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Alltagsdeutsch – Podcast

Haarspaltereien

Haare sind Überbleibsel aus einer Zeit, als wir sie als Kälteschutz benötigten. Heutzutage gelten sie als Schmuck – zumindest auf dem Kopf. Sie werden gepflegt, geflochten und gefärbt, und man spricht über sie …‎

Sprecherin:

Als ich vor ein paar Tagen mal genauer in den Spiegel schaute, bot sich mir ein haarsträubender Anblick. Irgendwie war das alles schief und krumm. Jedenfalls einen Haarschnitt konnte man das nicht mehr nennen, geschweige denn eine Frisur. Haarscharf habe ich erkannt: Mädchen, du musst zum Friseur! Und da liegt es natürlich nahe, dass ich die Gelegenheit beim Schopfe packe und mich mal umhöre, was sich in der Welt der Friseure so sprachlich tut.

Sprecher:

Sie merken schon: Unsere emsige Reporterin kann ihrem Hang zu Wortspielereien nicht widerstehen und hat gleich mehrere Redewendungen eingeflochten, die der Erklärung bedürfen. Wie etwa der haarsträubende Anblick im Spiegel. Behauptet jemand, dass sich ihm die Haare sträuben, so bekundet er damit Ablehnung und Widerwillen. Diese Wendung bezieht sich auf die tatsächliche Reaktion der Haare bei Angst, Entsetzen oder Erschrecken. Wenn sich jemand bei einem Horrorfilm so richtig gruselt, kann es sein, dass ihm die Haare zu Berge stehen, oder eben es sträubt sich ihm das Haar. Das gesamte Kopfhaar eines Menschen nennt man auch den "Haarschopf". Und damit sind wir bei der Gelegenheit, die unsere Reporterin beim Schopf fasst. Wer eine Gelegenheit beim Schopf packt oder fasst, nutzt sie entschlossen und ohne zu zögern.

Sprecherin:

Wer zum Friseur geht, hat die Qual der Wahl, denn Friseurgeschäfte gibt es wie Sand am Meer oder auch wie Haare auf dem Kopf – viele nämlich. In Köln, wo ich wohne, kann ich zwischen 750 Friseurgeschäften wählen – beziehungsweise Salons, wie man sie in dieser Branche nennt. Der Einfachheit halber gehe ich zum Friseur an der Ecke. Dieser "Salon Weihrauch" ist ein kleiner Laden, ein Ein-Mann-Betrieb. Gerade mal drei Frisierstühle haben Platz. Eine ältere Dame sitzt mit Lockenwicklern unter ihrer brummenden Trockenhaube und blättert in einer Zeitschrift. Es riecht nach Haarwasser und Shampoo. Herr Weihrauch ist ungefähr 60 Jahre alt, weißhaarig, gepflegt und ein Friseur alter Schule. Ich will mir die Haare ganz kurz schneiden lassen.

Herr Weihrauch:

"Eine Frage, bevor ich sie nass mache: Wie kurz soll ich sie schneiden? Okay, dann schneide ich Fingerlänge und nehme dann hier mit der Maschine weg. Kommen Sie mit dem Köpfchen mal zurück! Wunderbar. So, heute gehen wir ja noch kürzer als 'n Mecki. Der Mecki war ja nicht so kurz wie was Sie jetzt haben. Ach so, nee, nee, der stand etwas höher und der stand. Der wurde exakt so geschnitten. Das kam von den GIs von Amerika, die haben das ja klassisch gehabt."

Sprecher:

Mecki, das klingt niedlich. Gemeint ist damit eine Igelfrisur. Haare, die abstehen wie die Stacheln eines Igels. Den Namen Mecki verdankt die Frisur einer populären Comic-Figur aus der Wirtschaftswunderzeit. Mecki ist ein Igel und war schon vor Jahrzehnten das Maskottchen einer Fernsehzeitschrift.

Sprecherin:

Seit 44 Jahren schneidet und frisiert Herr Weihrauch den Leuten die Haare. 30 Berufsjahre hat er in Nordamerika verbracht. Das Friseurhandwerk liegt in der Familie. Schon der Vater und der Großvater waren Friseure beziehungsweise Barbiere, denn früher – noch bis in die 50er Jahre – musste ein Friseur auch rasieren können. Dass Friseure früher auch Barbiere waren, erkennt man noch heute an dem Handwerkszeichen. Es zeigt ein eisernes Wasserbecken, in der [dem] das Wasser für die Rasur erhitzt wurde.

