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Welt

Händler des Todes vor US-Gericht

Der in Thailand verhaftete und an die USA ausgelieferte Viktor Bout soll über Jahre hinweg illegal Waffen in Kriegsgebiete rund um den Globus geliefert haben. Jetzt beginnt in New York der Prozess gegen den Russen.

Viktor Bout bei seinem Eintreffen in den USA am 16.11.2010 (Foto: dpa)

Viktor Bout bei seinem Eintreffen in den USA am 16.11.2010

Washington hält Viktor Bout für einen der größten Waffenhändler der Welt und wirft ihm unter anderem vor, Geschäfte mit Al-Kaida und den Taliban gemacht zu haben. Vor Gericht angeklagt ist der 44-Jährige von den US-Justizbehörden jedoch wegen beabsichtigten Mordes an amerikanischen Staatsbürgern und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Am Dienstag (11.10.2011) beginnt der Prozess.

Luftraketen für Kolumbien wurden zur Falle

Bout war den Behörden 2008 ins Netz gegangen, als er amerikanischen Ermittlern Luftabwehrraketen für die kolumbianischen FARC-Rebellen verkaufen wollte. Die FARC ist eine marxistische Rebellenorganisation, die ihren bewaffneten Kampf u.a. mit Drogengeldern finanziert. Nach zweieinhalbjährigem Streit hatte die thailändische Regierung Bout im November 2010 an die USA ausgeliefert, wo der 44-Jährige seitdem im Untersuchungshaft sitzt.

Der Mann, der seinen Geburtsort mal mit dem tadschikischen Duschanbe, mal mit Aschchabad in Turkmenistan angibt, kommandierte als Herr eines weltweiten Netzwerks zeitweise hunderte von Menschen. Sie wickelten in seinem Auftrag ihre dunklen Geschäfte überall dort ab, wo wegen kriegerischer Konflikte Waffen gebraucht wurden, häufig aber auch Waffenembargos bestanden. Je schärfer diese kontrolliert wurde, desto höher die Preise, die Bout für seine Dienstleistungen verlangen konnte.

Globales Netzwerk für Waffen

Kathi Lynn Austin, im Auftrage der UN bei einer Kontrollmission am Lake Kivu, Demokratische Republik Kongo (Foto: Oxfam/Kathi Austin)

Kathi Lynn Austin (M.) im Auftrage der UN am Lake Kivu, Demokratische Republik Kongo

Bout belieferte Regierungen ebenso wie Rebellen, Armeen aus Kindersoldaten ebenso wie Terroristen. In Afghanistan zählte der vor kurzem ermordete Burhanuddin Rabbani, Ex-Präsident Afghanistans und später Führer der Nordallianz, zu seinen besten Kunden. Die Kontakte in das bis 1989 von den Sowjets besetzte Land waren nicht zufällig. Kathi Austin, Direktorin des "Conflict Awareness Project", ist Expertin für internationalen Waffenhandel und hat Bouts Karriere über viele Jahre verfolgt. "Am Ende des Kalten Krieges haben staatliche Regierungen ihre Flugzeuge, Verbindungen und Logistik an private Waffenhändler weitergereicht. Von diesem Zeitpunkt an sind private Waffenhändler die eigentlichen Kriegsunternehmer." Sie hätten die logistische Infrastruktur von Staaten wie der Sowjetunion übernommen, sagt Austin, und dann "ganze Imperien aufgebaut, indem sie Waffen, Munition und andere Formen militärischer Unterstützung an ihre Klientenstaaten und einzelne Gruppierungen verkauft haben, darunter auch Terroristen."

Händler des Todes mit Privatflotte

Bouts Biographie prädestinierte ihn dafür, in diese Marktlücke zu stoßen. Der Sohn russischer Eltern absolvierte die Moskauer Militärhochschule und diente bis 1991 bei einem sowjetischen Luftwaffenregiment. Zwei Jahre davon im bürgerkriegsgeschüttelten Mosambik. Seine guten Kontakte zu Militärs und Geheimdiensten versetzten ihn in die Lage, auch in Angola, Sierra Leone oder später im Bürgerkrieg im Kongo Waffen zu verschieben.

