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Kultur

Hagenkord: "Veränderungen kommen langsam"

Weißer Rauch ist über der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen - der Papst ist gewählt. Was auf den neuen Oberhirten zukommt, weiß Vatikan-Insider Bernd Hagenkord von Radio Vatikan.

Bernd Hagenkord (Foto: DW)

Bernd Hagenkord

Deutsche Welle: Herr Hagenkord, welche Aufgabe kommt als erste auf den neuen Papst zu? Es gibt ja viel Kritik, dass die Verwaltung, die Kurie nicht richtig geführt wurde. Ist es so, dass man einen neuen Manager braucht?

Bernd Hagenkord: Ich glaube, die erste Aufgabe sind gleich drei Aufgaben. Die erste ist natürlich das Osterfest. Das ist in Rom und im Vatikan besonders wichtig und für einen neuen Papst natürlich noch einmal extra wichtig, weil das der erste Auftritt sein wird. Das wird sein Pontifikat prägen und das ist nicht nur einfach Osterfest feiern. Das zweite wird sein, die Posten zu besetzen. Der Vatikan hat im Moment ja keine Leitung mehr. Alle habe ihre Posten verloren mit dem Rücktritt von Benedikt XVI.  Das muss alles neu besetzt werden. Das sind schon die ersten Schritte: Wie gestaltet der Papst sein Pontifikat. Das dritte wird dann sein, mittelfristig Schwerpunkte zu setzen. Welchen Herausforderungen will man sich als erstes stellen? Ist es eher Christenverfolgung, der Hunger in der Welt, Gerechtigkeit und Frieden? Ist es Kurien-Reform? Das sind natürlich Dinge, die sich nicht gegenseitig ausschließen, aber man kann die Welt auch nicht in einem Tag retten.

Nun wird der neue Papst ja auch den 300 Seiten starken Bericht der Kardinäle bekommen, die sich den Vati-Leaks-Skandal angeschaut haben. Glauben Sie, dass er daraus schnell Konsequenzen ziehen muss oder wird auf ewig geheim bleiben, was da drin steht?

Das weiß ich nicht, aber wir alle, die wir große Verwaltungen kennen, wo Menschen zusammenarbeiten, wissen: Wenn man das umbauen will, wenn man das gestalten will, dann kann man das nicht an einem Tag machen. Man muss das sich entwickeln lassen, durchaus mit neuen Leuten und mit neuen Sachen. Wir wissen ja nicht, was in dem Bericht steht. Wir wissen nicht, was geändert werden muss. Ich vermute, dass wir gar nicht soviel davon sehen werden, zunächst mal. Die Veränderungen, die wir irgendwann entdecken, werden langsam kommen. Sie werden nicht spektakulär sein und mediengerecht inszeniert werden. Das können wir jetzt schon sagen.

Die italienischen Medien haben vor dem Konklave viel spekuliert, was in dem Bericht stehen könnte. Es war von einem homosexuellen Netzwerk und Erpressung die Rede. Glauben Sie, dass das Räuberpistolen oder italienische Folklore sind?

Es ist ein bisschen von allem. Diese homosexuellen Netzwerke, das ist ein Totschlag-Argument. Deshalb glaube ich das, wie es dort seht, nicht. Dagegen kann sich keiner wehren. Selbst wenn ich mich wehren würde, bleibt irgendwas an mir hängen. Deswegen kann man das so ungestraft verbreiten. Deswegen bin ich da sehr, sehr zurückhaltend. Was die anderen Dinge angeht: Es gab ein gestelltes Interview mit einer angeblichen anonymen Quelle usw. Das ist alles die italienische Art und Weise zu berichten. Leider lässt sich das meistens nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzen. Meistens werden sie dann so benutzt, wie die Italiener sie drucken. Da bin ich sehr, sehr vorsichtig geworden. Ich glaube wirklich nicht alles, was in den Zeitungen steht. Das merkt man auch im Augenblick. Wir haben so einen Erregungszustand. Wirklich verstehen, was hier passiert, kann man nur, wenn man auch einmal einen Schritt zurück macht, Luft holt und versucht, das Ganze zu verstehen.

Dieses Konklave war anders als viele, viele Konklave zuvor. Es gab keine Trauerzeit, wo man um einen verstorbenen Papst trauern musste, sondern es ging sozusagen gleich los. Empfinden Sie das auch so, dass das anders war dieses Mal?

Es ist sehr merkwürdig, weil Benedikt XVI. diesem Konklave natürlich sehr viel mitgegeben hat. Über die Hälfte der Kardinäle ist von ihm ernannt. Er hat viele Gedanken, die hier wichtig sind, die Neuevangelisierung, das Leben von Glauben in der modernen Welt, fest auf die Landkarte gesetzt. Das ist Benedikt! Darüber haben die Kardinäle auch gesprochen, was der Vatikansprecher bestätigt hat. Andere Dinge sind auch von ihm geprägt, viel mehr als ein verstorbener Papst das könnte. Weil er, Gott sei dank, noch lebt, hat er dem hier den Stempel aufgedrückt. Der Rücktritt selber ist, glaube ich, auch nicht zu unterschätzen. Dieser Freiraum, den er den künftigen Päpsten geschaffen hat, und der Druck, der damit zusammenhängt, ist auch eine Wirkung des Rücktritts.

Glauben Sie, dass sich der Papst emeritus und der amtierende Papst einmal begegnen werden hier im Vatikan?

Ich glaube ja. Das wird sich auch nicht vermeiden lassen, zumindest der neue Papst wird das auch wollen, um ab und zu mal zu sprechen. Es gibt ja auf dem Planeten niemanden mit dem der Papst über die alltäglichen Probleme des Papstseins sprechen könnte. Der neue Papst hat das Glück, einen Emeritus zu haben und die Herausforderungen auch einmal ansprechen zu können, ohne gleich ein Dienstgeheimnis zu verletzen. Von daher glaube ich schon, dass er sich vielleicht Rat holt, vielleicht mal zum Kaffeetrinken geht, spazieren geht, gemeinsam betet oder die Messe gemeinsam feiert. Aber alles abseits der Öffentlichkeit. Ich glaube nicht, dass wir davon viel mitbekommen werden.

Bernd Hagenkord (44) ist Jesuitenpater und seit 2009 Chefredakteur der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Der Radiosender verbreitet in zahlreichen Sprachen die Ansichten des Papstes und der katholischen Kirche in aller Welt.

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