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Alltagsdeutsch – Podcast

Hamburgisch

Ob auf der Reeperbahn nachts um halb eins oder in den frühen Morgenstunden auf dem Fischmarkt - mit “moin“ kann man sich in Hamburg immer begrüßen. Doch der Hamburger schnackt nicht einfach drauflos, er kiekt erstmal.

Gisela:

"Was mir das Plattdeutsch bedeutet? Das will ich dir sagen, sehr viel! Sehr viel. Unsere Eltern haben mit uns früher nur Plattdeutsch gesprochen. Wir hatten inne Schulen natürlich große Schwierigkeiten, weil da Hochdeutsch gesprochen wurde. Ist natürlich, als wenn du ne Zweitsprache hast. Nich. Nur, ich muss dir ganz ehrlich sagen, wenn ich heute jemanden treffe, der Plattdeutsch spricht, ach, finde ich zu schön."

Lied: Henning Voscherau, Loreley "Ick weit nit wat soll dat bedüten ..."

Sprecherin:

Also, die erste Vokabel: Moin. Jo, moin. Morgens, Mittags, Abends, Nachts – Moin geht immer. Abgeleitet von "Mooi" – schön, bedeutet "‘n mooien Dag wünsch ik di" - einen schönen Tag, einen schönen Abend, eine schöne Nacht wünsche ich dir. Und wenn’s sehr sehr schön ist "moinmoin". All’ns klor? Denn man moinmoin! Und der Morgen ist schön. 5 Uhr, der Sonnenaufgang kaum zu erahnen – eine gute Zeit, sich in’s Zentrum hamburgischen - hanseatischen ’Geschnackes‘ zu werfen. Auf also zum Elbufer - auf den Hamburger Fischmarkt. Hier gibt’s Seelachs, Karpfen, Aal in rauen Mengen. Äpfel türmen sich in Pyramiden. Kartoffeln groß wie Männerfäuste. Der Fischmarkt lockt Kunden aus aller Welt. Hier, wo die Wellen hart an den Pier schlagen, trotzt der Hamburger der staifen Brise mit vollem Brustton. Doch der Hamburger, der schnackt nicht einfach so drauflos. Der kiekt einen erst mal an.

Otto Kleindorf:

"Man sagt ja, die Norddeutschen sind steif, aber wir sind nicht steif. Wir sind nur nicht so freundlich wie die Südländer, dass wir jeden gleich um den Hals fallen."

Sprecherin:

Sehr gut, geben wir ihm ein wenig Zeit.

Otto Kleindorf:

"Im Norden beäugt man sich erst mal und tastet sich ab, wie weit man gehen kann und wie weit man nicht gehen kann. Da stürzt man nicht gleich drauf los."

Sprecherin:

Die ersten Kunden stranden 6 Uhr morgens an den Theken des Fischmarktes. Nachtschwärmer, noch träge vom Alkohol, agile Frühaufsteher, Feinschmecker mit übergroßen Einkaufskörben. Auf blanken Eisblöcken glotzen Fischaugen durch die Auslagen. Sauer und salzig.

Aale Dieter:

"Es ist eigentlich ganz einfach. Ich heiße Dieter und verkaufe Aale. Deswegen Aale-Dieter. Ich kann auch Platt sprechen. Ich kann sogar die Egilklie-Opperkli-Achespri. Das ist die Kegelkloppersprache, genau, die Kesselkloppersprache. Früher hatten wir ja die Dampfschifffahrt in Hamburg, da gab’s die Kesselklopfer. Und zwar, wenn die Schiffe rei kamen, dann wurden die Kessel kleiner, weil sich drinnen Ruß abgesetzt hat. Dadurch war die Leistung der Schiffe nicht mehr so. Da gab’s die Kesselkloppergang. Damit keiner mithörte, hatten die ihre Kegelkloppersprach. Und dann heb sei secht "Udi espri erwi öpri". Damit die anderen das nicht hören sollen. Das heißt "Du bist verrückt". Oder " Uwi espi üpli". Das heißt "Du bist lieb". Oder "Udik anski anmi urski einkli". Das heißt "Du kannst mich am Hintern kleien." Und diese Sprache können nur ganz wenige. Das sind die richtigen, wahren Hamburger."

Sprecherin:

Ja, und um ein solcher zu sein, müssen mindestens die Eltern und auch Großeltern hier zwischen Elbe und Alster geboren worden sein. Alle anderen werden nur "Quitsches" genannt – die Zugereisten. Und selbst unter den echten Hamburgern gibt es noch "echtere" - das sind die St. Paulianer - die aus dem Stadtviertel St. Pauli.

Jürgen Zismer:

"Ich bin auf St. Pauli aufgewachsen, Große Freiheit bin ich geboren, Kleine Freiheit zur Schule gegangen und ich war auch hier nie weg. Das ist ein ganz dolles Gefühl. Es gibt nur noch ganz wenige hier, die direkt von hier unten sind. Die echten St.-Paulianer von früher, so wie ich es einer bin, die schnacken natürlich auch platt unter sich. Auf der anderen Seite spricht gerade der St.-Paulianer einen sehr breiten Hamburgischen Dialekt, was in Winterhude oder Blankenese nicht der Fall ist."

