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Alltagsdeutsch – Podcast

Gut behütet

Ein Hut kann vieles ausdrücken: die soziale Stellung, das Amt, das Alter, das Geschlecht, sogar Gefühle von Freude und Schmerz. Der Hut vertritt gewissermaßen die ganze Person - bringt sozusagen alles unter einen Hut.

Sprecherin:
Zum Hut gehört Mut. Das war nicht immer so. Vor 50 Jahren war der Hut noch ein wichtiger Teil der Alltagsgarderobe. Bis in die 60er Jahre gehörte er zur Kleidervorschrift, die von den wenigsten in Frage gestellt wurde. Wer damals dennoch ohne Hut auf die Straße ging, signalisierte damit, dass er sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegte. So ermahnt Thomas Manns Romanheld Hans Castorp im "Zauberberg" seinen Vetter Joachim Ziemßen:

Zitat:
"dass man einen Hut aufhaben soll, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich schickt."

Sprecherin:
Mit der Kopfbedeckung kann vieles ausgedrückt werden: die soziale Stellung, das Amt, das Alter, das Geschlecht, die Religionszugehörigkeit, sogar Gefühle von Freude und Schmerz. Der Hut vertritt gewissermaßen die ganze Person. Doch in den 70er Jahren passte der Hut nicht mehr in die Zeit: man wollte sich von allen überflüssigen gesellschaftlichen Regeln befreien, so auch vom Hut. Erst in den 90er Jahren kehrte das vergessen geglaubte Kleidungsstück langsam in die Welt der Mode zurück, weiß Anke Rettich, die sich in Düsseldorf als Hutmacherin selbständig gemacht hat.

Anke Rettich:
"Es ist weniger, aber es werden für bestimmte Anlässe mehr getragen. Hochzeiten oder Pferderennen, natürlich Beerdigungen sind auch dabei, aber hauptsächlich auf Hochzeiten wird mehr Hut getragen. Ich als Kind hab schon immer viel an Puppen experimentiert mit Stoffen, Tüchern und auch Socken hab ich ein bisschen geformt und gearbeitet, und so war das eigentlich ganz klar, dass ich so in die Richtung gehen werde. Ist aber ein steiniger Weg. Es gibt keine Ausbildungsplätze mehr oder kaum noch, und ich musste einige Jahre warten, bis ich einen guten Ausbildungsplatz gefunden hab bei einer richtig alten Modistin, die das richtig von der Pike auf gelernt hat."

Sprecher:
Wählt jemand den steinigen, statt den bequemsten Weg, macht er es sich nicht leicht, beruflich voranzukommen, arbeitet und erduldet er unter Umständen viel. Beide Redewendungen gehen auf das biblische Zweiwegebild zurück, das den Weg zum ewigen Leben wie den Weg zur Verdammnis zeichnet. Dabei wird der Weg der Tugend als schmal und beschwerlich, der Weg des Lasters als breit und bequem gezeichnet. Auf derselben bildlichen Ebene basieren die Redensarten, dass jemand einem Steine in den Weg legen, also Schwierigkeiten bereiten kann, oder einem alle Steine aus dem Weg geräumt werden, also alles Hemmende beseitigt wird. Hat jemand etwas von der Pike auf gelernt, so versteht er sein Handwerk durch und durch. Die Redensart ist seit dem 17. Jahrhundert bezeugt. Die Wendung bezieht sich zunächst ausschließlich auf die militärische Karriere, das heißt auf den ranghohen Offizier, der in seiner Jugend wie die einfachen Soldaten mit der Pike, also dem Spieß, gedient hat. Heute wird die Redensart auf jeden Beruf angewendet.

Sprecherin:
Seit einem knappen Jahr führt Anke Rettich ein kleines Hutgeschäft in der Nähe der mondänen Königsallee, der Kö in Düsseldorf. Sie hat klassisch gearbeitete Strohhüte in ihrem Sortiment, aber auch ausgefallene Modelle: ein grüner Hut mit einer lilafarbenen Krempe ist darunter oder auch ein Hut, der nur aus langen Federn zu bestehen scheint.

Anke Rettich:
"Ich lass natürlich alle Hüte aufprobieren. Wir gehen alle mal querbeet durch, auch wenn die Kundin sagt: ich habe kein Hutgesicht. Das ist ja immer schon der Anreiz, weil das gibt es nicht. Für jeden Kopf gibt es den passenden Deckel, wie es so schön heißt. Man muss nur ausprobieren und sich eben mal trauen, alles mal aufzusetzen."

