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Reise

Hamburg: Ein Tag auf der Reeperbahn

Früher wollte St. Pauli mit seinen Varieté-Shows Paris imitieren. Inzwischen ist die Reeperbahn fest in der Hand trinkwütiger Junggesellen und Ballermann-Touristen. Eine nostalgische Kiez-Tour mit einem Ex-Zuhälter.

Sie haben Safari Spezial mit dem "Blonden Hans" gebucht. Zweieinhalb bis drei Stunden Reeperbahn, eine Nostalgie-Kieztour mit einem der sich auskennt. 29 Touristen, viele Frauen um die Fünfzig sind darunter. Einige glucksen wie Teenager, die Männer schweigen verlegen, wenn der "Blonde Hans" spricht. Seine Sprache ist deftig. Die versprochenen "persönlichen Einblicke in St. Paulis längst vergangene Zeiten" kommen nicht von ungefähr.

Hans Jürgen Schmitz alias Blonder Hans, Kieztouren-Führer in Hamburg

Der "Blonde Hans" - Touristenführer mit Vergangenheit

Ein Mann, ein Kiez

"Blonder Hans" nennt sich der Hüne in Anspielung auf einen Schlager von Hans Albers selbstbewusst, auch wenn er mit seinen 67 Jahren längst ergraut ist. Hans Jürgen Schmitz, wie er eigentlich heißt, ist heute ein braver Touristenführer. In den siebziger Jahren hingegen war er Zuhälter, Bordellbesitzer und, so sagt er stolz, "Dauergast in der Davidwache", der weltbekannten Polizeistation an der Reeperbahn. Damals. Er kommt ins Schwärmen, erzählt von einer dunkelhaarigen Schönheit mit Schlafzimmerblick. Ein Typ wie die Sängerin Sade, "meine Güte, das war 'ne Hübsche". Domenica hieß die Dame, sie war einst die berühmteste Prostituierte Deutschlands - und eine Zeitlang mit dem Blonden Hans liiert.

Ausgerechnet dieser Mann, ein Kiez-Urgestein, nie um eine schlüpfrige Bemerkung verlegen, führt heute Touristen über die Reeperbahn? Vielleicht ist das bezeichnend für den Wandel auf dem Kiez. Er möge den ganzen Kommerz nicht, sagt der Blonde Hans später bei einem Bier, es klingt fast entschuldigend. Er wolle den Menschen lieber das St. Pauli von früher zeigen, das echte, unverdorbene, authentische. Das St. Pauli seiner Jugend, als noch nicht täglich Horden von Junggesellen in peinlichen Verkleidungen über die Reeperbahn taumelten, um am Ende in einer dieser austauschbaren Discotheken mit Ballermann-Musik auf die Tanzfläche zu reihern.

Neugier auf das Verruchte

"Nostalgie-Tour" hat der Blonde Hans daher seine knapp dreistündigen Kiez-Führungen getauft, organisiert von der geschäftstüchtigen Drag-Queen Olivia Jones. Manchmal geht er fünf Mal die Woche los. Ab 34 Euro kosten die Führungen. Und der Blonde Hans ist nicht konkurrenzlos. Längst lebt die Reeperbahn auch von der Vermarktung ihres eigenen Mythos. Der Umsatz mit Sex auf der angeblich so sündigen Meile ist drastisch zurückgegangen. Dafür boomt jetzt das touristische Interesse für das Rotlichtmilieu.

Hamburg Reeperbahn, Restaurant Gosch außen

Orte verschwinden - Fischbrötchen statt Tanzlokal

Aus Datteln, Zürich, Pegnitz, Düsseldorf und Berlin sind sie gekommen, um an diesem Abend den Blonden Hans zu sehen. Und der Ex-Zuhälter mit der Pilotenbrille enttäuscht sein Publikum nicht. Er schäkert mit einer Frauengruppe, die ihr jährliches männerfreies Treffen diesmal in Hamburg feiert und sich stets eng um ihn schart. Kameras werden gezückt, als er mit dröhnender Stimme von den "ganz fürchterlichen" Kriegen verfeindeter Kiez-Banden erzählt. "Nutella" hieß die eine, "GmbH" die andere, berüchtigt sei dort besonders der "schöne Michael" gewesen. "Bei dem wärst du auch schwach geworden", ruft Hans einer der Frauen zu. Die Pointen sitzen, auch wenn sie etwas einstudiert wirken, etwa als er vor einer Travestie-Bar sagt: "Ich möchte nicht sehen, dass du da als Kerl reingehst und als Frau wieder rauskommst!"

