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Amerika

Haiti - Wo Lehrer selbst nur in der Grundschule waren

Haiti ist arm, kaputt und korrupt, in den Staat vertraut kaum noch einer. Bildung wäre ein Weg aus der Krise. Doch die Regierung tut nichts. Jahrzehnte lang waren mündige, kritische Bürger nicht erwünscht.

Schüler in einem Klassenraum in einer Schule in Haiti (Foto: Ina Rottscheidt/DW)

Die Hälfte aller Haitianer über 15 Jahren könne nicht lesen und schreiben

"Bonjour, chers enfants!“ Beschwingt betritt Jean Miljouilt den Klassenraum, die Kinder springen artig auf und krähen im Chor zurück. Rechnen steht an diesem Morgen auf dem Stundenplan der 3. Klasse des Lycée de Sibert. Rund 50 Schüler sitzen in dem Klassenraum, dicht zusammen gedrängt an abgewetzten Holzpulten. Von den nackten Betonwänden bröckelt der Putz und die Blenden, die Haitis Mittagshitze draußen halten sollen, baumeln zersplittert neben den Fenstern. Es fehle an allen Ecken und Enden, klagt Miljouilt. In den wenigsten Familien gebe es Geld für Hefte, Bücher und Stifte, weil die Eltern keine Arbeit haben. Haitis Arbeitslosenrate liegt bei rund 70 Prozent.

Namenschild des Lycee Sibert in Port-au-Prince.(Foto: Ina Rottscheidt/DW)

Bildung für eine bessere Zukunft verspricht das Lycee de Sibert in Port-au-Prince

Trotzdem liegt die katholische Grundschule wie eine Insel in Cité Soleil, einem der zahlreichen Elendsviertel von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince: In der Nachbarschaft stehen herunter gekommene Hütten mit Wellblechdächern, an den Straßenrändern türmen sich Berge mit Müll und Unrat, vor dem Schultor verläuft eine staubige Schotterpiste.

Wer hier zur Schule geht, hat bereits eine große Chance, denn in Haiti besucht jedes vierte Kind im Grundschulalter keine Schule und mehr als die Hälfte aller Haitianer über 15 kann nicht lesen und schreiben. In keinem anderen Land der westlichen Hemisphäre ist die Bildungssituation so prekär wie in Haiti.

In der Schule lernt man nichts

"Es gibt hier einen eklatanten Widerspruch“, stellt Antoine Delille von der Bischöflichen Bildungskommission CEEC fest: "Man geht doch eigentlich in die Schule, um etwas zu lernen, aber in den meisten Schulen in Haiti lernt man absolut nichts!“ Die Unterrichtsqualität ist schlecht, Inhalte werden meist nur durch Auswendiglernen und Nachsprechen eingepaukt und kaum ein Lehrer hat eine pädagogische Ausbildung. "Die meisten haben ja selber nur die Grundschule besucht!“, klagt Delille.

Antoine Delille von der Bischöflichen Bildungskommission CEEC (Foto: Ina Rottscheidt/DW)

In den Schulen in Haiti lernen die Kinder nichts, klagt Antoine Delille von der Bischöflichen Bildungskommission.

Seit Jahren bemüht er sich um einheitliche Lehrpläne, Standards bei der Lehrerausbildung und Fortbildungen. Unterstützung bekommt er dabei von dem deutschen Lateinamerikahilfswerk Adveniat. Dort ist man sich sicher: Bildung ist der zentrale Ansatz zur Armutsbekämpfung in Haiti: Wenn ein Haitianer eine Arbeit hat, dann hängen in der Regel sechs bis acht Personen von diesem Einkommen ab.

Doch in einem Land, dessen Geschichte von Gewaltherrschern geprägt wurde und in dem bis heute Chaos, Korruption und Anarchie herrschen, geht es nicht nur darum, Lesen und Schreiben zu lernen. "In den katholischen Schulen wird auch eine humanistische Bildung vermittelt“, sagt Antoine Delille: "Die Kinder lernen, was Gerechtigkeit, Freundschaft, Toleranz und Gemeinschaft bedeuten. Diese Werte sind wichtig für unser Zusammenleben!“

Der Staat reagiert nicht

Doch der Staat will, oder kann, dem offenbar nicht Rechnung tragen: Es gibt zu wenige Schulen, das Schulgeld ist für viele Familien nicht bezahlbar und ein durchschnittliches Lehrergehalt von rund 2000 Gourdes, umgerechnet etwa 35 Dollar, reicht auch nicht aus. Nur 7,2 Prozent aller Schulen sind in staatlicher Trägerschaft, der Rest ist privat. Für die kirchlichen Schulen gab es bislang keinerlei finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite. Erst vor kurzem hat der Staat damit begonnen, die Gehälter einzelner Lehrer zu übernehmen oder Schulmaterialien bereitzustellen.

Kinder im Lycee Siebert in Port-au-Prince (Foto: Ina Rottscheidt/DW)

Kinder im Lycee Siebert in Port-au-Prince

Bildung hat in Haiti traditionell einen schweren Stand. Lange Zeit war sie den Eliten vorbehalten. Mündige, kritische Bürger waren nicht erwünscht. Mit nachhaltigen Folgen: Heute mangele es an einer Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement, sagt Irene Höglinger. Sie organisiert im Rahmen der UN-Stabilisierungsmission Minustah die Einrichtung von landesweiten Bildungszentren. In einem Land, in dem niemand mehr der Regierung vertraut und Politik jahrzehntelang nur einer kleinen Elite diente, um sich selbst zu bereichern, versucht die UN mit Erwachsenenbildung gegen zu steuern, zum Beispiel mit Kursen, in denen die Haitianer lernen, warum man Müll entsorgen sollte, wie man Wasser aufbereitet und was Frauenrechte sind. "Es ist wichtig für eine langfristige Stabilität, dass die Haitianer auch selber für ihre eigene Entwicklung etwas tun“, sagt Irene Höglinger. "Es werden sehr viele Projekte finanziert, die vielleicht ein-, zwei Jahre funktionieren, dann versiegt das Geld und es funktioniert nicht mehr.“

Mit Bildung kann Haiti den Sprung aus Armut und Gewalt schaffen – davon ist auch der Lehrer Jean Miljouilt überzeugt. "Wer lesen und schreiben kann, denkt kritischer. Wer Werte und Respekt vor anderen gelernt hat, greift nicht zur Waffe. Und wer eine Ausbildung besitzt, verdient Geld und kurbelt die Wirtschaft an – der erste Schritt raus aus der Krise.“

Autorin: Ina Rottscheidt

Redaktion: Mirjam Gehrke