Sprecher:
Das dem Mittelhochdeutschen entlehnte Adverb quer meint ursprünglich eine Position oder Bewegung, die im rechten Winkel zur Längsachse liegt, später aber auch eine Lage oder Bewegung, die von der gewünschten abweicht. Das Wort quer findet sich im heutigen Sprachgebrauch zwar noch in seiner ursprünglichen Bedeutung – wenn man zum Beispiel sagt, jemand legt ein Papier quer statt längs - , weit häufiger hat es aber in der Kombination mit Verben oder Substantiven eine übertragene Bedeutung angenommen. Als Adverbien geläufig sind querfeldein und querbeet. Wenn etwas als querfeldein oder querbeet gilt oder zu beachten ist, so meint das, in alle Richtungen, durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Gern verbindet sich das Adverb mit Verben und meint dann immer, dass etwas oder jemand den eigentlichen Absichten entgegenläuft. So kann etwas quer gehen oder quer laufen; jemand kann einem quer kommen, er kann quer schießen; und Menschen, die die Neigung oder Absicht haben, Pläne des anderen in eine andere Richtung zu lenken, sind Quertreiber oder Querköpfe. Spricht man im übertragenen Sinne vom "Deckel", so ist häufig der Hut gemeint. Vulgärsprachlich setzt jemand seinen "Deckel", seinen Hut, auf. Bekommt er eins auf den Deckel oder auf den Hut, wird er gerügt. Bringt die Redewendung hingegen den Deckel mit seinem Pendant, dem Topf, in Beziehung, bezeichnen beide Teile immer ein menschliches Paar, wobei der Topf – weil größer und voluminöser – den Mann, der Deckel die Frau meint. Passen zwei zusammen wie Deckel und Topf, harmonieren sie sehr gut miteinander.

Sprecherin:
Seitdem der Hut auch wieder von berühmten Häuptern getragen wird – die Popdiva Madonna trug vor wenigen Jahren in einem Videoclip lässig einen Cowboyhut, und Teenie-Idol Robbie Williams ist mit einer Baseballkappe zu sehen- tragen nun auch die Jugendlichen wieder Hüte und Mützen, freut sich die Hut-Designerin Anke Rettich.

Anke Rettich:
"Wenn die alle ein Vorbild haben, zum Beispiel dieser Asha, wo dann eben so junge Burschen hereinkommen mit der Hose auf halb acht, und man denkt schon oh, Gott, nee, da werd ich wohl nichts für haben. Aber wir haben es dann doch geschafft, diese Mütze zu besorgen für ihn, weil er wollte sie unbedingt haben. Gott sei Dank war sie noch im finanziellen Rahmen. Aber ist doch schön. Ich mein, man sieht: Interesse ist da von der Jugend."

Sprecher:
Um die Hose, ursprünglich ein ausschließlich männliches Kleidungsstück, spielt seit dem Mittelalter hauptsächlich eine Redensart: Sie zielt auf die Frau, die im Haus und in der Ehe bestimmen will. Wenn eine Frau sich etwas anmaßt, was früher nach Sitte und Tradition allein dem Mann zustand, so sagt man von ihr, sie habe die Hosen an. Das Wort "Hose" wird hier im Plural verwendet, was auf die Vorstellung zweier Beinkleider verweist. Weniger geläufig ist heute die Redewendung die Frau hat den Hut auf, die aber das gleiche meint. In früherer Zeit gab die Braut dem Bräutigam bei der Hochzeit einen Hut zum Zeichen dafür, dass der Mann in der Ehe den Vorrang haben sollte. Wenn in neuester Zeit die Hose in vielen Redewendungen gebräuchlich ist, so haben diese fast ausschließlich vulgärsprachlichen Charakter. So ist etwas, das nicht geglückt ist, in die Hose gegangen. Ein überängstlicher Mensch hat die Hosen voll, oder verstärkt: gestrichen voll. Wer seine Absichten deutlich zu erkennen gibt, lässt die Hosen runter. Besonders verbreitet ist in jüngster Zeit die Redewendung tote Hose: Spielt sie ursprünglich auf altersbedingte Impotenz an, wird sie über diesen Sinn hinaus ganz allgemein gebraucht in der Bedeutung von: Stillstand, Flaute, Leblosigkeit. Von Hosen, die auf halb acht sitzen, sprechen Menschen verächtlich, wenn sie über die ihrer Meinung nach viel zu langen und erheblich zu weiten Hosen modebewusster Jugendlicher urteilen. Man kann übrigens auch den Hut auf halb acht, halb zwölf oder halb dreizehn setzen. Dann hat man etwas zu viel getrunken, so dass der Hut schief auf dem Kopf sitzt.

Sprecherin:
In dem Hutgeschäft sucht eine Dame eine Kopfbedeckung für eine größere Feier. Vor einem großen Spiegel betrachtet sie sich mit den unterschiedlichsten Modellen und entscheidet sich schließlich für einen großen auffälligen weißen Hut.

Kundin:
"Ich brauche einen großen Hut, der mich sozusagen gut behütet. Um beim Bild zu bleiben: Bei den Vorbereitungen ist es sowieso äußerst schwierig, alles unter einen Hut zu bringen."