Kiez im Wandel

Viele Sätze klingen an diesem Abend aber auch so: "Das gibt es nicht mehr, leider Gottes. Den Top Ten Club an der Reeperbahn 136 etwa, in dem die Beatles etliche Auftritte hatten. Das ehrwürdige Tanzlokal Café Keese, in dem seit 2013 die feine Sylter Fischbrötchen-Kette Gosch eingezogen ist, für viele Einheimische Symbol des Kulturverlusts. Der Live-Musikclub Molotow, der nach Jahrzehnten auf der Reeperbahn umziehen musste. Die Esso-Häuser, die derzeit abgerissen werden samt der berühmten Tankstelle, an der wohl mehr Alkohol als Benzin getankt wurde. Alles Geschichte. "Leider Gottes" sagt der Blonde Hans. Es ist seine häufigste Redewendung an diesem Abend.

Reeperbahn in Hamburg

Mythos Reeperbahn - ein Kiez vermarktet sich selbst

In der Tat hat sich viel verändert. Einst wollte St. Pauli mit seinen Revues, Kabaretts, Varieté-Vorführungen und Can-Can-Tänzerinnen Paris imitieren. Die Läden trugen exotische Namen wie "Colibri", "Salambo" oder "Honolulu". Im "Hippodrom" bezahlten die Männer die Mädchen dafür, dass sie auf Pferden im Takt der Blasmusik durch eine Arena ritten. Der Galopp kostete 70 Pfennig mehr als das Traben, weil dann die Brüste besonders hüpften.

13 Kabaretts gab es allein in der Großen Freiheit, einer Seitenstraße der Reeperbahn. Keines davon hat überlebt. Im Februar 2014 schloss mit dem "Safari" das letzte Live-Sex-Kabarett Deutschlands. Die Darsteller mimten in ihren Shows beispielsweise einen liebestollen King Kong oder ließen Willie seine Biene Maja vernaschen.

Legenden der Vergangenheit

"Seit fünf Jahren geht es steil bergab", sagt Andrea, eine Prostituierte. Sie arbeitet in der Herbertstraße, jener legendären Parallelstraße zur Reeperbahn, die nur Männer betreten dürfen. Für fünf Euro pro Person steht sie nun den Touristen des Blonden Hans Rede und Antwort. Wie viele Kunden sie heute gehabt habe, will einer wissen. "Keinen!", erwidert sie kurz. Und gestern? Genauso schlecht. Wer diskret eine Prostituierte suche, gehe mit Sicherheit nicht in die Herbertstraße und auf die Reeperbahn.

Plakat der Klitschko-Brüder im Hamburg Club Ritze, Hamburg

"Zur Ritze" - Erinnerungen an bessere Zeiten

So lebt die sündige Meile heute wohl eher von den Legenden ihrer Vergangenheit. Die Boxerkneipe "Zur Ritze" in einem nach Urin stinkenden Hinterhof etwa gilt noch als weitgehend authentisch, hat aber mit all ihren vergilbten Bildern und Autogrammen auch etwas Museales. Henry Maske und die Klitschkos trainierten im Boxkeller der Kneipe, der als "Kiez-Klatscher" berüchtigte Stefan Hentschel erhängte sich neben dem Ring, ein anderer Zuhälter wurde hier erschossen - Stoff für Kiez-Legenden.

Vom Varieté zum Supermarkt

Alles Vergangenheit. Das wahre Herz von St. Pauli schlägt womöglich ein paar Meter weiter und ist gelb-rot. Ein Penny-Markt. Die umsatzstärkste Filiale in Hamburg. Geöffnet auch sonntags und Weihnachten bis spätabends. Frisches Gemüse gibt es hier eher wenig, dafür umso mehr Alkohol zum Vorglühen. Es ist ein Tummelplatz für schräge Typen und Kiez-Originale.

Der Blonde Hans möchte seinen Touristen nun erzählen, was hier früher einmal war. "Oh, jetzt kommt der wieder mit seiner Geschichte mit den Telefonen an", stöhnt ein Mann, der vor dem Penny herumlungert. Er ist offensichtlich betrunken, weiß aber auch, was der Touristenführer nun erzählen wird. Dass hier bis 1958 das "Allotria" war, das vielleicht schönste Varietétheater von St. Pauli. Dass hier später das "Bayrisch Zell" aufmachte, ein Laden, in dem jeder Tisch sein eigenes Telefon hatte und die Gäste untereinander telefonieren konnten. Dass man hier früher also die Mädels bequem per Telefon an seinen Tisch einlud.

"Mensch, Telefone gibt's doch immer noch!", ruft der Betrunkene. Nostalgie ist ihm offenbar völlig fremd. Der Blonde Hans geht schweigend weiter.

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