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Wissen & Umwelt

Gut gefälschte Forschungsergebnisse sind nur schwer als Betrug zu entlarven

Eine japanische Stammzellenforscherin muss eine umstrittene Studie zurückziehen. Andere Fälschungen, Manipulationen oder Schlampereien in der Wissenschaft werden aber eventuell nie entdeckt.

Haruko Obokata vom Riken Center für Entwickungsbiologie im japanischen Kobe hatte, so behauptete sie, einen einfachen Weg gefunden,

Körperzellen zu Stammzellen zu verwandeln

.

Aber kurz nach der Veröffentlichung ihrer

Studie

im renommierten Fachblatt "Nature" im Januar wurden Vorwürfe von Kollegen laut, denen es nicht gelang, die Forschungsergebnisse zu reproduzieren. Man beschuldigte Obokata außerdem, Textpassagen abgeschrieben und Abbildungen kopiert zu haben.

Haruko Obokata 09.04.2014 Foto: REUTERS/Kyodo/Files

Haruko Obokata bei einer Pressekonferenz im April

Das Riken-Institut legte ihr nahe, die Studie zurückzuziehen. Obokata weigerte sich zunächst, gab aber schließlich doch nach.

Unregelmäßigkeiten entdeckt

"Haben wir nicht hier schon bei der Meldung orakelt, dass genau diese Meldung folgen wird?" unkte ein Leser auf "Spiegel Online."

In der Tat waren die Ergebnisse zu schön, um wahr zu sein. So ist es oft in der Wissenschaft: Wunder enttäuschen, sobald Fachkollegen näher hinsehen.

Klon-Spezialist Hwang Woo Suk Foto: EPA/KYUNGHYANG SHINMUN dpa

Klon-Spezialist Hwang Woo-suk

So erging es auch dem südkoreanischen Tiermediziner Hwang Woo-suk, der 2006 erklärte, er habe durch Klonen menschliche embryonale

Stammzellen

gewonnen. Als sich herausstellte, dass er seine Forschungsergebnisse gefälscht hatte, verlor er seine Stelle an der Seoul National University.

Der deutsche Physiker Jan Hendrik Schön wiederum erlangte mit wegweisenden Experimenten zur Supraleitung Berühmtheit - bis sich 2002 herausstellte, dass es sich bei seinen Forschungsergebnissen um Fälschungen handelte. Seitdem sprechen Wissenschaftler spaßeshalber davon, dass sie ihre Ergebnisse auch etwas "schönen" sollten.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Wissenschaftler müssen sich das "Schönen" ihrer Forschungsergebnisse allerdings gut überlegen: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat einen Ausschuß eingerichtet, der anonyme Anzeigen zum Thema Wissenschaftsbetrug überprüft.

"Wissenschaftsbetrug ist kein Massenphänomen", erklärt DFG-Sprecher Marco Finetti. In den vergangenen 15 Jahren habe sich der Ausschuss mit 500 Verdachtsfällen befasst. In den meisten Fällen ging es um schlampige oder fehlerhafte Zitate oder um Plagiate, so Finetti. "Harte Datenmanipulation ist die Ausnahme."

Aber es gibt sie. So seien Experimente in Studien, die zur Veröffentlichung vorgelegt werden, hin und wieder fehlerhaft, erklärt Haymo Ross, Redakteur bei den Journals "Angewandte Chemie" und "European Journal of Organic Chemistry". "Erst letzte Woche hatte ich zwei Fälle von manipulierten Spektren", sagt Ross der DW. "Das passiert oft; es werden unerwünschte Signale gelöscht." In Anbetracht der Tatsache, dass jeses Jahr 10.000 Manuskripte eingereicht werden, sei es allerdings tatsächlich eine Ausnahme, fügt Ross hinzu.

Man muss nur clever genug sein

Wenn ein Autor nicht erkläre könne, warum seine Ergebnisse merkwürdig oder manipuliert erschienen, könne die Fachzeitschrift die Veröffentlichung ablehnen. Handele es sich um ernsthaften Betrug, "können wir den Autor für eine gewisse Zeit von der Veröffentlichung in unserer Zeitschrift sperren", so Ross.