Sprecher:

Heutzutage ist es natürlich vor allem die Jugend, die in der Haarmode die Trends vorgibt oder ihnen nachfolgt, je nachdem, wie man es sieht, oder sich gleich die Frisuren selbst macht. Und weil Frisuren immer eigenwilliger werden, man denke nur an die Auswüchse der haarsträubenden Punk-Frisuren, etwa den Irokesenkamm oder die Haarstacheln, fällt für altgediente Handwerker wie Herrn Weihrauch ein guter Teil des jungen Publikums von vornherein aus.

Herr Weihrauch:

"Das Problem, was wir heute haben, wenn Sie heute über die Ehrenstraße gehen – ist ja ein klassisches Beispiel die jungen Mädchen im Grunde genommen: Haare orange, grün, lila, schwarz oder blau. Und dann ist es nur noch kreuz und quer, kunterbunt, und es ist Mode."

Sprecher:

Mal eine Strähne blau oder grün, ein Büschelchen orange – das geht kreuz und quer, ganz durcheinander. Wie Striche auf einem Blatt Papier, die sich mal überkreuzen und mal durchqueren. Und auf den jungen Köpfen geht es besonders bunt zu, nämlich kunterbunt. Eigentlich also vielstimmig, denn das zugrundeliegende "Contrabunt" kommt aus der Musik, vom Kontrapunkt, und bezeichnet das Durcheinander der Stimmen beim kontrapunktisch angelegten Tonsatz. Erst der Volksmund hat daraus eine Steigerung von bunt gemacht und die deutsche Sprache um die hübsche Vokabel "kunterbunt" bereichert.

Sprecherin:

So mit frisch geschnittenen Haaren will ich nun noch mehr über diese Zunft der Friseure erfahren. Ich suche mir einen etwas größeren Damensalon aus, in dem mich Monika empfängt. In vielen Friseurgeschäften werden die Angestellten beim Vornamen angesprochen, auch wenn man sich weiterhin siezt.

Monika:

"Man sagt ja nicht mehr 'Friseuse', sagt man ja nicht, weil, dieses Berufsbild ist jetzt als Friseurin umgewandelt worden. Mich [mir] sträubt [sich] zwar immer noch alles, wenn jemand sagt, ich bin Friseuse, weil das immer ein bisschen abwertend ist für mich jetzt – meine Meinung."

Sprecher:

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass Monika sagte, ihr sträubt sich alles, wie sich eben auch die Haare sträuben, wenn sie das Wort "Friseuse" hört. Sie möchte "Friseurin" genannt werden.

Sprecherin:

Natürlich weiß ich, warum die Friseurin Monika die Bezeichnung "Friseuse" nicht mag. Weniger, weil es so säuselnd und affektiert klingt, deshalb vielleicht auch, aber seit Jahren sind Witze über blonde Frauen ziemlich beliebt, jedenfalls bei Männern. Und weil Männer Schwierigkeiten haben, wirklich gute Witze zu verstehen, sind die Blondinenwitze sehr einfach gestrickt. Nach dem Motto: blond gleich dumm gleich Friseuse. Ein Vorurteil, das Monika, die es ja wissen müsste, nicht bestätigen kann.

Monika:

"Ich kenne also sehr viele Friseure, die blond sind und sehr viel auf dem Kasten haben. Und es gibt auch wieder welche, die brünett sind oder dunkelhaarig, die weniger im Kasten haben. Also, man kann das nicht generell sagen. Aber dieses Urteil ist eben sehr schnell."

Sprecher:

Wer viel auf dem Kasten hat, der ist intelligent, der kann was. Die Redensart geht von der volkstümlichen Bezeichnung "Kasten" für den Kopf aus, der dementsprechend ein Verstandeskasten oder Gehirnkästchen ist.

