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Russland

Guter Stalin, schlechter Stalin

In Russland tobt ein Streit über Stalins Vermächtnis. Über Repressionen während der Regierungszeit des Diktators soll in Klassenzimmern nicht mehr gesprochen werden. Ein Historiker will die Frage vor Gericht klären.

Russland, Schulbuch mit Stalin-Porträt (picture-alliance/dpa/S. Ilnitsky)

Ein russisches Schulbuch mit dem Porträt des ehemaligen Diktators Josef Stalin

Es ist ein harter Schlag für den Historiker Andrej Suslow. Sein Lehrbuch "Handreichung für Lehrer "Betrachten/ Erlernen/ Studium der Stalin-Repressionen in der Schule" über stalinistische Methoden der Repression wurde von der russischen Aufsichtsbehörde im Bereich der Kommunikation (Roskomnadsor) als "gesundheitsschädlich für Kinder" eingestuft. Nun kämpft er vor Gericht darum, dass sein Handbuch von der schwarzen Liste gestrichen wird.

"Das Buch richtet sich an Schüler höherer Klassen und kann außerhalb des Schulunterrichts Anwendung finden. Es hilft Lehrern, Schülern einen Einblick in die Geschichte des Stalinismus und seiner Folgen zu verschaffen", erklärt Suslow im DW-Gespräch.

Suslow lehrt Geschichte an der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen und Pädagogischen Universität in Perm. Das Lehrbuch schrieb er 2015 gemeinsam einer Kollegin. Herausgegeben wurde es von der russischen nicht kommerziellen Organisation "Zentrum für politische Bildung und Menschenrechte". In dem Werk werden auch Exkursionen zu Orten empfohlen, die mit politischen Repressionen verbunden sind.

Russische Behörden mischen sich immer öfter in die Gestaltung des Geschichtsunterrichtes an Schulen ein. Ausschlaggebend dafür ist die Auffassung des Kremls, wonach das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion krisengeschüttelte Russland wieder zu einem "großen Staat" gemacht werden soll. In diesem Kontext sollen Lehrbücher "eine patriotische Erziehung" fördern. Die kommunistische Diktatur Stalins ( 1927-1953) wird durch die Behauptung legitimiert, dass sie unter den damaligen Verhältnisse erforderlich gewesen sei. Auf diese Weise soll auch Putins autoritäre Herrschaft legitimiert werden.

russischer Historiker Andrej Suslov (DW/A. Suslov)

Andrej Suslow will über Verbrechen des Stalinismus aufklären

Autor verklagt Aufsichtsbehörde

Das Buch über Stalins Repressionen scheint nicht in dieses historische Bild zu passen. Nach der Einstufung durch die einflussreiche Aufsichtsbehörde Roskomnadsor als "für Kinder gesundheitsschädlich" verschwand das Buch von der Webseite des Bildungsministeriums.

Zudem verlangte die russische Staatsanwalt von dem Herausgeber, auf der Internetpräsenz des "Zentrums für politische Bildung und Menschenrechte" das Buch mit dem Altershinweis "18+" zu versehen.

Suslow und das Zentrum reichten daraufhin gegen die Aufsichtsbehörde Klage vor dem Bezirksgericht in Perm ein. Der nächste Verhandlungstermin ist für den 3. Oktober angesetzt. Mit einem Urteil wird Ende des Jahres gerechnet. 

"Ideologische Gehirnwäsche"

Nach Suslows Angaben kommt die Kritik an seinem Buch von den Mitgliedern der stalinistischen Bewegung "Sut vremeni" (Wesen der Zeit). Im Sommer 2016 habe ein gewisser Dmitrij Usun Experten, die bei Roskomnadsor akkreditiert seien, mit einem Gutachten zum Lehrbuch beauftragt. Suslow vermutet, dass dieser mit der Bewegung "Sut vremeni" in Verbindung steht. Die Experten kamen zum Schluss, dass "das Lehrbuch eine gesellschafts- und staatsfeindliche Gesinnung fördert".

Pawel Gurjanow vom Ortsverband der Bewegung "Sut vremeni" in Perm betonte gegenüber der DW, er begrüße die Entscheidung von Roskomnadsor. "Die Arbeit des 'Zentrums für politische Bildung und Menschenrechte' an solchen Lehrmethoden ist nur ein Deckmantel für die ideologische und politische Gehirnwäsche bei den Kindern in Perm, die im Interesse der ausländischen Sponsoren dieser Organisation geschieht", sagte er.

Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen Perm-36 (Perm-36)

Ehemaliges Arbeitslager in Perm: 2014 musste das Museum auf Drängen der Behörden die Ausstellung umgestalten.

Streit um historische Wahrheit

Autor Suslow hingegen betont, dass das von den Roskomnadsor-Experten veröffentlichte Gutachten ihm Schaden zufügt und fordert, dass die Behörde das Gutachten von ihrer Webseite nimmt. "Die Leute von 'Sut vremeni' können sich darauf berufen und behaupten, dass das 'Zentrum für politische Bildung und Menschenrechte' als ausländischer Agent der Psyche von Kindern schadet", erläuterte Suslow.

In Russland können gesellschaftliche Organisationen von den Behörden als "ausländischer Agent" eingestuft  werden, wenn sie finanzielle Mittel aus dem Ausland erhalten. Suslow meint, Roskomnadsor prüfe gar nicht, ob die Experten in den betreffenden Fachbereichen kompetent seien. "Hier wird ein Präzedenzfall geschaffen: Man kann dann alles Mögliche als gesundheitsschädlich für Kinder erklären", so Suslow.

Nach Angaben Suslows hat das Gericht mittlerweile dem Antrag der Kläger stattgegeben, eine externe Beurteilung des Roskomnadsor-Gutachtens zum Prozess hinzuzuziehen. Diese wurde von den Klägern bei der Moskauer Experten-Organisation "Laboratorium für Angewandte Linguistik" in Auftrag gegeben. In der Beurteilung heißt es, Roskomnadsor habe seine Kompetenzen überschritten. Das Gutachten basiere auf eigenen Vorstellungen von der historischen Wahrheit.

Kompetenzen überschritten

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"Das kann ich nicht vergessen"

Auch formell scheint das Vorgehen der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor, die für den Bereich Kommunikation zuständig ist, fraglich. Laut Aleksandr Werchowskij, Leiter des Moskauer Menschenrechtszentrums "Sowa" ist es unklar, warum sich Roskomnadsor überhaupt in den Streit eingemischt habe.

"Die Behörde ist eigentlich nur für die Medienaufsicht zuständig", sagte Aleksandr Werchowskij der DW. "Das ist eine Frage, die in den Bereich der Pädagogik gehört. Darüber hätte das Bildungsministerium entscheiden müssen".

Dass es Bücher gibt, die Kindern schaden, damit ist Irina Schtscherbakowa von der internationalen Menschenrechtsorganisation "Memorial" einverstanden. Doch das gelte nicht für Suslows Lehrbuch. "Es schaden Bücher, die ideologische Mythen und Lügen verbreiten", betonte sie im Gespräch mit der DW. Eine "Schönfärberei der Stalin-Zeit" hält sie für sehr gefährlich. Dadurch würde der Eindruck entstehen, dass Gewalt gegen Menschen in jeglicher Form erlaubt sei.

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