Sprecherin:

Na klar! Hamburger ist nicht gleich Hamburger. Und auch Hamburger Platt ist nicht gleich Hamburger Platt. Entlang der Alster, einem kleinen Flüsschen inmitten der Stadt, verläuft eine Linie.

Henning Voscherau:

"Da sage ich nur links oder rechts der Alster, wurde es unterschiedlich ausgesprochen."

Sprecherin:

Er kennt beide Seiten, links und rechts der Alster – Henning Voscherau, waschechter Hamburger und ehemaliger Bürgermeister des Stadtstaats. Am Klang erkennt er seine Leute.

Henning Voscherau:

"Ich sage ihnen einfach mal das plattdeutsche Wort für ’warten’ heißt entweder ’Toiben‘ oder ’Teuben‘. Man sprach wohl rechts der Alster eher in ’Toiben‘, Eimsbüttel, und links der Alster, Barmbek, eher ’Teuben‘. So habe ich von meinen Großeltern ’Teuben‘ gelernt. Wohingegen die feinen Leute aus Blankenese, die sprechen ja viel feiner. Und die warten im Garten. Und nich waaten im Gaaten."

Sprecherin:

Hamburger sind nicht gleich Hamburger, und Platt ist eben nicht gleich platt. Die machen es einem aber auch nicht leicht. Fragen wir jemanden, der es nicht nur hört, sondern auch erforscht: Jürgen Meier, Germanist an der Universität Hamburg. Spezialgebiet: Niederdeutsch. Wir würden sagen: Plattdeutsch.

Jürgen Meier:

"Wichtige Merkmale sind die ausgebliebene Lautverschiebung. Das heißt, p, t, k wurden im Hochdeutschen zu pf, ff, tz oder z oder s und k zu ch verschoben. Der Pfaffe heißt im Niederdeutschen der Pape, oder die Katze, de Kat oder die Küche de Kök oder ziehen heißt tehen."

Sprecherin:

Ja, das kann man wohl sagen. Beim Aufspüren von Hamburgern, die noch so richtig fließend Plattdeutsch sprechen, muss man vorgehen, wie ein Trüffelsucher. Denn sobald man sich als Hochdeutsch-Sprecher verrät, wird fürsorglich ebenfalls ins Hochdeutsche umgeschwenkt. Plattdeutsch-Sprecher sind polyglott.

Gemüsehändler:

"Ich kann drei Sprachen: Hochdeutsch, Plattdeutsch und über andere Leute."

Sprecherin:

Doch spitzt man die Ohren, erklingt ganz unverhofft ein munteres Geschnacke aus der Menge.

Gemüsehändler:

"Wi heb hier Rosenkohl, Tomaten, Zucchini, Gurken, Rote Beete, Wöttel oak. Die sin ganz swart, die witten Wöttel. Das ist folgendes. Wir sind das von der Wiege an ge-wohnt. Vater hat platt geschnackt, mit meiner Mutter hab ich hoch, mit dem Nachbarn hab ich wieder Plattdeutsch geschnackt, mit der Frau wieder Hochdeutsch. Wie das gerade so hinkommt. Ich kann aber auch besser mit Platt als Hoch. Ja das geht besser. Vor allen Dingen verspricht man das mir und mich nicht so schnell. Da heißt das immer nur mi. Lat mi na hus gone."

Sprecherin:

Lat mi na hus gone – Lass mich nach hause gehen. Der plattdeutsch-sprechende Hamburger findet Genuss an Vokalen und Konsonanten.

Henning Voscherau:

"Das Hildebrandslied. Altniederdeutsch. Erste Zeile, erster Vers. Ick geh horta dat seggen."

Sprecherin:

Er nimmt sich Zeit für die Artikulation im Rachenraum.

Henning Voscherau:

"Daaß sich uhre hettun... Ich hörte sagen. Ick geh horta dat seggen. Das versteht man ja. Dass sich Recken trafen zwischen den Heeren. Hildebrandt und Haddubrandt, die zogen dann beide ihr großes Schwert, gingen aufeinander los und der Sohn brachte den alten Vater um."

Sprecherin:

Oh jemine, oh jemine, so spricht Henning Voscherau in feinstem Altniederdeutsch. Eine Form des Plattdeutschen, das heute kaum noch jemand spricht. Was man heute noch hö-ren kann, ist Missingsch. Abgeleitet von dem Wort Messing – ist Missingsch, so etwas wie eine Legierung, eine Mischform aus Platt- und Hochdeutsch.

Lied von Freddy Quinn

Sprecherin:

Also, der gemeine Hamburger, der fährt zur See. Auf jeden Fall kann er davon erzählen. So wie Freddy Quinn, der selbst nie Wasser unterm Kiel gesehen hat. Doch es gibt ande-re, die schippern täglich. Wie Otto Kleindorf. Der fährt raus aufs Meer, seit nunmehr 40 Jahren.