Sprecherin:

Den kleinen Friseurladen an der Ecke haben wir besucht und den klassischen Damensalon. Fehlt nur noch der Trendfriseur, bei dem sich die Jugend und die Junggebliebenen besonders ausgefallene Frisuren machen lassen. Ich tippe mal, dass "Vanity Hair" dem entspricht. Ein Wortspiel und dazu noch auf Englisch, das muss einfach ein tolles Team sein, das dort die Haare stylt. Der Name erinnert an die Modezeitschrift "Vanity Fair", so benannt nach dem Buch "Jahrmarkt der Eitelkeiten". Das Publikum ist trendbewusst und jung, und das sollte sich in dem Namen widerspiegeln, meint der Chef Peter Krah. Er ist selbst erst 28 Jahre alt.

Peter Krah:

"Die Namen spielen schon insofern 'ne Rolle, dass, wenn man nur 'nen Namen hört irgendwie von 'nem Friseurladen – und das ist dann schon ausgefallener – man eigentlich auch davon ausgeht, dass es [er] eigentlich jüngeres Publikum anspricht oder einfach Leute, die im Kopf jung geblieben sind. Also, man geht bei 'Vanity' eigentlich nicht davon aus, dass es so ein Oma-Laden ist, wo man einmal die Woche zum Waschen, Legen hingeht."

Musik:

Reinhard Mey, Mein erstes graues Haar

"Links überm Ohr habe ich eben

Mein erstes graues Haar ertappt

Mir ist, als wär in meinem Leben

eine Tür lautlos zugeschnappt"

Sprecherin:

Dass die Haare im Alter grau werden, liegt am allmählichen Verlust der Farbpigmente. Allerdings sagt man auch schon zu jungen Leuten, sie sollten sich keine grauen Haare wachsen lassen.

Peter Krah:

"Lass dir keine grauen Haare wachsen – ja, das kommt häufig dadurch, weil es tatsächlich schon passiert ist, dass Leute in 'ner Schocksituation oder so die Pigmente aus den Haaren verlieren. Das heißt, sie sind über Nacht grau oder kriegen über Nacht graue Schläfen. Und wenn man sich dann halt ärgert, oder wenn jemand ein großes Problem vor sich hat, und man sagt dem irgendwie, jetzt lass dir mal keine grauen Haare wachsen, dann meint man damit: 'So, reg' dich ab, sonst wachsen dir noch graue Haare.'"

Sprecherin:

Für einige Redewendungen gibt es demnach geradezu biologisch begründete Erklärungen. Kein Wunder, die Haare sind ja auch sensible Organe und registrieren zum Beispiel Temperaturschwankungen ebenso fein wie die nervliche Anspannung eines Menschen. Die Haare sträuben sich zum Beispiel auch, wenn zwei Menschen besonders aufgeregt sind, weil sie sich in die Haare geraten.


Peter Krah:

"Oder in die Haare kriegen. Ja, das heißt halt auch, dass man sehr wütend aufeinander ist. Ja, und das ist, glaube ich, ein sehr femininer Ausdruck, sich mit jemandem in die Haare kriegen. Das ist eigentlich, glaube ich, mehr auf Frauen bezogen, weil Frauen, wenn die aufeinander losgehen, sich gerne an den Haaren ziehen."

Sprecherin:

Na, das ist doch zum Haare raufen, was Männer zum Teil so von sich geben. Mir erscheint diese Erklärung jedenfalls ein bisschen an den Haaren herbeigezogen zu sein. Ich hätte Herrn Krah, bei allem Respekt, sagen sollen: Diese Erklärung können sie sich getrost in die Haare schmieren.

Sprecher:

Nun wird's aber wirklich haarig. Wenn sich zwei Leute, ob Männer oder Frauen, in die Haare kriegen, dann stellt man sich natürlich vor, dass sie einander an den Haaren ziehen. Etwas anderes meint etwas an den Haaren herbeiziehen. Eine Erklärung oder eine Entschuldigung, die man an den Haaren herbeizieht, passt nicht wirklich und ist ziemlich weit hergeholt. Sie wird gewissermaßen gewaltsam herangeschafft, so wie man einen Menschen gegen seinen Willen an den Haaren herbeizieht. Jemand, der verzweifelt ist, wird sich unter Umständen die Haare raufen, also an seinen eigenen Haaren herumziehen. Und ganz offensichtlich kann man sich neben Shampoo, Gel und Haarwachs noch ganz andere Sachen in die Haare schmieren. Wenn jemand Ihnen mit einer dummen Entschuldigung kommt oder Ihnen etwas anbietet, was völlig wertlos ist, dann könnten Sie sagen: "Das kannst du dir in die Haare schmieren! Darauf lege ich keinen Wert."

