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Wissen & Umwelt

Halb deutsch, halb türkisch - und mit ganzem Herzen Physiker

Sani Tolan kam vor genau 50 Jahren als Gastarbeiter aus Anatolien nach Deutschland und gründete mit Ruth Hoffmann eine Familie. Ihr Sohn Metin ist jetzt Physik-Professor und rechnet unheimlich gern - sogar im Kino.

Portraitfoto Metin Tolan (Foto: TU Dortmund)

Metin Tolan

Wer Metin Tolans Büro an der TU Dortmund betritt, merkt gleich, dass etwas anders ist: Die eine Wand ziert ein riesiges Standplakat von James Bond mit schussbereiter Maschinenpistole in der Hand, als Bildschirmhintergrund hat der Professor für experimentelle Physik ein Star-Trek-Motiv gewählt. Auf seinem Schreibtisch türmen sich haufenweise Ordner, Zeitschriften und andere Papiere - man fragt sich, wie er da den Durchblick behält. Aber das tut er: Das Klischee des zerstreuten Physiker geht völlig an ihm vorbei.

Die Zeitschrift 'Unicum' hat Metin Tolan letztes Jahr zum Professor des Jahres gewählt; auf die Frage, wie man sich dabei fühlt, antwortet er: "Wenn man einen Preis bekommt, ist das natürlich immer gut. Aber ich glaube, da wurde ich echt überschätzt."

Deutsch als einzige Muttersprache

Metin Tolan sitzt an seinem Computer am Schreibtisch.

Metin Tolan an seinem Schreibtisch

Wie sein Name verrät, ist Metin Tolan türkischer Abstammung: "Mein Vater kam 1961 als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland - er war Maurer und hat in Norddeutschland große Industriesilos für Getreide gebaut." Während Tolan entspannt in seinem Stuhl sitzt und erzählt, greift er des Öfteren zu seiner Kaffeetasse. Dass sein Gegenüber keinen Kaffee mag, kann er gar nicht verstehen.

Seine Mutter Ruth Hoffmann, berichtet er weiter, stamme aus Schlesien. Er sei in Oldenburg im Holstein aufgewachsen, zusammen mit seinem Bruder Kemal und seiner Schwester Yasemin. "Auf dem Gymnasium waren wir die einzigen Kinder mit einem ausländischen Vater - das ist heute gar nicht mehr denkbar", sagt er. In seinem Freundeskreis habe es aber niemals Zwischenfälle aufgrund seiner Herkunft gegeben, "allerdings hat der eine oder andere Elternteil schon Probleme gehabt; das hat man schon ein bisschen mitbekommen - als Kind ist man dafür sehr sensibel."

Im Hause der Tolans wurde nur Deutsch gesprochen, die türkische Sprache hat er daher nie gelernt. Schließlich sei fast keiner da gewesen, mit dem er Türkisch hätte sprechen können - lediglich sein Vater, "und der konnte so perfekt Deutsch, ohne jeden Akzent - da bestand keine Notwendigkeit." Sich auf Türkisch zu unterhalten wäre schlichtweg nicht normal gewesen, sagt Tolan. Schließlich hätte sein Vater auch niemals beabsichtigt, mit seiner Familie in die Türkei zurückzukehren. Schade sei es schon, sagt Tolan, dass er Türkisch nicht von klein auf als zweite Muttersprache gelernt habe. "Gratis hätte ich gerne jede Sprache mitgenommen, die es gibt."

Die Sonne dreht sich um die Erde, oder?

Anstelle der Sprachen hat ihn die Wissenschaft schon früh gepackt. Begonnen hat alles mit der Mathematik - aus einem einfachen Grund: Er wollte mit seinem älteren Bruder und dessen Freunden beim Quartett mitspielen, aber sein Bruder lehnte ab: Metin könne ja die Zahlen noch nicht lesen. "Also habe ich meine Mutter genervt: Sie musste mir die Zahlen beibringen - und zwar gleich bis 10.000. Und dann auch das Rechnen." Seine Mutter habe in der Schule schon immer gerne gerechnet, und auch Metin fand sehr schnell Freude daran - so saßen dann Mutter und Sohn abends zusammen und rechneten.

Unser Sonnensystem

Später kam die Faszination für die Physik: "Ich weiß noch genau, dass ich mir die Frage stellte, warum sich die Erde um die Sonne dreht. Denn eigentlich sprechen alle Indizien dagegen: Die Sonne geht irgendwo auf, wandert über den Horizont und geht irgendwann wieder unter. Es ist doch eigentlich absurd zu behaupten, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Woher weiß man das? Das hat mich als Kind echt beschäftigt."

Erst viel später, in der 8. Klasse, erhielt Metin Tolan die langersehnte Antwort: Sein Lehrer hatte den Schülern aufgetragen, jeden Abend mit einem Kreuzchen die Position festzuhalten, wo der Mars am Himmel steht - und nachdem Tolan das ein Jahr lang gemacht hatte, sah er, dass die Bahn des Mars eine Schleife beschreibt - eben weil sich Mars und Erde gemeinsam um die Sonne drehen.

