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Kultur

H. C. Buch: "Ein mutiger Autor, der fehlen wird"

Hans Christoph Buch war ein Weggefährte von Günter Grass. Beide gehörten zur ruhmreichen "Gruppe 47". Im DW-Interview erinnert sich der Schriftsteller an Grass' politische und literarische Leistungen.

Deutsche Welle: Was hat Günter Grass zu dem herausragendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegsgeneration gemacht?

Hans Christoph Buch: Rein äußerlich zwei Dinge. Der Roman "Die Blechtrommel" wurde ein Welterfolg und in über vierzig Sprachen übersetzt. Es war das erste wirklich überzeugende Werk der deutschen Literatur, in deutscher Sprache über den zweiten Weltkrieg. Noch dazu erzählt aus der Perspektive eines Kleinwüchsigen, eines Zwergs, der dem ganzen tragischen Geschehen sogar noch komische Seiten abgewinnt. Das ist ein satirischer Roman, barock ausufernd in der Sprache, und damals eine Sensation, eine neue Literatur, die zur Bundesrepublik und ihrer Demokratie einen wichtigen Beitrag geleistet hat, also zum Bruch mit der Nazizeit beitrug.

Zweitens war es sein politisches Engagement an der Seite der SPD und Willy Brandts. Er war immer ein streitbarer, politisch engagierter Mensch und Autor, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. Damit ist er oft angeeckt, auch bei seinen Freunden. Unmut erregte er zum Beispiel, als er die israelische Atombombe mit der iranischen Atomrüstung in einen Topf warf und sozusagen Israel zum möglichen Verursacher eines Atomkriegs stempelte. Das wurde ihm sehr übel genommen.

Andererseits war es natürlich ein großes Ereignis für Deutschland und für Grass persönlich, dass er den Nobelpreis bekam und in Stockholm für sein Lebenswerk geehrt wurde. Dann aber gab es auch wieder die Schattenseiten, dass nämlich kurz danach bekannt wurde, dass er als junger Mann mit siebzehn, also in sehr jungen Jahren, kurzzeitig als Soldat bei der Waffen-SS gedient hatte. Das passte nun gar nicht zu seinem antifaschistischen Engagement.

DW: Bedeutete das auch in Ihren Augen einen Verlust seiner Glaubwürdigkeit?

In gewisser Weise schon, denn er war ja der Herold der antifaschistischen Literatur, des politischen Engagements, des Bruchs mit der Nazi-Vergangenheit, und nun kam heraus, dass er selbst bei der SS gewesen war. Das hätte man noch verziehen, wenn er es früher gesagt hätte. Aber er hat damit sehr lange gewartet, bis nach dem Nobelpreis. Es gab damals sogar das Gerücht, dass er möglicherweise sogar absichtlich so lange gewartet hätte, weil er sonst vielleicht den Nobelpreis gar nicht bekommen hätte.

Aber das mindert nichts an seiner Bedeutung, denn letztlich war er ein sehr aufrechter, streitbarer Mensch und Zeitgenosse und noch dazu ein wirklich sprachmächtiger Schriftsteller, der bleibende Werte geschaffen hat. Nicht nur die Blechtrommel, ich möchte noch auf sein Spätwerk verweisen, "Im Krebsgang", über den Untergang eines Flüchtlingsschiffs, der "Wilhelm Gustloff", das im Januar 1945 in der Ostsee von einem sowjetischen U-Boot mit Torpedos beschossen wurde und dann mit tausenden von Flüchtlingen im eiskalten Meer versank. Dieses Thema hat er sehr spät erst aufgegriffen, weil für ihn doch die deutsche Schuld im Mittelpunkt stand und das Leiden der Flüchtlinge erst an zweiter Stelle kam, das Leiden der Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten. Das war ja auch Teil seiner Geschichte, aber er hat erst spät darüber geschrieben. Insgesamt ein mutiger Autor, einer, der fehlen wird, weil er auch oft Themen vorgab, wenn auch manchmal in übertrieben provokativer Weise.

DW: Sie selber haben Günter Grass schon als Mitglied der "Gruppe 47", zu der er seit 1955 gehörte, kennengelernt.

Ja, ich habe Günter Grass 1963 kennengelernt, bei einer Tagung der "Gruppe 47", wo er auch meinen Text, den ich dort vorlas, mein Manuskript verteidigt hat gegen Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki, der damals erst kurz zuvor aus Polen in der Westen gekommen war, und andere. Grass war ein guter Freund. Er war später auch mein Lehrer am Literarischen Colloquium Berlin in einer Art Writer's Workshop oder Schreibschule, an der ich teilnahm. Mitte der 1960er-Jahre habe ich ihn unterstützt im Wahlkampf für Willy Brandt. Auch später haben wir uns nie aus den Augen verloren, obwohl das Jahr 1968 auch einen Dissens, einen Bruch markiert hat zwischen Grass und mir und anderen jungen Autoren, weil wir in in dieser Zeit die SPD und die damit verbundene Politik doch scharf kritisierten. Trotzdem blieb Grass ein Freund und Wegbegleiter.

Ich erinnere mich noch gut an Lesungen in Privatwohnungen in Ost-Berlin, wo wir uns heimlich mit DDR-Schriftstellern trafen. Dort hat Grass aus seinem Roman "Der Butt" vorgelesen. Er war immer sehr interessiert am Austausch mit anderen Schriftstellern. Er hat auch in kritischen Diskussionen immer die Literatur gegen die Ansprüche der Politik verteidigt. Es war nicht so, dass Grass nur ein politisch denkender Mensch war, der die Literatur als Propaganda oder als Instrument der Politik betrachtete, sondern selbstverständlich war die Literatur für ihn ein autonomer Bereich, der ein Eigenleben hatte, das über die politischen Tagesfragen weit hinausging - die ihn auch beschäftigt haben. Denn Grass hat sich ja immer wieder in die Tagespolitik eingemischt. Aber eben als Schriftsteller vor dem Hintergrund eines bedeutenden literarischen Werks.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

Der Erzähler Hans Christoph Buch schreibt in seinen Romanen über Haiti, Afrika, Südamerika und China. Als Literaturtheoretiker, Essayist und Publizist äußert er sich schon seit den 1960er-Jahren zu gesellschaftspolitischen Themen. Zuletzt erschien sein postkolonialistischer Roman "Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod", Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2013.

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