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Global Ideas

Haiti und die Dominikanische Republik: Eine Insel – zwei Welten

Sie teilen sich eine Insel, haben sich aber ganz unterschiedlich entwickelt: Während die Dominikanische Republik zu den beliebtesten Reisezielen in der Karibik gehört, zählt Haiti zu den ärmsten Ländern der Welt.

Palmen, kilometerlange Sandstrände, strahlend blaues Meer – auf den ersten Blick wirkt die Dominikanische Republik wie ein Paradies. Mehrere Millionen Menschen besuchen das Land jedes Jahr, um hier Urlaub zu machen. Die Schönheit der Natur und die luxuriösen Hotels täuschen darüber hinweg, dass die Dominikanische Republik zu den weniger wohlhabenden Ländern Lateinamerikas gehört – und dass sich gleich hinter der Grenze Haiti befindet, der ärmste Staat der westlichen Welt.

Foto: An einem Sandstrand sitzel und liegen Menschen Liegestühlen unter Palmen (Foto: CC BY-SA 2.0: Ronald Saunders)

Etwa vier Millionen Touristen pro Jahr reisen in die Dominikanische Republik

Obwohl sich Haiti und die Dominikanische Republik eine Insel teilen, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Beispiel Infrastruktur: “In der Dominikanischen Republik gibt es ein vernünftiges Straßenwesen, so dass man ohne größere Probleme von einem Ort zum anderen reisen kann”, sagt Lateinamerika-Experte Heinz Oelers, vom katholischen Hilfswerk Misereor. In Haiti dagegen “braucht man für wenige Kilometer oft eine Stunde.“

Ähnlich gegensätzlich ist das Bild in anderen Bereichen. Laut den Vereinten Nationen können nur knapp die Hälfte der Haitianer lesen und schreiben (dagegen knapp 90 Prozent der Menschen im Nachbarland) und die Kindersterblichkeit ist in Haiti beinahe dreimal so hoch wie in der Dominikanischen Republik.

Klimawandel trifft Haiti besonders hart

Foto: Häuser an einem Hang (Foto: CC BY 2.0: newbeatfoto)

Die meisten Menschen in Haiti leben in Siedlungen, die über das ganze Land verstreut sind

Die großen Unterschiede wirken sich auch unmittelbar darauf aus, wie beide Länder vom Klimawandel betroffen sind und mit den Folgen umgehen. Die große Küstenfläche des Landes etwa macht Haiti besonders anfällig für Orkane. Da alle größeren Städte am Meer liegen, haben Überschwemmungen oft dramatische Auswirkungen. Die mangelnde Infrastruktur erschwert schnelle Hilfe, übrigens auch bei anderen Naturkatastrophen: So kamen bei dem Erdbeben Anfang 2010 rund 220.000 Menschen ums Leben.

Weil es in keiner Stadt Haitis eine regelmäßige Stromversorgung gibt, ist für viele Haitianer Holz die wichtigste Energiequelle - ein Grund warum die Wälder des Landes weitgehend verschwunden sind. Die kahlen Berge führen dazu, dass starker Regen den Boden wegschwemmt. Und das verschlechtert die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort, denn im Gegensatz zur Dominikanischen Republik ist Haiti dicht besiedelt und sehr ländlich geprägt. Um den Boden zu erhalten, sei eine dichte Vegetation wichtig, sagt Heinz Oelers. Um das zu erreichen, “können dafür zum Beispiel Waldwirtschaft und Nahrungsmittelanbau kombiniert werden. Statt auf großen Flächen Getreide anzubauen, bieten sich Früchte wie Maniok, Bananen und Avocados an, die in den Tropen gut wachsen.“

Unterschiedliche Kolonialgeschichte

Foto: Eine Frau hält Zweige eines Erdnussstrauchs in der Hand (Foto: CC BY 2.0: Alex E. Proimos)