Der Schauspieler Nicolas Cage als Geschäftsmann Yuri Orlov in einer Szene des Kinofilms 'Lord of War' ('Händler des Todes') (Foto: dpa)

Bout war Vorbild für den Kinofilm "Händler des Todes". Im Bild: Schauspieler Nicolas Cage

Bouts, dem in dem Hollywood-Streifen "Lord of War" - der deutsche Titel lautet "Händler des Todes" - schon zu Lebzeiten ein unrühmliches Denkmal gesetzt wurde, dirigierte seine Waffengeschäfte stets diskret im Hintergrund. Offiziell handelte er anfangs noch mit südafrikanischen Schnittblumen. Doch dann stellte er seine Flotte aus alten Antonow-Transportmaschinen zunehmend in den Dienst lukrativerer Waffengeschäfte. Für den Transport des z.T. schweren Kriegsgerätes in die Kampfgebiete stand ihm außerdem ein ganzes Netzwerk von Händlern, Piloten, Transportunternehmern und korrupten Staatsbeamten zur Verfügung, das er entsprechend der lokalen Gegebenheiten geschickt einzusetzen wusste.

Inwieweit er sich dabei auch auf die Schützenhilfe des KGB verlassen konnte, ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Jedenfalls war man in Moskau über seine Auslieferung an die USA lange Zeit empört.

Viktor Bout (r.) mit thailändischen Polizisten am Flughafen Bangkok (Foto: AP)

Der mutmaßliche russische Waffenhändler Viktor Bout wurde Ende letzten Jahres aus Thailand ausgeflogen

Die US-Staatsanwaltschaft hat ihre Anklage auf Bouts Waffengeschäfte mit den kolumbianischen FARC-Rebellen fokussiert. Kronzeuge der Anklage gegen Bout sind ein ehemaliger Geschäftsfreund und ein Pilot, der für ihn Waffen nach Angola flog. Außerdem sollen die Tonbandprotokolle, die während der verdeckten Ermittlungen in Thailand entstanden, als Beweismittel dienen. Kathi Austin, glaubt, dass die Anklage gut vorbereitet ist: "Es gibt eine Flut von Beweisen, die zeigen, dass Bout nicht nur die Intention hatte, sondern auch über die Möglichkeiten verfügte, den FARC-Rebellen diese Waffen zu verkaufen, einer Gruppierung, die von den USA auf der Liste der Terrororganisationen geführt wird."

Licht ins Dunkel

Dass er Gewehre und Raketen verkauft, gibt Bout inzwischen zu, schließlich gehe es beim Töten ja nicht um die Waffe, "sondern um die Menschen, die sie benutzen". Außerdem verweist er gerne darauf, dass auch das Pentagon mit ihm Geschäfte gemacht habe. Zuletzt wohl während des Irakkriegs.

Insgesamt könnte der Prozess, der im New Yorker Stadtteil Manhattan unter strengen Sicherheitsvorkehrungen abgehalten wird, ein seltenes Schlaglicht auf etablierte Praktiken im düsteren Geschäft des internationalen Waffenhandels werfen. Ein Bereich, der nach Ansicht von Scott Stedjan, Sicherheitsexperte bei der Menschenrechtsorganisation Oxfam, endlich durch ein internationales Vertragswerk strenger kontrolliert werden müsste. "Einige Staaten üben gar keine oder nur sehr geringe Kontrolle über Waffenexporte aus. So gibt es Länder, in denen sich Frachtunternehmen, die Waffen transportieren, noch nicht einmal registrieren lassen müssen."

Diese Länder machten es Waffenhändlern leicht, "sie als Schlupfwege zu nutzen" und erschwerten es jenen, die über Rüstungsexportgesetze verfügten, jemand vor Gericht zu stellen, der seine Taten in einem dieser Länder begangen habe, sagt Oxfam-Experte Stedjan. Seine Organisation fordert ein international bindendes Regelwerk für Waffengeschäfte aller Art, wie es seit Jahren auf der Agenda der Vereinten Nationen steht. Der Viktor Bout-Prozess könnte diesem Anliegen neue Dynamik verleihen.

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Beate Hinrichs

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