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Wirtschaft

Höhen und Tiefen: Bechstein-Klaviere

Sie hat wirtschaftlich alles erlebt, die 1853 gegründete "C. Bechstein Pianofortefabrik" - vom Lieferant für Könige bis zur Pleite. Heute laufen die Geschäfte wieder besser, auch dank eines wachsenden Auslandsgeschäfts.

C. Bechstein - ein klangvoller Name mit langer Tradition. Vor fast 160 Jahren gründete der Instrumentenbauer Friedrich Wilhelm Carl Bechstein seine "Pianofortefabrik" in Berlin. Franz Liszt, Richard Wagner und Claude Debussy - die Liste der Bechstein-Liebhaber ist lang und umfasst Kaiserhöfe und Königshäuser in ganz Europa. Es scheint, als habe ein wenig von diesem Glanz bis heute überdauert. Von den "edelsten Juwelen deutscher Klangkultur" schwärmen sie bei Bechstein, vom "Nonplusultra für verwöhnteste Ohren und anspruchsvollste Finger".

Karl Schulze, der das Unternehmen seit fast 30 Jahren geschäftsführend leitet, ist der Meinung, dass selbst ein musikalischer Laie das Besondere heraushören könnte. "Er kann doch sehr bewusst entscheiden, gibt ihm dieser Ton etwas für sein Innerstes, das heißt, spricht ihn dieser Ton an? Oder ist es nur ein Geräusch, von dem er sagt, na ja, das könnte ein Musikinstrument sein?" Bei einem Klavier oder Flügel von Bechstein könne man sich sicher sein: "Es ist eins!"

Titel: Karl Schulze, Geschäftsführer von C. Bechstein. Copyright: C. Bechstein Das Foto von Karl Schulze/C. Bechstein wurde mir honorarfrei zur Verfügung gestellt. Zulieferer: Sabine Kinkartz

Deutsche Klangkultur: Geschäftsführer Schulze an einem Konzertflügel

Musikalische Kostbarkeiten

Mehr als 4500 Instrumente pro Jahr werden in zwei Werken in Deutschland und Tschechien in Handarbeit gefertigt, darunter rund 800 Flügel. Ihre Preisspanne reicht von 30.000 Euro bis 300.000 Euro für einen nach besonderen Wünschen gebauten Konzertflügel. Es können aber auch eineinhalb Millionen Euro werden wie bei einem Flügel, der zurzeit im sächsischen Seifhennersdorf gebaut und im kommenden Jahr an seinen Auftraggeber ausgeliefert wird. Preiswerte Klaviere ab 5000 Euro werden unter der Zweitmarke "W. Hoffmann" in Tschechien gebaut.

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Boris Bloch spielt Chopin auf Bechstein-Flügel: Hörprobe 1

Natürlich gebe es immer noch eine Gruppe von Kunden, deren Budget selbst 5000 Euro nicht zulasse, räumt Karl Schulze ein. Um auch diese Kunden ansprechen zu können, hat Bechstein eine Kooperation mit dem chinesischen Klavierbauer Hailun ins Leben gerufen. Es seien "von uns konzeptionierte und entwickelte Instrumente", die in China hergestellt würden, betont Schulze. "Damit können wir etwas anbieten, was unter 5000 Euro liegt und werden damit sicherlich nicht nur in China, sondern auch weltweit wieder Kunden finden, die sagen, wir wollen einsteigen und jetzt finden wir unter der Führung von Bechstein ein Produkt, welches diese Kriterien erfüllt."

Deutsches Qualitätsmanagement

Ein Bechstein, "made in China"? Ganz so ist es nicht. Die bei Hailun in Ningbo gebauten Klaviere sollen als solche kenntlich bleiben, aber das Qualitätssiegel "Bechstein Quality System" bekommen. Zudem sollen in China Klaviere mit dem Schriftzug "Zimmermann" produziert werden, ein Markenname, unter dem Bechstein bis vor Kurzem noch selbst in Deutschland preiswerte Instrumente produzierte. Von den chinesischen Modellen, so hofft Schulze, könnten in zwei bis drei Jahren jährlich schon rund 5000 Stück verkauft werden. Derzeit führen deutsche Spezialisten bei Hailun ein neues Qualitätsmanagement für die Produktion ein.

