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Deutschland

"Guttenberg ist über eigene Fehler gestürzt"

Wegen der Plagiatsaffäre war der Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenbergs folgerichtig, da sind sich die deutschen Zeitungen einig. Seine Rückkehr auf die politische Bühne halten viele aber nicht für ausgeschlossen.

Themenbild Presseschau (Foto: DW)

Guttenberg musste gehen, kommentiert die Rheinische Post (Düsseldorf):

"Trotz des Vakuums, das der Ausnahmepolitiker hinterlässt, war der Rücktritt zu Guttenbergs konsequent. Er kam eher zu spät. Schon als klar wurde, dass der CSU-Politiker große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, hätte er sein Amt abgeben müssen. Ein Plagiat ist eben kein Kavaliersdelikt. Und im Umgang mit der Affäre, die im Verhältnis zu den toten Soldaten in Afghanistan tatsächlich eher das Format einer Fußnote annahm, zeigte zu Guttenberg wenig Gespür."

Die Lausitzer Rundschau bedauert den Rücktritt Guttenbergs:

"Ein trauriger Abgang für einen, der Klarheit und Wahrheit, Tatkraft und Anstand in der Politik zum Prinzip erheben wollte. Niemand in Deutschland kann sich darüber freuen, dass ein Mann, der so vielen Menschen - ob zu Recht, oder zu Unrecht - als Hoffnungsträger galt, sich in so kurzer Zeit so vollständig selbst demontiert, ja der Lächerlichkeit preisgegeben hat."

Die Neue Osnabrücker Zeitung hat dagegen kein Mitleid:

"Häme ist nicht angesagt. Allerdings auch kein Mitleid. Und erst recht keine Legendenbildung! Karl-Theodor zu Guttenberg ist über sein eigenes Tun gestolpert. Er hat die in weiten Teilen abgeschriebene Doktorarbeit als Eigenleistung verkauft und damit eine wissenschaftliche Todsünde begangen. Feierabend für einen Minister. Punkt. Aus. Ende."

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung macht sich Gedanken, warum Guttenberg zurückgetreten ist:

"Nicht die Medien haben Guttenberg gestürzt, nicht die CDU, obschon zuletzt immer mehr Spitzenleute auf Abstand gingen, nicht die CSU, die vielleicht sein größtes Opfer ist, weil ihr einstweilen nur noch Seehofer bleibt, schon gar nicht SPD oder Grüne. Auch nicht jene Wissenschaftler und Intellektuellen, die sich von ihm beschämt und verhöhnt vorkamen. Sicher: Beigetragen haben alle irgendwie dazu, aber gestürzt hat am Ende Guttenberg nur sich selbst. Wie das? Er lebte davon, anders zu sein. Ehrlich, anständig, offen, unverstellt. Authentisch. Sein eigener Betrug (war es auch ein Selbstbetrug?) zerstörte, wovon er lebte."

Auch das Darmstädter Echo sieht die Schuld bei Guttenberg selbst:

"Der Minister ist nicht aus dem Amt gemobbt worden, weil er so beliebt war. Er ist über seine eigene Persönlichkeit und über Fehler gestürzt, die er selbst begangen hat - und er ist tief gefallen, weil er und andere zu lange geglaubt hatten, seine Beliebtheitswerte würden ihn schützen wie das Drachenblut den jungen Siegfried."

Die Märkische Allgemeine sieht Guttenberg an sich selbst gescheitert:

"Wer aber Moral, Ehre und Wahrhaftigkeit zur politischen Tugend, zum Maßstab des eigenen Handelns erklärt, der bringt sich selbst in höchste Anspruchsnot, dem wird nichts nachgesehen. Das gilt für die Politik und alle anderen Lebensbereiche. Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht zuletzt sein hoher, getragener Ton zum Verhängnis geworden."

Auch die Frankfurter Neue Presse kommentiert:

"Um es deutlich zu sagen: Guttenberg ist kein Opfer. Nicht, weil Opposition und Wissenschaft und zunehmend auch Unionsvertreter ihn bedrängt haben, ist er gestrauchelt. Sondern weil er sich am geistigen Eigentum anderer vergriffen hat, um einen Doktortitel zu erlangen. Das ist kein lässlicher Mundraub; Wissen und Wissenschaft machen in wesentlichen Teilen den Reichtum Deutschlands aus."