Etwa zwei Drittel der Bevölkerung Haitis leben von der Landwirtschaft

Aber wie kommt es, dass sich die beiden Inselnachbarn so unterschiedlich entwickelt haben? Die Gründe liegen vor allem in der Vergangenheit. Die gesamte Insel Hispaniola war lange unter spanischer Herrschaft – bis Spanien 1697 das westliche Drittel an Frankreich abtrat. Das “Saint-Domingue” genannte Gebiet entwickelte sich zur reichsten französischen Kolonie. Hunderttausende afrikanische Sklaven wurden für die Produktion von Zucker, Kaffee, Kakao und Baumwolle dorthin gebracht. 1791 kam es zu einem Sklaven-Aufstand. Bald darauf wurde die Sklaverei abgeschafft und, nach einem grausamen Befreiungskrieg, 1804 die Unabhängigkeit ausgerufen. Saint-Domingue hieß von nun an Haiti.

Doch die ehemalige Kolonie hatte mit Problemen zu kämpfen. Die großen Ländereien wurden unter der Bevölkerung aufgeteilt. Bald besaß fast jeder Haitianer Land, aber kaum einer konnte davon leben - die Parzellen waren zu klein und auf eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung konnten sich die neuen Besitzer nur schwer einigen. Hinzu kommt, dass die haitianische Bevölkerung alles andere als homogen ist. „Die Sklaven kamen aus über hundert unterschiedlichen Ethnien und hatten ursprünglich nichts miteinander zu tun“, sagt Oliver Gliech, Haiti-Experte am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. „Sie haben Jahrzehnte lang erlebt, dass Macht gewaltsam ausgeübt und legitimiert wird.“ Kein Wunder also, dass den blutigen Kriegswirren im 19. Jahrhundert Rebellionen und Umstürze, Putschisten, selbsterklärte Monarchen und Diktatoren folgten, die sich rasch abwechselten. Dieses Muster setzt sich bis heute fort.

Vegetation ist Schlüssel für neue Perspektiven

Foto: Ein Menschenstrom auf einer Straße (Foto: CC BY 2.0: Alex E. Proimos)

An der Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik

Nachdem die Spanier auf ihren zwei Dritteln der Insel viele Rohstoffe abgebaut hatten, zogen die meisten Siedler weiter nach Mexiko. In der Kolonie Santo Domingo, der späteren Dominikanischen Republik, gab es bald nur noch Viehwirtschaft. “Dort hat sich eine homogene, spanisch-stämmige Gesellschaft mit einer ganz schmalen Schicht von afrikanischen Sklaven entwickelt“, sagt Oliver Gliech. Dass es weniger unterschiedliche Ethnien gab, nennt Gliech als einen Grund, warum die Dominikanische Republik, die erst später unabhängig wurde, bald wirtschaftlich und politisch stabiler war als ihr Nachbar. Zwar hat das Land ebenfalls Diktatoren und einen Bürgerkrieg erlebt. Doch den Dominikanern ist es gelungen, in den vergangenen 50 Jahren ein halbwegs demokratisches politisches System zu etablieren. Zu den Haupteinnahmequellen des Landes gehört mittlerweile der Tourismus.

Davon ist Haiti weit entfernt. Wiederaufforstungsprojekte könnten ein konkreter Schritt sein, den Menschen in dem krisengeplagten Land wieder zu einer Lebensgrundlage zu verhelfen. Bewaldete Flächen verhindern zudem Erdrutsche durch Überschwemmungen und Unwetter - die aufgrund des Klimawandels in der Region häufiger vorkommen. In der Dominikanischen Republik wurde bereits in der Vergangenheit viel stärker auf die Vegetation geachtet. Wegen der deutlich besseren Lebensbedingungen versuchen viele Haitianer, in der Dominikanischen Republik Zuflucht und Arbeit zu finden. Auch wenn der Nachbarstaat nicht zu den wohlhabenden Ländern Lateinamerikas gehört: aus Sicht mancher Haitianer ist es das Paradies.