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Kultur

Gut gelenkte Gymnastikgruppe

Die Falun-Gong-Bewegung in Deutschland behauptet, sie sei gar nicht organisiert. Doch auch ihre deutschen Mitglieder fallen immer wieder durch Aktionen auf. Wie am Dienstag, als eine Gruppe in Peking verhaftet wurde.

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Verhaftet: ein kanadischer Falun-Gong-Anhänger

Bremer Bürgerpark, Berliner Tiergarten, Hamburger Moorweide: Wer durch die Parks deutscher Großstädte wandelt, wird gelegentlich auf eine Gruppe von Menschen treffen, die zu chinesischer Meditationsmusik aus dem Kassettenrekorder synchron die Hände gen Himmel recken: Es sind Anhänger der chinesischen Falun-Gong-Bewegung, die in ihrem Herkunftsland seit Juli 1999 verboten ist.

Falun-Gong hat in Deutschland zwischen 1000 und 2000 Anhängern, etwa zur Hälfte Deutsche und Chinesen. Eine geringe Zahl gegenüber den 70 Millionen Anhängern, die die Bewegung in China für sich beansprucht. Doch es werden ständig mehr: Menschen mit Hang zur Esoterik fühlen sich von der altchinesischen Lehre Qi Gong angezogen. Vor allem die Solidarität mit den verfolgten Falun-Gong-Anhängern in China kommt der Bewegung zugute. Falun Gong spricht auf seiner Webseite von aktuell 311 Todesopfern.

Mäßigung und Meditation


Die Bewegung versteht sich nicht als Religionsgemeinschaft. Sie will ihre Mitglieder dazu anhalten, einen Weg der Selbstkultivierung zu beschreiten, mit Mitteln, die aus anderen östlichen und westlichen Lehren sattsam bekannt sind: Falun-Gong Mitglieder sollen sich beim Essen, Trinken und Sex mäßigen und fleißig arbeiten. Traditionelle Atem- und Meditationsübungen ergänzen das Programm.

Die Lehre des Falun Gong beruht auf buddhistischen und taoistischen Elementen. Dazu mischt sich ein Schuss Kulturpessimismus: Li Honghzi, der Gründer von Falun-Gong, beklagt in seinen Schriften den Niedergang der Moral in der heutigen Welt. Besonders stark kritisiert der Meister die eigenen Landsleute, denen er Missgunst und „orientalischen Neid“ vorwirft.

In Deutschland ist die Bewegung bisher kaum aufgefallen. Die Gruppe ist keine religiöse Sekte und damit auch kein Fall für den Verfassungsschutz, wie etwa Scientology. Falun-Gong beutet seine Anhänger nicht finanziell aus; über Fälle von Gehirnwäsche ist auch nichts bekannt. Allerdings ist die Bewegung in Deutschland mittlerweile gut organisiert und vertritt ihre Sache durchaus offensiv.

Harmlos oder sektiererisch?

Journalisten, die Falun-Gong als „Sekte“ und Li Hongzhi als „Guru“ bezeichneten, erhielten belehrende Anrufe: Falun-Gong sei eine „Meditationsbewegung“ und keine Sekte; Li sei kein „Guru“ sondern ausschließlich ein „Meister“, weil er nur Gutes tue, und der Begriff „Guru“ negativ konnotiert sei. Der Tageszeitung taz, die kritisch über Falun-Gong berichtete, wurde vorgeworfen, sie liefere der chinesischen Regierung einen Freibrief für die Unterdrückung und mache sich zum Handlanger Pekings. Die Bewegung unterhält Informationsbüros in mehreren deutschen Städten und eine zentrale Webseite.

Sektenexperten sind sich nicht einig, was sie von Falun Gong halten sollen – die Einschätzungen reichen von absolut harmlos bis tendenziell sektiererisch. Eine Gefahr sehen die meisten in der mythischen Überhöhung des Falun-Gong-Meisters Li Hongzhi, der im amerikanischen Asyl lebt.

Geschickte PR-Arbeit

Wie gut die eigene Öffentlichkeitsarbeit organisiert ist, stellte Falun-Gong im August 2001 unter der Beweis: Die Bewegung übergab der Bundesregierung eine Resolution, in der sie Bundeskanzler Schröder aufforderte, die Menschenrechtsverletzungen an Falun-Gong-Anhängern in China öffentlich zu verurteilen. Gleichzeitig trat eine Gruppe vor der chinesischen Botschaft in Hungerstreik.

Am 20. November schafften es deutsche Falun-Gong-Praktizierende erneut in die Schlagzeilen: Sie wurden zusammen mit Anhängern aus Frankreich, Großbritannien, Schweden, USA und Kanada auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens verhaftet. Und auch diese Gruppe erwies sich als geschickt im Umgang mit den Medien: Mitglieder überließen vor ihrem Abflug nach China dem Falun-Gong Informationszentrum Deutschland eine Resolution zur späteren Veröffentlichung. Darin heißt es: „Es war unsere freiwillige Entscheidung nach Peking zu kommen. Wir wollen uns für Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht in China einsetzen und mit Entschiedenheit zum Ausdruck bringen, dass die gegen jegliche Moral verstoßende Verfolgung von Falun Gong, die schon seit zweieinhalb Jahren andauert, ein sofortiges Ende haben muss.“ (jf)

  • Datum 21.11.2001
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1OTk
  • Datum 21.11.2001
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