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Kultur

Hajusom: Theater von jungen Flüchtlingen

Tanzen, singen, schauspielern - das Hamburger Kunstprojekt Hajusom bietet jugendlichen Flüchtlingen die Chance, ihre Erlebnisse auf der Bühne zu verarbeiten. Viele Darsteller haben dort eine neue Familie gefunden.

Plakat zum Stück 'Hajusom in Bollyland' (Foto: DW/Albrecht)

Szene aus Hajusoms Stück auf Kampnagel

Priscilla steht auf der Bühne und schreit es förmlich heraus, mit einer rauchigen, aber schönen, eindrucksvollen Stimme: "Meine Gefühle, Eure Gefühle, unsere Gefühle!"

Gefühle - um sie geht in der neuen Aufführung der Performance-Gruppe Hajusom. Angelehnt an die indischen Bollywood-Filme erzählen jugendliche Flüchtlinge in dem Stück "Hajusom in Bollyland" ihre Geschichten.

"Gott bring mich nach Germany"

Szene aus Hajusoms neuem Stück (Foto: DW/Janine Albrecht)

So heißt die neue Produktion

So beschreibt Arman Marzak das Leben in seinem Heimatdorf in Afghanistan, und er erzählt, wie er dort den Beginn des Bürgerkrieges erlebte, als die Taliban das Land überfielen. "In meinem Dorf hatten sie eine gute Ernte, im letzten Sommer hatten sie viele Karotten, mein Bruder und ich wuschen die Karotten in einem Bach. Plötzlich fielen Schüsse von oben und Kugeln flogen zwei Zentimeter über meinen Kopf“, sagt Arman in das Mikrofon, das vor ihm steht.

Er trägt ein graues Hemd, das über seiner Jeans hängt. Seine Geschichte liegt bereits zehn Jahre zurück. Als Kind flüchtete er aus seiner Heimat. Mit 13 Jahren kam er damals allein nach Deutschland. Ein Freund von ihm sei in Deutschland gewesen und zurückgeschickt worden, sagt Arman. "Dann habe ich die Bilder angesehen und gesagt, 'dahin gehe ich!' Und dann habe ich Gott angebetet und gesagt 'Gott bring mich nach Germany und lass mich auch dableiben'." Nun lebt er seit zehn Jahren in Hamburg. Bei Hajusom gehört er schon zu den alten Hasen.

Erlebnissen künstlerisch Ausdruck verleihen

Drei kleine Silben formen den Namen dieses Kunstprojektes: Ha-Jus-Om. Ha-titsche, Jus-ef und Om-id, das seien die Namen der drei Jugendlichen, die den Antrag an die Hamburger Kulturbehörde unterschrieben haben, ein Theaterprojekt ins Leben zu rufen, erklärt Dorothea Reinicke, die das Hajusom gemeinsam mit einer Kollegin gründete. Seit zwölf Jahren kümmert sich das Hajusom schon um unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge. Durch Tanz, Gesang und Schauspiel können sie hier ihren oft traumatischen Erlebnissen aus ihren Heimatländern Ausdruck verleihen.

Jeder ist hier willkommen, sagt die künstlerische Leiterin Reinicke. "Die, die daraus eine Kraft schöpfen, die merken, erstmals haben sie Freunde gefunden, erstmals wird ihr Interesse, tolle neue Tänze zu lernen oder auch ihr inhaltliches Interesse, was es auch immer sei, ernst genommen und weiterentwickelt, die bleiben und die sind für uns interessant." Aber auch derjenige, der nicht sofort als Performer auffalle, schüchtern ist, dürfe mitmachen. "Unser Job ist es dann, dass der für sich einen Ort auf der Bühne findet und Teil dieser professionellen Aufführung ist."

"Hajusom ist wie eine Familie"

Szene aus 'Hajusom in Bollyland' (Foto: DW/Albrecht)

Dorothea Reinicke, künstlerische Leiterin

Sahar Eslahi gehört sicher nicht zu den schüchternen unter den Darstellern. Sie steht auf der Bühne und singt ein Liebeslied aus ihrer Heimat Iran. Ein kummervolles Lied über Liebende, die während eines Krieges nicht zueinanderfinden können. Auch wenn sie mit ihrer Mutter in Deutschland ist, fühlte sie sich oft allein. Es fehlten gleichaltrige Freunde. Seit einem drei viertel Jahr ist sie bei Hajusom dabei. "Das macht mir sehr, sehr Spaß, und ich bin jetzt nicht alleine, und hier ist es wie eine Familie für mich." Auch Aminatu, die bereits seit zehn Jahren bei Hajusom mitmacht, hat hier eine zweite Familie gefunden, wie sie sagt. "Wir sind hier so eine Regenbogenfamilie", erklärt die 22-Jährige lachend. So wie diese beiden Darstellerinnen empfinden viele ihrer Hajusom-Kollegen.

Das liegt sicher auch daran, dass sich die Gruppe kontinuierlich mindestens einmal pro Woche trifft. Neben den künstlerischen Proben gebe es auch Gespräche mit den einzelnen und ihren sozialpädagogischen Betreuern. "Wir möchten den Jugendlichen einen Sicherheitsboden geben, in einer unsicheren Situation."

Probleme werden vergessen

Szene aus dem Schauspiel 'Bollywood' (Foto: DW)

Ousmane Diallo (rechts sitzend), im Dialog mit einer Darsteller-Kollegin.

Auch wenn die Jugendlichen auf der Bühne ihre oft traumatischen Erlebnisse aus den Kriegs- und Krisenregionen darstellen, lassen sie ihre Vergangenheit bei Hajusom meist ruhen. Ob er mit Kollegen über seine Probleme rede? "Nein", entgegnet Ousmane Diallo prompt. "Ich komme hierhin und mache nur Spaß mit den Leuten." Wenn er hier sei, vergesse er viel und lache mit den Leuten. Und auch auf der Bühne stellt Ousmane im Dialog mit seiner Darsteller-Kollegin das Lachen dar. Er sitzt im Schneidersitz auf der Bühne und sagt: "Ich mag nur lachen. Ich mach' das immer - in meinem Haus, in der Schule, hier im Theater. Ich lache überall." Begleitet von Lachen der übrigen Darsteller ist die Bühne erfüllt von Heiterkeit.

Zu Hause habe er oft Kopfschmerzen gehabt, sagt der 18 Jahre alte Ousmane, der aus Guinea in Westafrika geflohen ist. Dort musste er mitansehen, wie sein Vater erschossen wurde. Er habe bereits zwei Therapien gemacht, aber Hajusom sei für ihn wohl die beste Therapie.

Autorin: Janine Albrecht

Redaktion: Sabine Oelze

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