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Kultur

Haaambuag – Wo in der Türkei liegt denn das?

In Deutschland tobt die Integrationsdebatte, populistisch wie lange nicht mehr. "Multikulti" ist tot, verkündet der CSU-Chef und die Kanzlerin springt ihm bei. Zwei Blogs junger Muslimas zeigen eine ganz andere Realität.

Bloggerin Kübra Yücel (Foto: Styleslam)

Kübra Yücel setzt andere Akzente in der Integrationsdebatte

Kübra Yücel ist 22 Jahre alt, lebt in Hamburg und ist fromme Muslima. Sie trägt ein Kopftuch, aber nicht weil sie muss, sondern weil sie es so will. Yücel wird dafür oft bemitleidet, erzählt sie, die Leute nehmen an, dass sie es gezwungenermaßen trägt. Und manchmal wird sie wegen ihres Kopftuchs auch verbal angegriffen – und zwar nicht erst, seit manche konservative Politiker gezielt Stimmung gegen Muslime in Deutschland machen.

Schon vor zwei Jahren hat sie deshalb einen Blog gestartet: "Ein Fremdwörterbuch", heißt er. Hier gibt sie einen Einblick in ihr Leben und zeigt, dass sie aus Überzeugung Muslima ist, den Islam praktiziert - und das Kopftuch trägt. Denn für sie ist das kein Widerspruch zu einem Leben in Deutschland.

Aufklärung statt Rechtfertigung

Eigentlich schreibt Kübra Yücel, wie jede andere Bloggerin auch, über alles Mögliche aus ihrem Alltag. Doch für ihre Leser ist das Thema Nummer eins: die Religion, der Islam. Oft wird sie gefragt, warum sie das Kopftuch trägt, was der Islam für sie bedeutet. Und immer wieder muss sie ihre Religion verteidigen. Mittlerweile sieht sich Kübra Yücel als eine Aufklärerin, die mit ihren Texten die Leser wachrütteln möchte.

"Was ich möchte? Ich möchte viel. Vor allem aber möchte ich nicht in eine Kategorie gesteckt und einfach abgestempelt werden. Ich möchte zeigen, dass im Koran nicht steht, dass wir unschuldige Menschen töten dürfen. Dass ich mein Kopftuch freiwillig trage und von keinem unterdrückt werde. Und das soll mir auch keiner versuchen auszureden."

(Copyright: Kübra Yücel)

Keine Lust mehr auf die Integrationsdebatte: Bloggerin Kübra Yücel

Hamburg – wo genau in der Türkei liegt denn das?

Yasmina Abd el Khader hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch sie ist gläubige Muslima, auch sie trägt ein Kopftuch, auch sie schreibt einen Blog. Er heißt "Just another hidjabi", auf Deutsch "Einfach nur ein weiteres Kopftuch" – eine ironische Anspielung darauf, dass sie von der Gesellschaft oft nur als ein Kopftuch von vielen wahrgenommen werde und nicht als Individuum. Mit Hilfe ihres Blogs will sie zeigen, was wirklich unter ihrem Tuch steckt, was in ihrem Kopf vorgeht, sagt sie. Außerdem hofft sie, den Lesern eine andere Perspektive geben zu können und Vorurteile zu brechen. Und das liest sich dann so:

"Mit dem gelatinefreien Joghurt bewaffnet stehe ich an der Kasse. Ich bin an der Reihe. 1,99 bitte – Ich gebe ihr das Geld und bedanke mich für den Bon. "Na, sie sprechen ja gut deutsch." – Ja, vielen Dank. (Okay, wusste nicht, dass man einen so hohen Grad an Deutschkenntnissen für ein "Danke" und "Bitte" braucht. Aber egal. Einfach annehmen. Für Rechtfertigungen ist jetzt keine Zeit.) "Wo kommen sie denn her?" – Aus der Schule (Ist mir schon klar, worauf sie hinauswollte. Aber irgendwann hat man es auch satt.) "Nein, ich meine, wo sind sie geboren?" – In Hamburg. "Oh, das kenne ich gar nicht." (Sie kennt HAMBURG nicht!?) Arme Frau, dachte ich, scheint nicht viel rumgekommen zu sein. Noch ehe ich etwas sagen konnte, spricht sie weiter: "Haaaambuag – Wo genau in der Türkei liegt denn das?"

Unterhält man sich mit mir, könnte man mich sogar mit einer typischen Europäerin verwechseln, schreibt sie noch auf ihrer Website. Wären da nicht all diese Stimmen um sie herum, "die meinen es besser wissen zu müssen." Seit ein paar Wochen sind die Stimmen in manchen Parteien und einigen Medien wieder besonders laut, die sie in die Rubrik "Migrant" einsortieren. Sie als "schwer integrierbar" bezeichnen und davon überzeugen wollen, dass Deutschland doch nicht wirklich ihre Heimat ist. Liest man die Blogs der beiden jungen Frauen, wird sofort klar: Das Gegenteil ist der Fall.

Autor: Murat Koyuncu
Redaktion: Manfred Götzke

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