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Politik

Hamas könnte sich verrechnet haben

Mit ihrem Raketenbeschuss auf Israel haben palästinensische Extremisten nicht nur die Ruhe im frisch gewonnenen Gazastreifen gefährdet, sondern auch ihr Ansehen in den eigenen Reihen, meint Peter Philipp.

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Peter Philipp

Peter Philipp

Das hatte "Hamas" sich eigentlich etwas anders vorgestellt: Als Israel sich vor einigen Wochen nach monatelanger Ankündigung endgültig aus dem Gaza-Streifen zurückzog, da wollte die Islamisten-Organisation diesen Rückzug als großen Sieg deklarieren. So wie die libanesische Hisbollah den freiwilligen israelischen Rückzug vom Sommer 2000 bis heute als Sieg über den "zionistischen Feind" feiert.

Im Fall des Gaza-Streifens aber wissen die Palästinenser, dass dies kein Sieg über Israel war. Die Erleichterung über den Abzug war so groß, dass man jeden verwünschen wird, der die so teuer erstandene Ruhe wieder gefährdet.

Falsches Siegesbewusstsein

Das genau aber tun Hamas und Islamischer Jihad - die beiden radikalen islamistischen Organisationen, die sich bis heute nicht mit der Anerkennung des israelischen Existenzrechtes abgefunden haben: Strotzend vor falschem Siegesbewusstsein paradierte Hamas am Freitag (23.9.) durch die Strassen von Gaza und führte dabei auch scharfe Raketen mit. Einige von ihnen explodierten nach einem Unfall und töteten zahlreiche Zivilisten. Der Schuldige war in den Augen von Hamas sofort gefunden - Israel. Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten: Dutzende von Raketen gingen auf den Ort Sderot nieder. Israel antwortete mit Luftangriffen und gezielten Morden an palästinensischen Extremisten. So, als hätte es nie einen Rückzug gegeben.

Eine Untersuchung hat übrigens mittlerweile ergeben, dass die am Freitag explodierten Raketen tatsächlich auf leichtsinnigen Umgang mit dem Sprengstoff zurück zu führen waren und nicht auf einen israelischen Angriff, teilte der palästinensische Innenminister Taufik Abu Chussa mit.

Sehnsucht nach Frieden

Das Ansehen von Hamas unter der palästinensischen Bevölkerung dürfte - ja: sollte - durch diese Entwicklung Schaden nehmen. Denn die Extremisten haben genau das aufs Spiel gesetzt, wonach die Leute sich seit Jahren sehnten: Ruhe, langsame Normalisierung und erste Schritte in Richtung eines eigenen Staates. Und selbst wenn kein Palästinenser dies offen aussprechen wird: Er wird doch verstehen, dass Israel es sich nicht gefallen lassen kann, dass der Gaza-Streifen nach dem Abzug zur Basis für Angriffe auf Israel wird.

Israels Ministerpräsident Ariel Scharon kann dies umso weniger zulassen, als er in der politischen Szene seines Landes und seiner Partei wegen des Abzuges aus Gaza immer mehr unter Druck gerät. Sein großer Widersacher, Benjamin Netanyahu, möchte Scharon als Parteiführer und später dann auch als Regierungschef ablösen. Scharon muss deswegen demonstrieren, dass der Abzug eben doch zum Vorteil für Israel ist. Zumindest aber, dass Israel durch diesen Abzug kein besonderes Risiko eingegangen ist und sich nicht der Freiheit beraubt hat, auf Gewalt und Aggression zu reagieren.

Härteres Durchgreifen

So weit, so gut. Eine Lösung des Konflikts kann auf dieser Grundlage aber nicht gefunden werden. Sie erfordert energischeres Durchgreifen auf palästinensischer Seite. Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas muss zeigen, dass er kein symbolischer Präsident ist, sondern dass er die Autorität hat und einsetzt, um im Gazastreifen für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Erst dann kann man von Israel verlangen die Angriffe auch einzustellen.

Noch muss abgewartet werden. Aber es sieht so aus, als könne Abbas für diese Aufgabe eine Mehrheit der Palästinenser gewinnen, weil diese einfach Ruhe und Frieden wollen. Zum ersten Mal könnte Hamas sich gründlich verrechnet haben.

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