Vor der Veröffentlichung wird jedes Manuskript von mindestens zwei Gutachtern überprüft. Es gebe auch eine Software, mit der man Bilder und Grafiken auf Anomalien oder Auffälligkeiten überprüfen könne. Aber Ross ist überzeugt: "Leute, die wirklich betrügen wollen, finden Wege, das auch zu tun."

Manchmal bemerkt man den Betrug erst dann, wenn Fachkollegen versuchen, die Forschungsergebnisse zu reproduzieren, erklärt DFG-Sprecher Finetti.

Doktorhut einer Chemikerin Foto: Renate Andresen

Der Weg zum Doktorhut ist oft hart.

Systematische Manipulation

Gründe, um zu betrügen und zu manipulieren, gibt es genug. Einer ist der wachsende Druck, dem sich Wissenschaftler in akademischen Kreisen ausgesetzt sehen, erklärt Eva Wille, Vizepräsidentin und Geschäftsführerin Global Chemistry bei dem Verlag Wiley-VCH. "Geldgeber und Politiker bauen enormen Druck auf, wollen Return of Investment ihrer Forschungsgelder sehen."

In Asien sei der Druck besonders hoch, fügt sie hinzu. "In China brauchen Doktoranden während der Doktorarbeit mindestens drei Paper, die in angesehenen Journals veröffentlicht sind." Manche Wissenschaftler könnten nur schlecht mit dem Druck umgehen.

Auch in Deutschland ist die Situation belastend, erklärt ein 35-jähriger Biochemiker vertraulich gegenüber DW. Während seiner Promotion habe er enorm unter Druck gestanden: "Wissenschaftler werden stark nach Anzahl ihrer Paper bewertet, und wie hochwertig die Publikationen veröffentlicht werden", erklärt er. "Mein Chef und wir alle waren deswegen ständig gestresst."

Veröffentlichung bringt Geld

Wer zahlreiche Veröffentlichungen in renommierten Fachblättern vorweisen kann, kann leichter Forschungsgelder eintreiben. Das Fehlen einer langen, glaubwürdigen Liste von Publikationen könnte einen Forscher sogar die Karriere kosten. Also ist die Versuchung groß, Ergebnisse zu manipulieren.

Universität Hörsaal Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Zu einer guten Lehre gehören nicht nur Vorlesungen.

In seiner Gruppe sei das aber nie vorgekommen, versichert der Biochemiker, der sich anonym gegenüber DW äußert. "Dem Druck wurde eher in anderer Richtung nachgegeben." Es erzählt, dass riskante Projekte umgangen wurden - stattdessen wählte man Projekte aus, in denen man voraussichtlich in kurzer Zeit viele Publikationen zusammenbrachte.

Kein Professor habe heute Zeit, seine Studenten zu unterrichten, bedauert der Biochemiker. "Die Wertschätzung der Lehrtätigkeit durch Professoren nimmt enorm ab. Lehre wird als lästig empfunden, weil die kostbare Zeit benötigt wird, um die eigene Forschung voranzutreiben", sagt er.

Eva Wille von Wiley-VCH stimmt zu. Professoren seien immer in Eile, auf dem Weg von einer Konferenz zur nächsten. "Sie schulen ihre Leute nicht mehr", erklärt sie. Auch hätten sie oft keine Zeit, Forschungsergebnisse ihrer Arbeitsgruppe im Detail zu prüfen. "Dann passieren eben solche Dinge" und meint damit den Skandal um die Forschungsergebnisse am Riken-Institut. Dabei sei es so wichtig, fügt Wille hinzu, Studenten vom ersten Semester an auch über Ethik in der Wissenschaft zu unterrichten.

Allerdings, sagt der Biochemiker: "Bei einigen Wissenschaftlern, die Ergebnisse gefälscht haben, habe ich eher den Eindruck, dass es bei ihnen um persönliche Geltungssucht geht" - und da hilft vermutlich auch kein Ethikunterricht.

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