Otto Kleindorf:

"Mein Arbeitsplatz ist das. Ich lieb ihn. Soll ich noch mehr sagen?

Sprecherin:

Ja, im Hamburger Hafen kennt er jede Untiefe und die tückischen Strömungen der Tiede – der Gezeiten.

Otto Kleindorf:

"Man muss schippern können! Wenn man das nicht kann, sollte man es lieber nachlassen. Schippern ist das, was ich grad hier mach. Da gehört nichts zu. Talent muss man haben, um mit einem Schiff umgehen zu können. Mehr Talente kann ich jetzt aber nicht mehr erzählen."

Sprecherin:

Ja, wie ist das denn mit dem Plattdeutschen? Hat er das Talent nicht auch?

Otto Kleindorf:

"Nein. Das können die Wenigsten heute hier noch. Da gibt es Vereine für, dass man das lernen kann. Ich kann zwar Platt verstehen aber perfekt sprechen kann ich das auch nicht mehr. Nein, das kann ich nicht mehr. Das geht automatisch aus dem Reden raus, und wenn ich jetzt auf Kommando was sagen sollte, das könnte ich gar nicht mehr."

Sprecherin:

Otto Kleindorf steuert Touristen vorbei an haushohen Containerschiffen und durch die ver-schlungenen Wasserstraßen der Speicherstadt. Während er steuert, ist Hans-Peter Otto fürs Erklären zuständig.

Hafenerklärer Peter:

"So, schönen Nachmittag verehrte Fahrgäste, meine Damen und Herren..."

Sprecherin:

Deshalb heißt er auch Hafenerklärer.

Hafenerklärer Peter:

"Ich bin der Peter, Ihr Hafenerklärer, und möchte Sie nun im Namen der HADAG Seetouristik recht herzlich bei uns auf dem Rundfahrtschiff Kirchdorff begrüßen..."

Sprecherin:

Die Hamburger nennen die Hafenerklärer nur Heylöcht – er lügt. Das heißt, man darf ihnen nicht alles glauben, von verschluckten Seemännern in Fischbäuchen und himmelho-hen Sturmfluten.

Hafenerklärer:

"Na wat willst’n hörn Dirn. Wat soll ick dei vertellen? Habb schon what sabbelt. Sei het schon wat hört von mi. So ick ben Heilöch. Mei nom is Hans-Peter Otto. Det wärs. So."

Sprecherin:

So, allmählich senkt sich der Tag, so langsam verschwindet der Hafen im Dunst der Dämmerung. Schlendert man 10 Minuten Richtung Norden tauchen im Schummerlicht blinkende Reklameschilder auf, künden vom ’Club Tabulos‘ oder dem ’Point of Sex‘. Die Reeperbahn – ein ganzer Straßenzug voller Lust und Last: Nachtclubs, Varietés, Bars und zwielichtige Etablissements. Ganz am westlichen Ende, gleich neben dem ’Eroscenter’, dem Sündepfuhl, da liegt eine kleine Oase – der ’Eroslunch‘. Hohlmeierluden, leichte Mädchen, Straßenbummler – sie alle kommen zu Gisela, in den kleinen Imbiss. Denn Gi-sela kocht wunderbar. Jeden Tag ein Leibgericht.

Gisela:

"Pass auf! Das sind Steckrüben auf dicke Rippe gekocht. Da werden Steckrüben geschält, geschnitten, gekocht. Mit Kartoffeln zusammen. Und dann wird das ein ganz klein bisschen gestampft, nur nicht so doll, damit das nicht so matschig ist."

Sprecherin:

Oh Mann, Gisela, oh Mann, du kannst vielleicht gut kochen. Kannst denn auch plattdeutsch snacken?

Gisela:

"Ich mag mich so gerne mit jemandem auf Platt unterhalten. Ich finde das so schön. Meine Tochter, die kann überhaupt kein Platt. Will sie gar nicht. Stell dir mal vor, ich mit meine Geschwister Hochdeutsch sprechen, du. Gerda und ich, wir sprechen auch Platt. Find ick zu schön."

Sprecherin:

Es ist so schön bei Gisela. Und sie ganze Nacht noch steht sie hinterm Tresen, verkauft Steckrüben, Kartoffelsalat und Astrabier. Um sie herum erwacht das Hamburger Nachtleben.

Fragen zum Text

Moin kann man … sagen.

1. nur morgens

2. immer

3. nur abends

“Lat mi na hus gone“ heißt auf Hochdeutsch …

1. “lass mich nach hause gehen“.

2. “lass mich in Ruhe.“

3. “mein Haus ist weg.“

Was ist Missingsch?

1. eine Mischform aus Platt- und Hochdeutsch

2. ein Edelmetall

3. ein Mischgetränk

Arbeitsauftrag

Gehen Sie auf die Internetseite www.dw-world.de/dialektatlas. Sie erreichen den Dialektatlas auch über den unten angehängten Link. Suchen Sie die Rubrik Hamburgisch. Dort finden Sie unter anderem das Loreley Lied. Hören Sie es sich auf Hamburgisch an und lesen Sie den hochdeutschen Text mit.

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