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Asien

Häusliche Gewalt? Privatangelegenheit!

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist in der chinesischen Verfassung verankert. Zwei außergewöhnliche Gewaltfälle und die Diskussion darum machen jedoch deutlich: Davon ist China weit entfernt.

Anfang Februar fand ein spektakulärer Scheidungsprozess in China sein Ende. Die Amerikanerin Kim Lee hatte schwere Misshandlungsvorwürfe gegenüber ihrem  Mann Li Yang erhoben, einer bekannten Unternehmerpersönlichkeit in China. Das Besondere: Kim Lee hatte die misshandlungen öffnetlich gemacht.  Im vergangenen August hatte sie Bilder auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo veröffentlicht, auf denen sie mit blauen Flecken und Schürfwunden zu sehen war. Ein Gericht in Peking verurteilte ihren Ex-Mann schließlich zur Zahlung von umgerechnet 1,5 Millionen Euro Entschädigung. Kim Lee bekam auch das alleinige Sorgerecht für ihre gemeinsamen drei Töchter zugesprochen.

Der Fall Kim Lees hatte in China eine heftige Debatte über häusliche Gewalt ausgelöst. Es ist ein Zeichen dafür, wie groß das Problem im Land ist. Die Zahlen des staatlichen Frauenverbandes All-China Women's Federation sprechen eine klare Sprache: Demnach klagt jede vierte Frau über körperliche oder psychische Misshandlungen. Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor. Besonders betroffen sind aber Frauen in ländlichen Regionen.

Opfer wird aus Verzweiflung selbst zum Mörder

Manche Opfer greifen in ihrer Verzweifelung sogar selbst zu Gewalt, so wie Li Yan aus der westchinesischen Provinz Sichuan. Monatelang wurde sie auf brutale Weise von ihrem Ehemann misshandelt. Sie hielt die Torturen nicht mehr aus und brachte ihren Peiniger um. Nach einem Mordprozess soll Li Yan nun hingerichtet werden. Doch dieses Urteil löste landesweit Entrüstung aus.

Sowohl Kim Lee als auch Li Yan suchten Hilfe bei der Polizei. Trotz Vorlage eindeutiger Beweise wurde beide Frauen aber allein gelassen. Denn Gewalt in der Familie wird als Privatangelegenheit gesehen. Es gibt kaum Hilfsangebote für Opfer von häuslicher Gewalt. Die meisten suchen Zuflucht bei ihren Eltern, Nachbarn oder Freunden. Schätzungen zufolge soll es zwar rund  400 Frauenhäuser in China geben. Doch "die meisten werden kaum in Anspruch genommen", sagt Li Sipan, Frauenaktivistin in der südchinesischen Metropole Guangzhou. Es fehle an der nötigen Kooperation und Vernetzung unter den einzelnen Behörden und Institutionen.

Kaum Frauen in der Politik

Lipinsky: Am eigentlichen Frauenbild hat sich letztlich unter der Oberfläche nichts geändert (Foto: dpa)

Lipinsky: "Am eigentlichen Frauenbild hat sich letztlich unter der Oberfläche nichts geändert"

Die derzeit in China geltende Gesetzeslage bietet Frauen keinen Schutz vor häuslicher Gewalt.  Zwar wurde die Thematik letztes Jahr auf die Tagesordnung des Nationalen Volkskongresses (NVK), Chinas nominell oberstem Gesetzgebungsorgan, gesetzt. Bewegt hat sich in der Sache bisher aber noch nichts. 

"Ein Gesetz ist immer gut", sagt Astrid Lipinsky, Expertin für Frauenrechte in China an der Universität Wien, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Allerdings erinnert Lipinsky daran, dass häusliche Gewalt auch in Deutschland lange nicht strafbar war, bis eine parteiübergreifende Gruppe weiblicher Parlamentarierinnen strenge Gesetze im Bundestag durchgesetzt hatte. Frauen in der Politik sind in China immer noch unterrepräsentiert. Im Volkskongress, der gerade in Peking tagt, sitzen überwiegend Männer. Nach der amtlichen Agentur Xinhua liegt die Frauenquote im neuen chinesischen Parlament gerade mal bei 23,4 %.  Im innersten Zirkel der Kommunistichen Partei, dem Ständigen Ausschuss des Politbüros mit seinen sieben Mitgliedern, ist überhaupt keine Frau vertreten.

Trotz der Debatten und zaghaften Ansätze zu Reformen stellt Lipinsky ernüchtert fest:  "Am eigentlichen Frauenbild hat sich letztlich unter der Oberfläche nichts geändert".  Traditionelle Familienvorstellungen sowie Geschlechterrollen seien in der chinesischen Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet. Deshalb, so die Wiener Expertin, werde häusliche Gewalt weiterhin zumeist ignoriert.