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Kultur

Gute Geschäfte mit dem Mythos Störtebeker

Der berühmteste deutsche Pirat soll den Reichen den Krieg erklärt und seine Beute mit den Armen geteilt haben. Ein Stoff, aus dem bis heute erfolgreiche Filme, Theaterstücke und Open-Air-Spektakel gemacht sind.

Radierung, um 1515, von Daniel Hopfer (um 1470 - 1536), spätere Kolorierung. Durch Inschrift von späterer Hand umge- deutet in Klaus Störtebeker (Foto: dpa)

Ein warmer Sommerabend, als Kulisse dient ein Strand auf der Ostseeinsel Rügen, davor bietet eine riesige Freiluftbühne Raum für ein turbulentes Geschehen: Ein Star wird gefeiert, ein Pirat, der vor gut 600 Jahren gelebt hat: Klaus Störtebeker. Einer, der mit seinen Leuten angeblich der Hanse, einem Wirtschaftsverbund mehrer Städte an der Ostsee, das Leben schwer gemacht haben soll.

Eine Region zelebriert eine Legende

Bei den Störtebeker-Festspielen dreht sich alles um ihn: 150 Mitwirkende, 30 Pferde, vier Schiffe, Feuerwerk und Kanonendonner locken drei Monate lang jeden Abend etwa 6000 Zuschauer an. Seit fast 20 Jahren sind diese sommerlichen Festspiele auf Rügen eine Attraktion für Zuschauer aus ganz Europa. Intendant Peter Hick erklärt sich den Erfolg damit, dass hier ein historisches, lokales Thema in einer Mischung aus Theater, Show und Spezialeffekten wieder lebendig werde. Störtebeker-Darsteller Sascha Gluth ergänzt: "Man sagt, dass Störtebeker vielleicht so ein Mix aus Robin Hood und Odysseus war. Jemand, der aufmüpfig ist im besten Sinne, aber trotzdem jede Menge Humor hat."

Darsteller bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen (Foto: Anna-Theresa Hick)

Wie zu Klaus' Zeiten: Festspiele-Darsteller auf Rügen

Störtebeker also als einer, der den Armen half und den Reichen das Leben schwer machte? So erzählen es jedenfalls zahlreiche Legenden, die dabei halfen, dass dieser Pirat, der Schiffe überfiel und mit seinen Feinden sicher nicht zimperlich umging, ein Held wurde, der heute als die wichtigste Imagewerbung im Ostseeraum gilt. Historisch belegt ist wenig. Nur soviel, dass Störtebeker um 1360 in Wismar geboren wurde und sich den Vitalienbrüdern anschloss, Kaperfahrern, die für wechselnde Auftraggeber Schiffe im Ostseeraum überfielen.

Eine Legende zerfällt in nüchterne Tatsachen

Jörgen Bracker sieht darin gar nicht Heldenhaftes. Er ist einer, der sich mit den wenigen historischen Tatsachen rund um Störtebeker gut auskennt. Der Historiker arbeitet im Hamburger Stadtmuseum und räumt mit dem Mythos Störtebeker gründlich auf, genauso wie mit der Geschichte von den Vitalienbrüdern als "Leekedeelern" (Gleichteilern), die auf der Seite der Armen gestanden hätten. "Diese Vitalienbrüder haben alles, was sie hatten, unter sich geteilt. Aber nur unter sich. Man soll also nicht auf die Idee kommen, dass die vielleicht irgendetwas abgegeben hätten, das kam überhaupt nicht in Frage." Die Piraten seien auf ihre Beute angewiesen gewesen, gerecht geteilt wurde nur, damit es keinen Streit gab. Nützlich waren die Vitalienbrüder jedem, der ihnen einen "Kaperbrief" ausstellte und sie damit beauftragte, Schiffe zu überfallen und auszurauben.

Segelschiffe aus Störtebekers zeiten - so genannte Hansekoggen (Foto: AP)

Solche Segelschiffe überfiel Störtebeker am liebsten

Ihre "Kunden" wechselten ständig. Arbeiteten sie zunächst für die dänische Königin, plünderten sie kurz darauf für die Herrscher von Mecklenburg oder für die Häuptlinge in Friesland. "Die brauchten diese wehrhafte Unterstützung, um gegeneinander Krieg zu führen und man konnte sich die edlen Güter, die es zu Hause nicht gab, auf diese Art und Weise verschaffen", erklärt Jörgen Bracker. Aber die politische Gemengelage änderte sich. Als die ehemaligen feinde unter einander immer öfter politische Bündnisse eingingen, waren die Vitalienbrüder nicht mehr gefragt. Sie arbeiteten fortan nur noch in ihrem eigenen Interesse und übertrieben es dabei so sehr, dass der Wirtschaftsverbund Hanse rigoros eingriff:

Eine Pleite veredelt die Wirklichkeit

Die Vitalienbrüder werden gefangen genommen und in Hamburg hingerichtet. "Aber einer war offensichtlich nicht dabei und das war Störtebeker", erzählt der Historiker Jörgen Bracker. Es gebe keine einzige zeitgenössische Quelle, die belege, dass Störtebeker in Hamburg hingerichtet worden wäre. Ihn zu erwischen, blieb wohl ein Wunschtraum der Hanseaten. Noch rund hundert Jahre nach der Festnahme der Vitalienbrüder kochte die Gerüchteküche ganz gewaltig und es tauchten die ersten Erzählungen auf, nach denen der Piratenkapitän doch gefasst und nach seiner Enthauptung noch ohne Kopf zwölf Meter gelaufen sei.

Der angebliche Schädel von Klaus Störtebeker und die Nachbildung seines Kopfes (Foto: dpa)

Der angebliche Schädel von Klaus Störtebeker

Störtebekers Hinrichtung in Hamburg ist also eine Legende, die sich allerdings immer wieder gut vermarkten lässt. Die Geschichte vom Zwölf-Meter-Lauf ohne Kopf schien wie geschaffen als Titel für einen Film über den Piraten. Genauso wie der angebliche Edelmut der Leekedeeler und Störtebekers vermeintliches soziales Engagement von den verschiedensten Branchen werbeträchtig ausgeschlachtet wird. Nicht nur das Spektakel auf Rügen, zahlreiche Hotels, Restaurants, Reiseunternehmen, Bier-Brauereien oder auch Sportvereine tragen den Namen des Piraten – in der Hoffnung, dass ein Hauch von Abenteuer und Verwegenheit das Geschäft ankurbelt.

Autorin: Gudrun Stegen
Redaktion: Marlis Schaum

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