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Nahost

Hamas setzt auf Entführungen als Kriegswaffe

Gekidnappte Soldaten oder Zivilisten treffen die öffentliche Wahrnehmung in Israel offenbar empfindlicher als getötete Israelis. Darauf hat sich die Hamas eingestellt und versucht, Israelis in ihre Gewalt zu bekommen.

Die israelische Armee setzt ihre Bodenoffensive fort. Während bei den

blutigen Kämpfen im Gaza-Streifen

immer mehr Menschen sterben, erweitert die radikale Palästinenserbewegung Hamas ihre Strategie. Mit andauernden Raketenangriffen auf Israel will sie ihre ungebrochene Kampfkraft demonstrieren. Zusätzlich will sie offensichtlich mit der Entführung von Israelis ein Faustpfand für spätere Verhandlungen gewinnen.

Die Kassam-Brigaden als militärischer Arm der Hamas erklärten, sie hätten in der Nacht zum Montag (21.07.2014) einen israelischen Soldaten entführt. Ein Sprecher des israelischen Militärs wollte das zunächst nicht bestätigen, konnte es aber auch nicht ausschließen. Davon abgesehen hat es nach israelischen Angaben schon mehrere Versuche gegeben, Israelis in das Palästinensergebiet zu verschleppen. Das weckt Erinnerungen an den jungen Offizier Gilad Schalit, der fünf Jahre lang in der Hand der Hamas war.

Öffentliche Identifikation mit den Entführten

Auch die jüngste Eskalation der Gewalt fing mit einer Entführung an. Drei Studenten einer jüdischen Religionsschule im Alter von 16 bis 19 Jahren waren am 13. Juni im Westjordanland verschleppt worden. Tagelang fühlte das ganze Land mit den Familien der drei jungen Männer. Jeder Israeli konnte sich nach Ansicht des israelischen Psychologen Irwin Mansdorf mit den Betroffenen identifizieren. "Sie hatten das Gefühl, dass ihre eigenen Kinder an deren Stelle sein könnten", erklärt der Forscher des Jerusalem Center for Public Affairs im DW-Gespräch.

Nachdem die Jugendlichen ermordet aufgefunden wurden, kamen Tausende zu ihrer Beerdigung. Gleichzeitig ging das israelische Militär bei Razzien massiv gegen mutmaßliche Unterstützer der Hamas vor. Vermutlich aus Rache brachte eine Gruppe Israelis einen 16-jährigen Palästinenser um. Aus dem Gaza-Streifen wurden immer mehr Raketen auf israelische Städte abgefeuert. Schließlich reagierte die israelische Armee mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Bis Montagnachmittag starben mehr als 500 Palästinenser und 18 israelische Soldaten.

Entführungen um jeden Preis verhindern

Auf gefallene Soldaten reagiert die israelische Öffentlichkeit anders als auf Entführungen. "Das Nicht-Wissen und die Verwundbarkeit dadurch, der Gnade anonymer Kidnapper ausgeliefert zu sein, sind in vieler Hinsicht schlimmer, als einen Soldaten zu Grabe zu tragen", meint der israelische Journalist Anshel Pfeffer nach dem Mord an den drei Jugendlichen. Deshalb habe die israelische Armee Anweisung, bei der Verschleppung eines Kameraden auf das Fahrzeug der Entführer zu schießen. Es gelte, die Entführung um jeden Preis zu verhindern - auch wenn der gekidnappte Soldat dabei ums Leben komme, erklärte Pfeffer in einem Beitrag für die britische Tagezeitung "The Guardian".

Hamas-Kämpfer im Jahr 2009 vor einem Wandbild mit dem Porträt des entführten Soldaten Schalit. (Foto: EPA)

Ein Hamas-Kämpfer vor einem Wandbild mit dem Porträt des 2006 entführten Soldaten Schalit

2006 konnte die Armee die Entführung von Gilat Schalit nicht verhindern. Ein Palästinenserkommando war durch einen Tunnel auf israelisches Gebiet vorgedrungen und hatte einen israelischen Armeeposten überrascht. Zwei Soldaten starben bei dem Angriff. Die israelische Öffentlichkeit war geschockt.

Die Hamas weiß um die Wirkung verschleppter Israelis. Ein getöteter israelischer Soldat unterstreicht zwar die Kampfkraft der Hamas, nutzt der Organisation laut Mansdorf aber sonst nicht. "Ein toter Soldat ist traurig für die Familie. Israel trauert, beerdigt den Soldaten und das war es auch", beschreibt der Psychologe. "Aber ein lebendiger Soldat hat einen immensen Wert, das haben wir im Fall Schalit gesehen."

Tausend Palästinenser für Schalit freigelassen

Die Regierung in Jerusalem versuchte jahrelang vergeblich, Schalit zu befreien oder seine Freilassung auszuhandeln. Schließlich willigte Israels Premier Benjamin Netanjahu in einen Austausch ein. Im Gegenzug für die Freilassung des mittlerweile 25-jährigen Schalit ließ Israel im Jahr 2011 mehr als 1000 palästinensische Häftlinge frei. Ein Teil von ihnen war nach israelischen Angaben für den Tod von Israelis verantwortlich. Das Zahlenverhältnis von eins-zu-tausend stieß damals in Israel auf massive Kritik. Doch die öffentliche Identifikation mit Schalit erzeugte laut Mansdorf den nötigen politischen Druck. "Jeder konnte sich vorstellen, dass dieser Soldat 'sein Bruder' oder 'sein Sohn' gewesen wäre", sagt der Experte des Jerusalem Center for Public Affairs. Diese Identifikation sei mit dem öffentlichen Mitgefühl für die drei gekidnappten Jugendlichen vergleichbar gewesen.

Rauch steigt nach einem israelischen Luftangriff über Gaza-Stadt auf (Foto: Reuters).

Die Kämpfe im Gaza-Streifen gehen ungeachtet internationaler Appelle weiter

Die Hamas hat laut Mansdorf ihre psychologische Kriegsführung auf diesen Effekt ausgerichtet. "Wir wissen, dass es ein Ziel von Hamas ist, israelische Soldaten oder einen israelischen Staatsbürger zu entführen", sagt der Psychologe. Darauf deuteten die Versuche von Palästinenserkommandos hin, die in den vergangenen Tagen nach Israel eindringen wollten. Bei ihnen seien unter anderem Fesseln und Betäubungsmittel gefunden worden.

Mit selbstgegrabenen unterirdischen Gängen sichern die Hamas und andere Palästinensergruppen im Gaza-Streifen nicht nur ihren Nachschub von ägyptischem Territorium her. Sie wollen wie 2006 auch auf israelisches Gebiet gelangen. Im Süden Israels tötete die Armee nach eigenen Angaben am Montagmorgen mindestens zehn Hamas-Kämpfer. Sie waren demnach durch zwei Tunnel eingedrungen. Auch der Häuserkampf im Gaza-Streifen birgt für die israelischen Einheiten die Gefahr, dass Soldaten palästinensischen Kämpfern in die Hände fallen. Dann könnte sich laut Mansdorf der Fall Schalit durchaus wiederholen. "Die beste Vorhersage von künftigem Verhalten ist vorhergehendes Verhalten", sagt er.

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