Sprecherin:

Weil Haare sehr dünn sind, durchschnittlich nur 0,07 Millimeter, gibt es eine Reihe von Redewendungen, in denen mit dem Maßstab Haar ein sehr kleiner Abstand oder ein winziges Stück gemeint ist. Beispielsweise, wenn ein Auto sehr knapp an mir vorbeifährt und mich um ein Haar erwischt hätte.

Peter Krah:

"Ja, ja, das ist halt dann schon sehr deutlich beschrieben, dass es – also 'n Haar ist ja nicht besonders dick – und wenn es irgendwie so haarscharf an einem vorbeigeht oder um Haaresbreite, dann weiß eigentlich jeder, dass das sehr knapp gewesen sein muss."

Sprecher:

Wenn etwas gerade noch mal gut geht, dann hört man Ausrufe wie: Um Haaresbreite oder um ein Haar hättest du mich angefahren! Das war haarscharf. Es geht also um Millimeterarbeit, um etwas sehr Kleines. Wie übrigens auch, wenn man etwas haarklein erklärt haben möchte und alles ganz genau wissen will, also haarspalterisch an eine Sache herangeht.

Peter Krah:

"Die Haarspalterei, ja, ja. Ja, wie gesagt, so 'n Haar ist halt schon sehr dünn, und wenn einer es dann so ganz genau wissen will oder jedes Detail wissen will, dann ist das manchmal einfach nervig und Haarspalterei."

Sprecherin:

Davon, dass jemand Haare spaltet, kann im Friseursalon natürlich keine Rede sein. Hier wird gewaschen und geschnitten. Bevor wir die Welt der Haare endgültig verlassen, sollen die Friseure noch einmal zu Worte kommen, schließlich geht es ja um ihren Beruf, den sie sicherlich mit Haut und Haaren ausüben.

Monika:

"Ich sag' da immer eher, es ist ein Beruf oder 'ne Berufung. Mit Haut und Haar Friseur sein ist also, mit Leib und Seele dabei sein. Gerne diese Dinge tun, das ist für mich mit Haut und Haar dabei sein.

Peter Krah:

Nein, man hat jemanden mit Haut und Haaren zum Fressen gern, das passt eher. Ja, Haut und Haare sind halt sehr sinnliche Organe, und in dieser Redewendung bringt man halt zum Ausdruck, dass man jemanden schon sehr gern mag."

Sprecher:

Beide Berufskollegen haben recht, denn mit Haut und Haaren heißt schlicht "ganz und gar", wie übrigens auch mit Leib und Seele. Man kann durchaus jemanden mit Haut und Haaren zum Fressen gern haben und ihm oder ihr mit Haut und Haaren verfallen sein. Man kann aber auch, wenn man sich zu diesem Beruf wirklich berufen fühlt, mit Haut und Haaren Friseur sein.

Fragen zum Text:

Wie sollte man eine Frau, die Haare schneidet, besser nicht nennen?

1. Friseurin

2. Friseuse

3. Coiffeurin

Menschen, die wütend aufeinander sind und miteinander streiten, …

1. kriegen sich in die Haare.

2. raufen sich die Haare.

3. können sich etwas in die Haare schmieren.

Jemand, der intelligent ist, …

1. hat einen Mecki.

2. hat etwas auf dem Kasten.

3. ist mit Haut und Haaren dabei.

Arbeitsauftrag:

Schreiben Sie einen Dialog zwischen einem Friseur und einem Kunden. Lassen Sie darin den Friseur nach den Wünschen des Kunden fragen und ihn beraten und lassen Sie den Kunden genau erklären, wie die Haare geschnitten oder behandelt werden sollen.

Autor: Moritz Heistermann

Redaktion: Barbara Syring

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