Auf dem Foto sieht man Michael Stiasny. Er bezieht bei der Firma C. Bechstein Flügel mit Saiten. Nach dem Beziehen der Mittellage und des Diskants werden die Saiten hinter dem Steg, die keine Duplexsaiten sind, mit Filz abgeflochten (gedämpft) damit sie nicht mitklingen. Das Copyright liegt bei der Firma C. Bechstein

Reine Handarbeit: Es dauert Monate, bis ein Flügel fertig wird

Hat Karl Schulze keine Angst vor einem unfreiwilligen Know-how-Transfer nach China? Man könne nicht alles verhindern, sagt der Bechstein-Geschäftsführer. "Aber sie können Wege gehen, indem sie bestimmte Komponenten aus Deutschland oder Europa einbinden, die geschützt sind, bestimmte Fertigungsformen und Namensrechte beispielsweise." Man müsse insgesamt eine Vertragsform finden, die "die Form einer akkuraten Zusammenarbeit" gewährleiste. "Das heißt, nicht das Füllhorn unserer Erfahrung einfach nur ausschütten und anderen übergeben, sondern für uns halten und damit weitere Chancen ausbauen", so Schulze.

Zwei Drittel aller Klaviere werden in China verkauft

Chancen auch für in Europa gefertigte Klaviere und Flügel, von denen Bechstein bis jetzt gerade einmal 500 bis 600 Stück pro Jahr nach China verkauft. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass für jedes Instrument 45 Prozent Einfuhrzoll fällig werden. Gerade Chinesen seien der europäischen Klangphilosophie gegenüber aber sehr aufgeschlossen und außerdem gehöre es dort zum guten Ton, Klavier zu spielen.

Tatsächlich gibt es in China heute mehr als 100 Klavierhersteller, in Deutschland sind es gerade einmal noch zehn. Weltweit werden pro Jahr rund 450.000 neue Klaviere und Flügel gebaut. Davon werden zwei Drittel in China verkauft. China ist der größte Herstellermarkt der Welt und der größte Absatzmarkt. "Das Marktgefüge ist heute eindeutig so, dass der Hauptmarkt für Klaviere heute Asien ist und Europa eine deutlich untergeordnete Rolle spielt", analysiert Karl Schulze.

Der Pianist Lang Lang. (AP Photo/Alex Brandon)

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Sechstausend Klaviere in China verkaufen

2011 setzte die C. Bechtein Pianofortefabrik, die in Deutschland und Tschechien 340 Mitarbeiter beschäftigt, 34,6 Millionen Euro um, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Der Gewinn verdoppelte sich auf 2,2 Millionen Euro. Das Geschäft in Asien soll diesen Gewinn weiter steigen lassen. Allein 80 Millionen Chinesen, so rechnet Karl Schulze unter Verweis auf statistische Erhebungen vor, hätten den Wunsch, Klavierspielen zu lernen.

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"Wir gehen davon aus, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre der Anteil derjenigen, die sich ein besseres Instrument leisten werden, bei zehn Prozent liegen wird. Gemessen an den heutigen Zahlen wären das rund 25.000 Instrumente." Schulze rechnet sich aus, dass Bechstein daran einen Anteil von vier- bis sechstausend erreichen könnte, das wären 20 Prozent des Gesamtmarktes. "Das wird aber seine Zeit brauchen."

Eine Zeit, die Schulze nicht mehr als Geschäftsführer von Bechstein miterleben wird. 2014 läuft sein Vertrag aus und der dann 66-jährige will ihn nicht verlängern. Mit dem Einstieg des Berliner Unternehmers Stefan Freymuth und der Investorengruppe Arnold Kuthe ist die Nachfolge aber schon seit Langem geregelt. Und Karl Schulze ist sich sicher, dass er der "Pianofortefabrik" als Berater über 2014 hinaus noch lange erhalten bleiben wird.

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