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Deutschland

Gut in der Theorie - umsetzbar in der Praxis?

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will den Numerus Clausus als Zugangsbeschränkung für Medizinstudenten abschaffen und mehr Studienplätze einrichten. Der FDP-Politiker möchte auch eine Landarzt-Quote einführen.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (Foto: AP)

Die hohen Zugangsvoraussetzungen für ein Medizinstudium, die Kosten für eine eigene Praxis, Bereitschaftsdienste, Hausbesuche, mehr Bürokratie, weniger Zeit für die Patienten. Das sind Fakten. Junge Leute haben dennoch ein ungebrochenes Interesse am Arztberuf. Es gibt mehr Bewerber als Studienplätze. Studenten, die sich schließlich durch Anatomie und Pathophysiologie bis zum fertigen Dr. med. gequält haben, nehmen allerdings häufiger denn je lieber verlockende Angebote aus der freien Wirtschaft oder dem Ausland an, als in der deutschen Provinz zu landen und sich mit kleinteiligen Abrechnungen, IGEL (Individuelle Gesundheitsleistungen) und anderen Leistungsmaßnahmen herumzuschlagen.

Ärztemangel nur in ländlichen Regionen

Niedergelassene Aerzte protestieren am Dienstag in der Innenstadt von Essen (Foto: AP)

Dem System fehlt es an Substanz

Trotzdem ist es falsch, einen allgemeinen Medizinermangel zu beklagen. Mit 390 Ärzten pro 100.000 Einwohner rangiert Deutschland weit über dem internationalen Durchschnitt. Im ländlichen Raum gibt es aber eine massive Unterversorgung. Und die wird sich noch ausweiten, denn in den nächsten fünf Jahren werden sich annähernd 28.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand verabschieden. Bis 2017 werden 75.000 nicht mehr praktizieren.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will dem nun Maßnahmen entgegensetzen. Der FDP-Politiker hat vorgeschlagen, den Numerus Clausus (NC) abzuschaffen, damit mehr Studenten nicht mehr nur von dem Beruf träumen, sondern ihn praktizieren können.

Bisher nur jeder vierte Bewerber

Bisher werden die Studienplätze bundesweit über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) vergeben. Die ZVS rechnet nicht nur die Abitur-Note an, sondern berücksichtigt auch die Zahl der Semester, die ein Bewerber auf einen Platz gewartet hat. Die Universitäten haben zusätzlich eigene Kriterien.

Von den interessierten Abiturienten erhält derzeit nur jeder Vierte einen Studienplatz mit einem Notendurchschnitt von höchstens 1,4. So dürften die Pläne des politischen Fachmannes, der selbst Medizin studierte, bei den Bewerbern ebenso begrüßt werden wie innerhalb der CDU/CSU-FDP-Koalition. "Auch Menschen mit einer zwei oder drei im Abitur können gute Ärzte werden", sagte CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn zu Röslers Vorschlag. Als Alternative zum NC schlägt der Minister den Hochschulen vor, die Auswahlgespräche mit angehenden Studenten als Kriterium stärker zu berücksichtigen.

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe (Foto: dpa)

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe

Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich ein Losverfahren zur Vergabe der Studienplätze vorstellen. Hoppe fordert aber auch, dass Anwärter sich im Gesundheitswesen engagieren sollten - als Pfleger oder Sanitäter. Allerdings müssten die Universitäten dann auch mehr Studienplätze zur Verfügung stellen. Das ist allerdings eine Angelegenheit der Bundesländer und nicht des Bundes - und natürlich eine Frage des Geldes.

Studienplatz dank Landarzt-Verpflichtung

Rösler schlägt vor, 20 bis 30 Prozent der Studienplätze an Bewerber zu vergeben, die sich verpflichten, später als Hausarzt in einem unterversorgten Gebiet zu praktizieren.

Gerade diese Verpflichtung betrachtet der Hartmannbund mit Skepsis. Es sei eher unwahrscheinlich, dass ein angehender Medizinstudent bereit sei, sich darauf festzulegen, wo er in mehr als zehn Jahren praktizieren werde, gab der Chef des Ärzteverbandes, Kuno Winn, zu bedenken. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen versucht, junge Mediziner mit einer Prämie von bis zu 50.000 Euro aufs Land zu locken. Viele Hochschulabsolventen lassen sich allerdings von den hohen Kosten für die Übernahme einer hausärztlichen Praxis abschrecken.

Zukunftsmodell "Rent-a-doc"?

E- Health, Die Arzt-Praxis der Zukunft, vorgestellt auf der CeBIT 2009 in Hannover (Foto: DW)

Arzt-Praxis der Zukunft?

Weil immer mehr Frauen Ärztinnen werden wollen, die nicht bereit sind, auf Kinder und Familie zu verzichten und deshalb weniger arbeiten wollen, könnte sich zudem die Arbeitszeit der Ärzte verringern. Um das Defizit auszugleichen, gibt es noch einen anderen Weg: Agenturen könnten vermehrt Mediziner für Praxen verleihen. Solche Arbeitsvermittlungen gibt es bereits. Hier arbeiten Ärzte freiberuflich auf Honorar. Wer das bezahlen soll? Das ist ein anderes Problem des deutschen Gesundheitssystems.

Autor: Karin Jäger

Redaktion: Kay-Alexander Scholz