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Wahlkampf

Guttenbergs Heimspiel: "Er kann reden wie Strauß"

Er ist wieder da. Karl-Theodor zu Guttenberg, 2011 im Skandal gestürzter CSU-Hoffnungsträger, kehrt heim in den Wahlkampf. Und? Will er mehr? Am 24. September, sagt er, sei er wieder in den USA. 

"Meine Heimat war, ist und wird immer Oberfranken bleiben", sagt der 45-Jährige, als er die Bühne erklommen hat. Der Empfang in der Stadthalle von Kulmbach überwältigt ihn. Er danke allen, die ihm auch "in meinen dunklen Stunden Zuspruch und Aufmunterung" gaben. Ja, er danke auch für "Spott und Häme". Aber nach langer Zeit dürfe er sagen: "Jetzt ist auch irgendwann mal genug."

Es ist, im kleinen Ort, eine große biblische Geschichte an diesem Abend. Der verlorene Sohn kehrt heim. Das Gleichnis Jesu in moderner Zeit. 

Vor sechseinhalb Jahren entschwand Karl-Theodor zu Guttenberg, einst Hoffnungsträger der CSU, aus seinem Scheitern in die USA. An diesem Spätsommerabend kehrt er heim auf die öffentliche Bühne seiner Heimat. Im fränkischen Kulmbach, im Norden Bayerns, startet er seine Tour als Wahlkämpfer seiner Partei. Großes Theater. Und wie in der Bibel: die Hoffnung auf Heil und Versöhnung.  

"Selbst verschuldet und abgehalftert"

Guttenberg war in den frühen Merkel-Jahren auch für viele Journalisten die Lichtgestalt im eintönigen Politikbetrieb. Bis er stürzte. Mehr oder weniger große Teile seiner Doktorarbeit hatte er abgeschrieben. Von ihm "selbst verschuldetes Verderben" nennt er es an diesem Abend. Er trat im März 2011 als Verteidigungsminister zurück, legte sein Bundestagsmandat nieder, verlor den 2007 verliehenen Doktortitel, ging mit seiner Familie in die USA, startete eine neue Existenz in einer Beratungsfirma. 

"Ein abgehalfterter Politiker", sagt er selbst über sich. Und zeigt dann in Jeans, mit offenem weißem Hemd und blauem Leinenjackett auf der Bühne, dass er es noch könnte. 75 Minuten, mal leiser, mal laut, freie Rede und spontane Witze. Und wenn der Saal kocht (und er kocht oft), gefällt es ihm. 

"Eine Welt im Umbruch"

Von Renten- und Sozialpolitik, sagt er, verstehe er ja nichts mehr. "Mancher würde sagen: hat er noch nie verstanden." Und er wisse auch nicht, ob demnächst aus München der Ruf nach einer Obergrenze für Dieselautos oder für "Fipronil-Eier" ertöne. Nein. Guttenberg redet über "Die Bundestagswahl in Zeiten einer Welt im Umbruch." Große Politik. Weltpolitik. 

Und wie. Guttenberg wirbt für eine größere Rolle Deutschlands auf dem internationalen Parkett. Und warnt vor einem Atomkrieg. Er mahnt nachdrücklich, jeden ernsten Kontakt in die USA zu halten oder zu suchen. Und Russland durch Sanktionen nicht nur in die Ecke zu stellen. Über eine europäische Verteidigungsarmee nachzudenken. Europa vor Spaltung zu bewahren. China ernster zu nehmen. Außen- und Sicherheitspolitik würden immer wichtiger.

Nur sagt er das nicht in trockener politischer Rede. Guttenberg kann einfach reden, immer noch, fast verführerisch gut. 75 Minuten - und niemand geht raus zum Bier. Ja, die Hitze schafft den ein oder anderen. Die Halle kocht. Und er kokettiert. 

"Wie dreht Trump eine Birne rein?"

Mal warnt er, über die USA nur noch hämische Witze zu reißen, sich über den Präsidenten "auszukotzen". Und haut dann reihenweise Jokes raus. "Wie dreht Trump eine Glühbirne ein? Stellt sich auf den Stuhl, hält die Birne fest und wartet, dass sich die Welt um ihn dreht." Der Wüterich sei, so würde es wohl Tochter Guttenberg sagen, "nicht die hellste Kerze auf der Torte". 

Guttenberg lobt Merkel, die er zunächst "meine ehemalige Chefin" nennt. Sie sei Garantin für Deutschlands Ansehen in der Welt. Er selbst, so Guttenberg, habe erfahren müssen, dass die Kanzlerin "mit Alphatieren" umgehen könne. Und öfter lobt er Bayern - sagt dabei eher "München" als "Seehofer"- bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise, auch bei der Begrenzung des Zuzugs. Jubel, als Guttenberg eine Leitkultur-Debatte fordert und ein Verbot von Burka und Niqab im öffentlichen Raum fordert. 

Der Premiere in Kulmbach, wo der Adlige einst mit 68 Prozent das beste Direktwahl-Ergebnis aller Bundestags-Abgeordneten einfuhr, folgen sieben Auftritte in allen Regionen Bayerns. Als nächstes führt er am Montag in einem Bierzelt bei einem traditionsreichen Volksfest ein Rede-Duell mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. 

Ob er zurückkehrt?

Dazu kommt kein deutliches Wort. Den Abend der Bundestagswahl werde er an der US-Ostküste im Fernsehen verfolgen. Mal spricht er im Präsens, mal in der Vergangenheit von den sechs Jahren der Familie in den USA. Jedenfalls kann Guttenberg an diesem Abend spüren, dass ihn diese Basis noch will. "Welcome in Bavaria, Karl Theodor", heißt es auf einem Schild. 

"Er kann reden wie Franz-Josef Strauß", sagt der 76 Jahre alte Josef Dremer. Das ist für eingefleischte Bayern ein kaum zu überbietendes Lob. Und Rudolf Graß (86) meint: "Man hat ihn damals 2011 so abserviert. Aber er bleibt einer von uns." Beide sind, sagen sie, keine CSU-Mitglieder. Anders als die jüngere Gisela Zeitler, die Guttenbergs Ausstrahlung und Rede-Kunst lobt. "Auf jeden Fall" solle er in die Politik zurückkehren. 

Seinen Abgang zelebriert er. Knapp 30 Minuten für gut hundert Meter. Selbst die junge Abgeordnete, die Guttenberg in den Bundestag nachfolgte, Emmi Zeulner, holt sich ein Autogramm. Kamerateams warten immer wieder und stets vergeblich auf einen brauchbaren politischen Satz. Aber jeder, der ihn mit "KT" und "Du" anredet, bekommt ein Selfie und wird geherzt. 

Auch Simon Schütz geht mit einem Selfie heim. "Wirklich klasse", fand der 23-jährige Lagerist aus Ebensfeld den Auftritt. Zum ersten Mal erlebte er Guttenberg live. "Sehr guter Inhalt. Wäre großartig, wenn er sich eines Tages entscheiden würde zurückzukommen, egal ob nach München oder Berlin. Ich bin gespannt, wie es bei ihm weitergeht." Die Frage wird sich oft wiederholen in den nächsten drei Wochen in Bayern. Der verlorene Sohn kehrt heim.