Angesichts der großen Beliebtheit, die die Flussschifferkirche als Hamburger Institution genießt, ist es kaum zu glauben, dass das Kirchenschiff noch vor wenigen Jahren in seiner Existenz bedroht war. "Dieser Kahn sollte verschrottet werden", berichtet Helge Adolphsen, ehemaliger Hauptpastor des Hamburger Wahrzeichens St. Michaelis und Schirmherr der Flussschifferkirche, über das Krisenjahr 2007.

Aus Geldnot wollte die Nordelbische Kirche damals die Flussschifferkirche auflösen. Der langjährige Förderverein der Flussschifferkirche übernahm die alleinige Verantwortung für das Kirchenschiff. Das bedeutet: keine Pfarrstelle und kein Geld seitens der Kirche. Und nicht nur das: Auch die Gemeindearbeit ging in die Obhut des Vereins über - eine bislang einmalige Konstellation.

Ehrenamtliche halten die Kirche über Wasser

Die besondere Organisation bringe viel Verantwortung mit sich, sagt Ingrid Schwieger. "Wir müssen das Schiff mit allem Drum und Dran aus Spenden finanzieren". Der Unterhalt einer schwimmenden Kirche sei beträchtlich. Die Liegegebühr im Hafen verschlinge jedes Jahr hohe Summen.

Das ehrenamtliche Engagement der Fördervereins-Mitglieder erhält die Flussschifferkirche am Leben. Aber auch von anderer Seite kommt Hilfe. "Es gibt viele Menschen wie Pastoren und Pastorinnen, die uns ins Herz geschlossen haben. So bekommen wir alle Gottesdienste besetzt", berichtet Ingrid Schwieger. Auch Helge Adolphsen würdigt den unentgeltlichen Einsatz und die zahlreichen Spender, die die schwimmende Kirche unterstützen: "Wenn alles den Bach runter geht, gibt es eben Menschen, die den Bach wieder zum Strömen bringen."

Die Hamburger Flussschifferkirche vor der Kulisse der Speicherstadt in Hamburg Bild: DW/Marc von Lüpke, Hamburg, 13.06.2013

"Flusi" liegt malerisch vor der Hamburger Speicherstadt

"Die Kirche muss zu den Menschen gehen"

Die Flussschifferkirche geht auch zu den Menschen. Gleich neben dem Kirchenschiff, das in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, liegt die Barkasse "Johann Hinrich Wichern". Benannt ist sie nach dem Gründer der Rettungsmission "Rauhes Haus" in Hamburg. Wichern war es auch, der 1870 den ersten Missionar zu den Binnenschiffern sandte, um sich um ihr Seelenheil zu kümmern. Denn damals wie heute ist es den Flussschiffern kaum möglich, eine Kirche zu besuchen. "Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen können, muss die Kirche zu den Menschen gehen", so löste Wichern das Problem.

"Mit der Barkasse fährt ein Team aus lauter Ehrenamtlichen, begleitet von einem Diakon, zu den Binnenschiffern hinaus", sagt Ingrid Schwieger und beschreibt das zweite große Aufgabengebiet der Flussschifferkirche. Zweimal in der Woche nimmt die Barkasse Kurs auf die Liegeplätze im Hafen. Mit an Bord ist immer ein kleines Geschenk für die Binnenschiffer und ihre Familien - eine Zeitung in ihrer Heimatsprache und frische Äpfel. Diese Besuche sind äußerst beliebt. "Gerade heute Morgen haben unsere Freiwilligen 14 Binnenschiffe besucht", meint Helge Adolphsen.

Gerüstet für die Zukunft

Auf diese Weise pflegen die ehrenamtlichen Helfer der Flussschifferkirche eine jahrhundertealte Tradition. Mit großem Ernst wird um die Erhaltung dieser Institution gekämpft. "Es gab immer eine Flussschiffergemeinde hier in Hamburg!", sagt Helge Adolphsen - und vertritt, dass sich dies auch in Zukunft nicht ändern soll. Für Ingrid Schwieger liegt auf der Hand, warum so viele Freiwillige ihre Freizeit für die Flussschifferkirche opfern: "Es ist einfach sehr schön und berührend."