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Deutschland

Haftbefehl nach Messerattacke in Hamburg - Fragezeichen bleiben

Am Tag nach dem Messerangriff ist die Hansestadt geschockt - und ratlos. Noch ist unklar, was den jungen Palästinenser zu seiner Tat motiviert hat. War es islamistische Gesinnung oder psychische Labilität?

Immer mehr Blumen sammeln sich vor dem Supermarkt, in dem am Freitag ein 26-jähriger Mann einen Menschen erstochen und sieben weitere mit dem Messer verletzt hat. Unter den Hamburgern, die am Tatort der Opfer gedenken, ist auch Olaf Scholz, Bürgermeister der Hansestadt (Artikelbild). "Das ist ein ganz schmerzhafter Moment für uns alle", sagte der SPD-Politiker, nachdem auch er Blumen niedergelegt und mit Augenzeugen gesprochen hatte. Diese Tat werde die Hamburger nicht loslassen.

Scholz sprach von einem "bösartigen Anschlag". Der Attentäter, gegen den inzwischen Haftbefehl wegen Mordes erlassen wurde, habe "seinen Hass gegen uns gerichtet". Stolz sei er indes auf die Hamburger, die sofort geholfen hätten. Im Anschluss besuchte Scholz zusammen mit Innensenator Andy Grote die Verletzten im Krankenhaus.

Merkel: "Muss und wird aufgeklärt"

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich bestürzt. "Ich trauere um das Opfer der grausamen Attacke in Hamburg. Seinen Angehörigen gilt mein tiefes Mitgefühl." Den Verletzten wünschte sie Genesung. Desweiteren versprach sie: "Die Gewalttat muss und wird aufgeklärt werden".

Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärte: "Erneut trifft eine schreckliche Attacke unsere Gesellschaft." Zugleich warnte er vor vorschnellen Schlüssen. "Wir müssen damit rechnen, dass die dschihadistische Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung für Taten herangezogen wird, die vielleicht aufgrund ganz anderer Motive begangen werden." Die eigentlichen Motive könnten auch in der Persönlichkeit des Täters liegen.

Deutschland Hamburg - Pressekonferenz nach Messerattacke in Supermarkt mit Innensenator Andy Grothe und Polizeipräsident Ralf Martin Meyer (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

Suche nach dem Tatmotiv: Hamburgs Innensenator Grote (links) und Polizeipräsident Meyer

Der Täter hatte am Freitag in einem Supermarkt im Stadtteil Barmbek unvermittelt auf Menschen eingestochen. Inzwischen steht seine Identität fest. So erklärte Innensenator Grote, der mutmaßliche Angreifer sei ein abgelehnter palästinensischer Asylbewerber und hätte demnächst ausreisen sollen. Das Verfahren sei ausgesprochen glatt gelaufen, weil der Verdächtige "vorbildlich" kooperiert habe. Allerdings habe sich die Ausreise verzögert, weil die palästinensischen Behörden seine Ausweisdokumente noch nicht gesendet hätten.

Islamist, aber kein Dschihadist?

Der 26-Jährige war Verfassungsschutz und Polizei als Islamist bekannt, jedoch nicht als Dschihadist oder gar Gefährder eingestuft. Man sei nicht zu der "Einschätzung einer unmittelbaren Gefährlichkeit" gelangt, erklärte Grote. Es müsse nun geprüft werden, ob die Behörden allen Hinweisen immer angemessen nachgegangen seien. Auch weise nichts auf die Einbindung in die islamistische Szene oder dschihadistische Netzwerke hin, sagte der Innensenator.

Zugleich gebe es klare Indizien auf persönliche Probleme des Mannes. Laut Polizei nahm er erst im Supermarkt ein Messer und riss es aus der Verpackung. Sein Handeln wirkte also spontan. Weiterhin hieß es, er habe binnen weniger Minuten von Passanten gestellt und anschließend von Zivilpolizisten festgenommen werden können. "Wir gehen im Moment von einem psychisch zumindest labilen Einzeltäter aus", schloss Innensenator Grote deshalb. Es sei jedoch unklar, was am Ende entscheidend gewesen sei: der psychische Zustand des Mannes - oder seine islamistische Gesinnung.

In der Flüchtlingsunterkunft im Norden Hamburgs, wo der 26-Jährige lebte, fiel er anderen Bewohnern als introvertiert auf. Manche beschreiben Anzeichen einer möglichen Radikalisierung. So sagte sein Zimmernachbar, ein syrischer Flüchtling, dem DW-Reporter Jaafar Abdul Karim: "Er war sehr religiös und ging mich für gewöhnlich heftig an, wenn ich Musik hörte." Andere berichten, er habe sich ihnen gegenüber aggressiv verhalten. Dennoch zeigten sich die meisten überrascht von seiner Tat.

nin/jj (dpa, afp, rtr)