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Ostmitteleuropa

Gyula Horns "Auftritt im Porzellanladen"

– Nach seiner umstrittenen Kritik an der katholischen Kirche bemühen sich Ungarns Sozialisten um Schadensbegrenzung

Budapest, 30.1.2002, PESTER LLOYD, deutsch

Ex-Ministerpräsident Gyula Horn, Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, Träger höchster deutscher Preise und Auszeichnungen, ließ sich wieder einmal zu Äußerungen hinreißen, die zwar manches für sich haben, die er jedoch besser hätte lassen sollen. Der (eine) Mann der Grenzöffnung von 1989 verkündete vor der Presse, die katholische Kirche bringe viele Gläubige in seelischen Zwiespalt. Diese Leute wollten bei den Aprilwahlen zwar die MSZP (Ungarische Sozialistische Partei) wählen, doch werde ihnen das durch ihre Priester untersagt. Es sei unangebracht, dass sich Bischöfe und Priester vielerorts in die Wahlkampagne einmischten, den Fidesz (Bund Junger Demokraten)-Kandidaten sogar die Kanzel überließen, die Beichte missbrauchten, um die Menschen zu überreden, für wen sie stimmen sollten.

Die katholische Kirche wollte darauf nicht reagieren. Die mit dem Fidesz verbündeten Christdemokraten bezichtigten Horn des "geistigen Terrorismus", verlangten eine Entschuldigung und dass sich Horn aus dem öffentlichen Leben zurückziehe. Der Spitzenkandidat der MSZP, Péter Medgyessy, wurde aufgefordert, sich von Horn zu distanzieren sowie die Kirchenführung und die Gläubigen um Entschuldigung zu bitten.

Dieser kam der Aufforderung - teilweise - prompt nach. Er sagte, Horn habe seine eigene Meinung geäußert, diese sei nicht die der MSZP. Horn lenkte auch nach den Protesten nicht ein und wiederholte: Die MSZP erhalte viele Informationen, dass katholische Priester - wenn auch keineswegs alle - die Menschen indirekt, aber eindeutig zur Unterstützung der (konservativen) Regierungskoalition aufriefen.

Das Paradoxon der Affäre: Gyula Horn war der Regierungschef, der 1997 mit dem Vatikan das Abkommen unterschrieb, in dem Ungarn den langjährigen Forderungen Roms weitgehend nachkam. Die Kirche erhält seitdem (mit Ausnahme der Landgüter) all ihre nach dem Krieg verstaatlichten Liegenschaften zurück oder bekommt dafür eine marktgerechte finanzielle Kompensation. Die kirchlichen Schulen, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen wurden mit den staatlichen gleichgestellt und werden entsprechend mitfinanziert - auch der Religionsunterricht. Die großzügigen Gesten der Horn-Regierung zahlten sich jedoch bei den Wahlen von 1998 offenbar nicht aus. Die Wichtigkeit dieser Wählerschichten erkennend, wirkt eine Gruppe von christlichen Sozialisten in der Partei, und Medgyessy richtete vor Weihnachten einen Brief an die christlichen Würdenträger, in dem er sie der Sympathie der Sozialisten versicherte. Einige der Adressaten fanden das unangebracht, die Katholiken schwiegen sich aus.

In einem "normalen" europäischen Land wäre ein Dialog zwischen Gläubigen und Sozialdemokraten auch normal. In Ungarn stehen die leidgeprüften Kirchen einer Partei gegenüber, die sie - zumindest zum Teil berechtigt - als Nachfolgepartei ihrer Unterdrücker ansehen. Die Letzteren, darunter viele junge, unbescholtene Leute, stehen wiederum einem erzkonservativen katholischen Klerus gegenüber, der sich gegen die frischen westlichen Winde der Erneuerung bis heute verschließt. Vielleicht auch, weil manche Pastoren ein schlechtes Gewissen wegen der erzwungenen Kollaboration in der Vergangenheit haben. Wie auch immer: Aus dem Blickwinkel der MSZP war Gyula Horns Auftritt im Porzellanladen äußerst schädlich. (fp)

  • Datum 30.01.2002
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