Die Mitteldeutsche Zeitung (Halle) kommentiert die Rolle des Internets:

"Aus dem Amt getrieben haben ihn aber weder die Opposition noch die eigenen Reihen, sondern Internet-Aktivisten und der immer grimmigere Zorn der Wissenschaftsgemeinde. Die Möglichkeiten der Internetrecherche haben nicht nur erst die plagiierte Doktorarbeit geschaffen, sondern binnen Tagen auch den Beweis geliefert, dass es Guttenberg an wissenschaftlicher Sorgfalt hat fehlen lassen."

Die Main-Post (Würzburg) lobt Guttenbergs Rücktrittserklärung:

"Immerhin ist es dem Ex-Verteidigungsminister gelungen, sich dank seiner rhetorischen Brillanz einen angemessen würdevollen Abgang zu verschaffen. Er ist nicht der Versuchung erlegen, die Schuld für seinen Ämterverzicht allein bei anderen zu suchen."

Die Südwest Presse (Ulm) sieht das ähnlich:

"Eine Woche zu spät, aber mit der Offenheit und Natürlichkeit, die ihn in kurzer Zeit zu einem der populärsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit werden ließ, hat Karl-Theodor zu Guttenberg einen Schlussstrich gezogen."

Ganz anders bewertet das Westfalen-Blatt (Bielefeld) die Rücktrittserklärung:

"Frei von Attitüde und Ungereimtheiten aber war auch dieser Auftritt nicht. Guttenbergs Einlassung, er habe mit dem Rücktritt gewartet, um die Würde der drei in Afghanistan gefallenen Soldaten zu wahren, ist Quatsch. Bis Freitag vorletzter Woche hätte er sich längst erklären können."

Auch die Westdeutsche Zeitung sieht die Art des Rücktritts kritisch:

"Auch kommunikativ war dieser Abgang ein Desaster. Dass Karl-Theodor zu Guttenberg Live-Übertragungen seines Rücktritts verhindern wollte, passt in die schlechte Strategie, die er in den letzten Tagen fuhr. So war es fast schon logisch, dass auch das Aussperren von Kameras danebenging, weil ein findiger Reporter ein Handyvideo drehte."

Die Recklinghäuser Zeitung (Marl) hält ein Comeback nicht für ausgeschlossen:

"Politiker haben im Wortsinne 'staatstragende' Vorbildfunktion. Verstoßen sie massiv dagegen, müssen sie gehen. Deshalb war zu Guttenbergs Rücktritt notwendig. Er kommt zu spät, vielleicht aber noch rechtzeitig für eine zweite Chance des 39-Jährigen nach ein paar Jahren."

Auch die Sächsische Zeitung (Dresden) spekuliert schon über ein Rückkehr Guttenbergs:

"Der Rücktritt Guttenbergs muss nicht das endgültige Ende als Politiker bedeuten. Ein Comeback des 39-Jährigen ist durchaus möglich, wenn er denn darauf verzichten würde, mehr sein zu wollen, als er tatsächlich ist."

Der Express (Köln) fordert ausdrücklich eine zweite Chance:

"Ein Mann wie er, der mit seinem frischen Stil die Politik wie kein anderer aufgemischt hat, sollte die Chance zu einer Rehabilitation bekommen. Für ihn dürfen keine anderen Maßstäbe gelten als für die vielen anderen bekannten und weniger bekannten deutschen Politiker der Nachkriegsgeschichte, die nach ihren Affären eine zweite Chance bekommen haben."

Die Süddeutsche Zeitung (München) sagt voraus:

"Gerade weil Guttenberg eine celebrity ist, wird er den Rest seiner Tage nicht auf dem Stammschloss verbringen. Es ist absehbar, dass er für einen eher großen Teil der Bevölkerung in ein paar Wochen jener Mann sein wird, der sich der Verantwortung gestellt hat. Er wird populär bleiben, und an die Dissertation werden nur die ewigen Nörgler erinnern."

