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Kunst

Hörspielpreis für "Ickelsamers Alphabet"

Fast wie ein Radio-Oscar: Das Hörspiel "Ickelsamer Alphabet" hat den diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden gewonnen. Es handelt von einem Grammatiker, der den Deutschen vor 500 Jahren das Lesen beibringen wollte.

Preisverleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2015 an Stefan Scheib und Katharina Bihler (Foto: Heike Mund)

Die Preisträger des Jahres 2015 (von li n. re): Hermann Bohlen, Stefan Scheib, Katharina Bihler, Peter F. Müller

Aus insgesamt 22 Einreichungen der deutschsprachigen Radio-Kulturwellen und einer eigenen Nominierung hat die Jury drei klare Favoriten für die letzte Entscheidungsrunde ausgewählt. Gewonnen hat den begehrten Hörspielpreis eine Eigenproduktion des Autoren-Duos Katharina Bihler und Stefan Scheib (Foto: Mitte), gesendet vom Saarländischen Rundfunk in Koproduktion mit D-Radio Kultur in Berlin. Die Hörspielmacher verarbeiten darin das "Dictionarium der zierlichen Wörter" des Grammatikers Valentinus Ickelsamer, der den Deutschen vor ungefähr 500 Jahren das Lesen beibringen wollte. Ein Zufallsfund beim Studieren der Herkunftsgeschichte ungewöhnlicher Wörter, brachte die beiden auf die Spur von Ickelsamer, erzählt Preisträgerin Bihler bei ihrer Dankesrede.

Das höchst amüsante, lautmalerische Hörspiel vereine die unterschiedlichen Klangqualitäten der Wörter im Deutschen und im Französischen aufs Schönste, so die Jury in ihrer Preisbegründung: "Wenn fünf Klafter Wörter über die Klippen einer schnatternden Unterlippe stürzen, trifft 'coquelicot' auf 'klickern', 'caracoler' auf 'verkorkst' und 'cocquecigrue' auf 'Krakeler' – um nur mal zu zeigen, was mit dem Explosivlaut 'k' so alles möglich ist." Die Jury lobte das Hörspiel als "Kabinettstück genuiner Hörspielkunst". In "Ickelsamers Alphabet" treten die Buchstaben als das auf, was sie ohnehin sind: als "tönende Charaktere."

Lebensabend in Fernost

In diesem Jahr hat es auch wieder ein brisantes, politisch hochaktuelles Stück unter die drei Besten des Kriegsblindenpreises geschafft: Das Hörspiel "Lebensabend in Übersee" von Hörspielmacher Hermann Bohlen verrät schon im Untertitel, wo die Hörspielreise hingeht: "Sha Ji Jing Hou – Ein Huhn schlachten, um die Affen einzuschüchtern."

Regisseur und Schauspieler im WDR-Hörspiel Studio bei der Probe, Foto: WDR/2015

Regisseur Hermann Bohlen (li) mit Schauspieler Harald Halgarth bei der Probenarbeit im Hörspielstudio

Aufgrund eines neuen "Gesetzespaketes zur Vermeidung von Altersarmut" werden in diesem fiktionalen Hörspiel Senioren - je nach Vermögenslage - in billigere Länder als Deutschland abgeschoben. Wer nach Polen verbracht wird, kann sich glücklich schätzen. Weniger Begüterte kommen in die chinesische Provinz Yunan. Ein folgenreicher Kulturschock, den Regisseur Hermann Bohlen als Radioreportage zwischen fiktiven Skype-Dialogen und den Fakten des wahren Lebens in Altersarmut inszeniert hat.

Der Zynismus des Bösen

Zutiefst schockierend entwickelt sich die akustische Szenerie bei dem dritten nominierten Hörspiel "Klaus Barbie - Begegnung mit dem Bösen" (WDR 2015) von Peter F. Müller, in Szene gesetzt von Regisseur Leonhard Koppelmann. Drei Stunden dauert das dokumentarische Hörstück, das sich auf mehreren Ebenen der Biografie des Nazi-Kriegsverbrechers Klaus Barbie nähert. Original-Töne des berüchtigten "Schlächters von Lyon" aus dem Jahr 1979 spiegeln die ungeheure Selbstgerechtigkeit wider, mit der Barbie seine Verbrechen später verharmlost hat.

Kriegsverbrecherprozess gegen Klaus Barbie

"Banalität des Bösen": Kriegsverbrecher Klaus Barbie, hier mit Dolmetscherin, kam 1987 in Lyon vor Gericht

Selbstzweifel kommen nicht einmal ansatzweise vor in seiner Lebenslüge, die Barbie auch vor Gericht in Frankreich (Foto) aufrecht erhalten hatte: "Es war alles doch gar nicht so schlimm", hört man ihn im Hörspiel sagen. Kontrastiert werden diese Originaltöne von Barbies Tagebuchnotizen und Aussagen des Historikers Peter Hammerschmidt: Fakten, Zahlen, historische Zusammenhänge, besonders schockierend im Gegensatz zu Barbies erschreckend lapidaren Schilderungen. Autor Peter F. Müller hat in jahrelangen Recherchen die Spur von Barbie, der durch Helfer im Vatikan und im amerikanischen Geheimdienst in Bolivien untertauchen konnte, bis in die Neuzeit verfolgt.

Hörspielpreis mit eigener Geschichte

Seit 1952 wird der Hörspielpreis der Kriegsblinden an besonders innovative Hörspielmacher, Autoren und Regisseure in Deutschland verliehen. Seit 1994 gehört die Filmstiftung NRW in Düsseldorf zum Träger und Ausrichter des Preises. Die Liste der Preisträger liest sich wie das Who's Who der deutschsprachigen Literaturgeschichte: Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Dieter Wellershoff, Walter Kempowski und Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll und Elfriede Jelinek sind mit Stücken vertreten. Prämiert werden Original-Hörspiele, die "in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform" erweitern. Der verstorbene Christoph Schlingensief bekam 2003 den Preis für sein Hörspiel "Rosebud".

hm/ld (Hörspielpreis der Kriegsblinden)

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