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Welt

"Hässliche Worte über die Osmanen"

Die Erinnerung an die Massaker an den Armeniern vor hundert Jahren sorgt für neuen Streit zwischen der Türkei und europäischen Staaten. Ankara sieht sich zu Unrecht auf der Anklagebank. Thomas Seibert aus Istanbul.

Mehrfach hat die Türkei in den vergangenen Wochen hinnehmen müssen, dass sich wichtige politische Akteure in Europa über die Forderung Ankaras hinwegsetzen, die Bewertung der Armenier-Deportationen der Jahre 1915 bis 1917 den Historikern zu überlassen. Zuerst sprach Papst Franziskus das von der Türkei strikt abgelehnte Wort "Völkermord" aus, dann tauchte der Begriff in Resolutionen des EU-Parlaments und der österreichischen Parlamentsfraktionen sowie beim russischen Präsidenten Wladimir Putin auf. Schließlich sprachen auch Bundespräsident Joachim Gauck und der Berliner Bundestag von einem Genozid durch das Osmanische Reich.

"Diplomatische Schande"

Für die Türkei ist das unannehmber. Der nationalistische Politiker Ümit Özdag schäumte, die Tatsache, dass ausgerechnet Deutschland der Türkei in Sachen Völkermord gute Ratschläge erteilen wolle, sei eine "diplomatische Schande".

Türkei Völkermord an Armenier Gegendemo der Nationalisten in Istanbul

Lehnen den Begriff Völkermord für die Massaker an Armeniern ab: Türkische Nationalisten

Vizepremier Yalyin Akdogan empfahl allen Ländern, die einen Völkermord an den Armeniern anerkennen, vor der eigenen Haustür zu kehren und sich anzusehen, "was sie ihren eigenen Staatsbürgern" im Verlauf der Geschichte angetan haben. Mit ähnlichen Formulierungen wies das türkische Außenamt die Äußerungen Putins zurück. Angesichts der vielen russischen Untaten im Kaukasus und anderen Regionen kenne sich Moskau in Sachen Genozid wohl bestens aus, erklärte das Ministerium.

Türkische Regierung reagiert zunächst nicht auf Gauck

In türkischen Medien wurden Putins Äußerung und auch Gaucks Rede vielfach kritisiert. "Hässliche Worte" habe der deutsche Präsident über die Osmanen gesagt, berichtete die regierungsnahe Zeitung "Sabah". In der Zeitung "Milliyet" war von einem "Skandal" die Rede, den Gauck angerichtet habe.

Armenien Völkermord Gedenkfeier Putin

Spricht von Genozid an den Armeniern durch die Osmanen: Putin bei einer Gedenkfeier

Anders als bei Putin reagierte die türkische Regierung zunächst nicht auf die Ansprache von Gauck und auf die Beratung im Bundestag. Noch vor wenigen Tagen hatte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu persönlich bei Kanzlerin Angela Merkel interveniert und vor einer Verwendung des Begriffs Völkermord gewarnt. Nun aber schwieg Ankara. Offenbar ging es der Regierung darum, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht von der Gedenkfeier wegzulenken, die Präsident Recep Tayyip Erdogan am Armenier-Jahrestag veranstaltete: Mit mehreren Dutzend Staatsgästen gedachte Erdogan der Gallipoli-Schlacht im Ersten Weltkrieg.

Davutoglu schielt auf nationalistische Wähler

Das Ausbleiben einer sofortigen Reaktion bedeutet aber nicht, dass Ankara nach der Rede des Bundespräsidenten einfach zur Tagesordnung übergehen wird. Wenige Wochen vor der türkischen Parlamentswahl am 7. Juni könne von der Regierung bei diesem Thema keine Gelassenheit erwartet werden, sagte ein Diplomat der Deutschen Welle. Immerhin habe es Davutoglus Regierungspartei im Juni besonders auf die Stimmen rechtsgerichteter Wähler abgesehen.

Der internationale Druck hat bisher keine Änderung der türkischen Haltung bewirkt. Zwar schickte die türkische Regierung am Freitag den EU-Minister Volkan Bozkir als erstes Kabinettsmitglied zu einem Gedenkgottesdienst für die Opfer der Massaker ins armenische Patriarchat von Istanbul. In einer Grußbotschaft an die Armenier betonte Erdogan, er teile den Schmerz der Opfer.

"Tiefe Angst"

Recep Tayyip Erdogan Präsident Türkei Rede

Erdogan: Alle Volksgruppen des Osmanischen Reiches haben Millionen Menschen verloren

Doch das ist kein Schuldeingeständnis. Erdogan unterstrich in seiner Botschaft ausdrücklich, im Ersten Weltkrieg hätten alle Volksgruppen des Osmanischen Reiches Millionen von Menschen verloren.

Der Menschenrechtsanwalt Orhan Kemal Cengiz glaubt, hinter der türkischen Zurückweisung aller Vorwürfe eine "tiefe Angst" zu erkennen, wie er der Deutschen Welle sagte. Die moderne Türkei sei schließlich auch auf der Ausgrenzung der nicht-muslimischen Minderheiten errichtet worden. Dieser Tatsache sähen in der Türkei heute lediglich einige Intellektuelle ins Auge, nicht aber die breite Öffentlichkeit oder die Politik.

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