Die Berliner Morgenpost macht sich Gedanken zur politischen Kultur:

"Ein Rücktritt, vor allem dieser, spricht im Gegenteil für das Funktionieren demokratischer Mechanismen. Weder Medienmacht noch Beharrungswillen helfen, anders als etwa in Berlusconi-Italien, gegen öffentliche Beweise, die sich nicht wegbagatellisieren lassen. Zur politischen Kultur gehört allerdings auch, dass das Recht auf eine zweite Chance gewährleistet bleibt. Zu Guttenberg hat zwar gefehlt, aber kein Kapitalverbrechen begangen."

Das Main-Echo (Aschaffenburg) kommentiert:

"Hätte sich Guttenberg mit dieser Affäre durchgemogelt, hätte dies die Politikverdrossenheit im Land weiter befeuert. Die hitzigen Diskussionen, die in den vergangenen Wochen landauf landab geführt wurden, waren kein Beitrag zur politischen Debatte. Häufig waren es blinde Solidaritätsbekundungen an einen Minister, der die Kunst der Rhetorik perfektioniert hat."

Die Saarbrücker Zeitung sieht Kanzlerin Merkel beschädigt:

"Für Angela Merkel ist der Vorgang ein Desaster. Denn Guttenberg war ja nicht irgendwer, er war der Star ihres Kabinetts. So einer fehlt nun. Und die Kanzlerin persönlich hat bis zuletzt zu ihm gehalten. Das schützt sie jetzt zwar vor Dolchstoßlegenden aus der CSU, bei vielen Bürgern aber, erst recht in der Wissenschaftswelt, steht sie als Zauderin da und als eine, die Werte wie Anstand und Ehrlichkeit im Zweifel der tagespolitischen Opportunität opfert."

Die Berliner Zeitung geht mir Merkel hart ins Gericht:

"An diesem 1. März ist klar geworden, dass die Krisenmanagerin Merkel versagt hat, dass sie nicht handelt, nicht Regie führt. Ihr erster Fehler lag darin, Guttenberg zu stützen. Ihr zweiter Fehler lag darin, sich von seinem Rücktritt überrumpeln zu lassen. Die Kanzlerin steht jetzt nackt da, ohne Autorität, an der Nase herumgeführt von einem jungen Politiker aus Bayern."

Auch die Stuttgarter Zeitung kritisiert Merkel:

"Merkel, die sich sonst so gerne als Vorkämpferin des Wissenschaftsstandortes Deutschland feiern lässt, spielte den Plagiatsvorwurf aus durchsichtigem, kurzfristigem Eigeninteresse herunter: weil ihre Union mitten in wichtigen Wahlkämpfen steht, weil sie von der Popularität Guttenbergs profitieren wollte. Dafür war sie bereit, konservative Kernwerte preiszugeben. Sie ist damit nicht durchgekommen, auch sie ist nun beschädigt."

Der Tagesspiegel (Berlin) sieht in Merkel die eigentliche Verliererin:

"Da ist eine Regierungschefin, die weder aufrecht an der Seite des Ministers gestanden, noch Grundüberzeugungen ihrer Partei zur Geltung verholfen hat, als es nötig war: den bürgerlichen Werten von Anstand und Ehrlichkeit. So hat sich Angela Merkel selbst zur eigentlichen Verliererin der Plagiatsaffäre gemacht."

CDU und CSU sind jetzt in Schwierigkeiten, kommentiert die Leipziger Volkszeitung:

"Die Union ist ihren Hoffnungsträger, Karl-Theodor zu Guttenberg, erst Mal los. Das könnte ihr in Wahlen und Umfragen mehr schaden, als wenn er im Amt geblieben wäre und den politischen Kampf durchgestanden hätte."

Für die Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg) hat auch die Wissenschaft Schaden genommen:

"Und nicht zuletzt ist ein dunkler Schatten auf die deutsche Universitätslandschaft gefallen. Denn die Frage, warum bei der Doktorprüfung niemandem aufgefallen ist, dass nahezu Dreiviertel der Arbeit abgeschrieben waren - und warum dies auch noch mit der Bestnote belohnt wurde - ist nach wie vor ungeklärt."

Zusammengestellt von Dirk Eckert.