Jetzt, als Physik-Professor an der TU Dortmund, untersucht er, wie Materialien auf atomarer Ebene aufgebaut sind: Wie sind die Atome in einem besonders harten Bohrkopf angeordnet? Warum ballen sich einige Eiweiße unter bestimmten Bedingungen zusammen? Letzteres sei beispielsweise wichtig, um die Entstehung von Alzheimer besser zu verstehen, erklärt Tolan.

Um einen Blick in die verschiedenen Materialien zu werfen, benutzt er kein Mikroskop, sondern Röntgenstrahlung - sehr intensive Röntgenstrahlung, die in Teilchenbeschleunigern entsteht: Sie heißt Synchrotronstrahlung. In sehr vielen Materialien sind die Atome in Form von Gittern angeordnet. Wenn man sie mit Röntgenstrahlung beleuchtet, streuen die Gitter die Strahlung - dabei ergeben sich ganz charakteristische Muster, aus denen man auf die Anordnung der Atome zurückrechnen kann.

James Bond als Rechenobjekt

Metin Tolan steht vor einem Standplakat vom James Bond-Film Ein Quantum Trost

Tolan vor seinem James-Bond-Filmplakat

Rechnen macht Metin Tolan noch immer großen Spaß - nicht nur in der Uni, sondern auch in der Freizeit: "1995 saß ich in dem Film 'Golden Eye'. Da gibt es diese markante Szene, als James Bond vor einer Horde von Leuten flüchtet, die ihn verfolgen", erinnert sich Tolan. "James Bond springt von einer Klippe einem Flugzeug hinterher, das gerade heruntergefallen ist und es gelingt ihm, aus dem freien Fall in das Flugzeug einzusteigen und damit wegzufliegen."

Im Kino hätten alle laut gelacht, als sie die Szene sahen, aber er selbst habe sich Gedanken gemacht, ob das denn theoretisch klappen könnte. "Ich hab noch im Kino versucht, das im Kopf mit den Gesetzen des freien Falls durchzurechnen. Das ist sehr kompliziert, man muss da beispielsweise die Reibung beachten. Deswegen hab ich es im Kino auf die Schnelle im Kopf nicht geschafft." Nachgeholt habe er das am darauf folgenden Wochenende - und tatsächlich: Unter ganz bestimmten Bedingungen sei so eine Szene tatsächlich möglich. "Allein das auszurechnen hat Riesen-Spaß gemacht!"

Seitdem hat Tolan ein neues Hobby: Physik in Film und Alltag genauer zu beleuchten und es anderen zu erklären. Er hält regelmäßig populärwissenschaftliche Vorträge und hat mehrere Bücher geschrieben - immer über Dinge, von denen er selbst begeistert ist: "James Bond finde ich ganz toll, ich bin großer Star-Trek-Fan - und natürlich bin ich großer Fußballfan." Allerdings nicht von Borussia Dortmund, sondern von VfB Stuttgart - und das, obwohl er nur hundert Meter vom Dortmunder Stadion entfernt wohnt.

In seiner Vorlesung zur Physik beim Fußball erklärt er dann beispielsweise, warum es auch einem Profi wie Ronaldinho nicht möglich ist, jedes Mal aus hundert Meter Entfernung die Latte zu treffen, warum beim Frauenfußball eigentlich zwei Spielerinnen mehr auf dem Platz stehen müssten, damit es wirklich spannend ist, und warum Deutschland nach einer selbst entwickelten Formel im Jahr 2010 eigentlich Fußball-Weltmeister hätte werden müssen.

Metin Tolan steht vor einer Tafel und hält einen Fußball in der Hand.

Metin Tolan hat das Fußballspiel physikalisch untersucht - und erklärt, warum Frauenfußball weniger interessant ist als Männerfußball: Es fallen zu viele Tore!

Jetzt hat Metin Tolan gerade ein Buch über den Film 'Titanic' geschrieben. Über die Physik bei Harry Potter wird es hingegen niemals einen Vortrag geben, sagt er: "Diese ganzen Fantasy-Sachen sind nicht mein Ding. Ich hab mal 50 Seiten Harry Potter gelesen, aber nur weil die ganze Republik von diesem Buch begeistert war und ich dachte: Da muss doch was dran sein. Aber mir gefällt Harry Potter einfach nicht. Dasselbe gilt für 'Herr der Ringe'. Auch darüber wird es nie eine physikalische Beleuchtung von mir geben."

Metin statt Hans

Urlaub macht Metin Tolan in Norddeutschland, niemals in der Türkei, was hauptsächlich daran liege, dass die Türkei ihn noch immer für den Wehrdienst beanspruchen möchte, sagt er. Eigentlich hat sich Metin Tolan stets wie ein Deutscher gefühlt. Fast könnte er vergessen, dass er zur Hälfte türkischer Abstammung ist, wäre da nicht sein Name: "Der macht mir täglich etwas anderes klar. Und ich fühle mich natürlich auch jedes Mal mit angegriffen, wenn es gegen Ausländer geht, das ist ganz klar." Daher sei er sehr froh, dass seine Eltern ihm einen türkischen Vornamen gegeben haben - als Hans Tolan wäre ihm seine Abstammung vermutlich selbst irgendwann entfallen.

Autorin: Brigitte Osterath
Redaktion: Judith Hartl