Sprecher:
Das Wort "Hut" ist mittelhochdeutschen Ursprungs und bedeutet eigentlich Bewachung, Obhut oder Fürsorge. Wenn jemand gut behütet aufwächst, meint das, dass Eltern ihr Kind mit einer vielleicht etwas zu weitgehenden Fürsorge erzogen haben. Die Kundin verwendet das Adverb hier als Wortspiel: zum einen will sie damit sagen, dass ihre Kopfbedeckung ihr gut steht, zum anderen meint sie damit auch, dass der Hut ihrer Person und ihrem Kopf Schutz bietet. Mehrere Leute unter einen Hut zu bringen, fällt häufig schwer, meint man doch damit, verschiedene Meinungen zu einer gemeinsamen Auffassung zu bringen. Rund um den Hut gibt es noch eine Reihe anderer Redensarten: Man kann zum Beispiel seinen Hut an den Nagel hängen. Dann tritt man zurück, gibt seine Stellung auf. Bei dieser Redensart handelt es sich um ein altbekanntes Bild: Wer den Hut nimmt, kündigt seinen Abschied an. Man kann auch ausrufen: "Hut ab!" Dann zollt man jemandem Respekt und Achtung, weil man zum Gruß den Hut vom Kopf nimmt, als Ausdruck der Huldigung seines Gegenübers.

Sprecherin:
Viele Kundinnen, die sich erst einmal einen Hut gekauft haben, kommen auch wieder, meint die Düsseldorfer Modistin. Doch in wirtschaftlich schlechten Zeiten wird auch an der Kopfbedeckung gespart. Anke Rettich weiß von wohlhabenden Düsseldorfer Damen, die sich nur noch Hüte aus dem Kaufhaus kaufen, um zu sparen.

Anke Rettich:
"Pionierarbeit ist das. Es macht Spaß, wenn man sieht, wie die Hüte ankommen. Ich stelle auch auf Modemessen aus und merke eben, wie die Einkäufer Hemmungen haben, das war der Grund, warum meine Schwester und ich Hutläden aufgemacht haben, weil wir uns nicht vorstellen können, dass diese Hüte nicht gehen. Im Moment ist es wirtschaftlich sowieso durch den Euro etwas schwieriger, aber auch die Herrenmode ist ja nun sehr eingebrochen, wie ich gehört hab. Gut, das Geld sitzt nicht mehr so locker. Das ist klar. Man überlegt genau, das macht jeder. Ist auch richtig."

Sprecher:
Ein Pionier ist ursprünglich ein Bahnbrecher, ein Wegbereiter. Leistet jemand Pionierarbeit, ist er seiner gegenwärtigen Situation voraus, bereitet er neue Projekte vor. Entwickelt der Pionier etwa ein neues Verfahren oder ein neues Produkt, das gut ankommt, so findet dieses Gefallen und wird gern übernommen oder gekauft. Pionierarbeit muss immer dann geleistet werden, wenn alte Verfahrensweisen nicht mehr effektiv sind, herkömmliche Produkte sich nicht mehr verkaufen lassen. Diese Gefahr besteht insbesondere in Zeiten wirtschaftlichen Rückgangs. Dann sitzt nämlich das Geld nicht mehr so locker (gemeint ist: in der Hosentasche), kann nicht mehr damit herumgeworfen werden, also nicht mehr verschwenderisch ausgegeben werden. Dann muss man sein Geld festhalten, das heißt, es nur sparsam und sehr gezielt ausgeben.

Sprecherin:
Ein weiterer Hutladen der Familie Rettich befindet sich in der Kölner Innenstadt. Hier sind die Modelle weniger konservativ. Beate Rettich bietet neben den klassischen Kopfbedeckungen auch Mützen in Strick- und Häkeloptik an. Sie hat die Erfahrung gemacht: der Geschmack ihrer Kunden ist mindestens so vielfältig, wie es unterschiedliche Hut-Modelle gibt.

Beate Rettich:
"Eine sehr breite Palette haben wir. Also im Unterschied zu Düsseldorf, weil unsere Kundenspanne breiter ist. Klar gibt es auch jüngere Kundinnen in Düsseldorf, aber das stimmt jetzt nicht, dass das so ist. Wenn man jetzt die Masse nimmt, sind die Kundinnen, die wir hier haben, jünger im Durchschnitt."

Sprecher:
Eine Palette ist eigentlich das Farbmischbrett des Malers. Im übertragenen Sinne spricht man von einer breiten Palette, wenn ein Angebot so vielfältig ist, wie die einzelnen Farbnuancen auf der Malerscheibe. Das Wort Spanne bezeichnet ursprünglich ein altes Längenmaß von 20 Zentimetern. Wenn man von einer Kunden-, Zeit- oder auch Verdienstspanne spricht, ist damit immer der Zwischenraum zwischen zwei Eckwerten, manchmal auch deren Unterschied gemeint.

Sprecherin:
Da alle Hüte in Handarbeit gefertigt sind, haben sie ihren Preis. Nicht wenige kosten über 200 Euro. Beate Rettich erzählt, dass einige Studierende in ihrem Geschäft auf Raten kaufen. Natürlich gibt es auch einige Kunden, die in dem kleinen Hutgeschäft einfach nur gucken, aber auch nach einem langen Beratungsgespräch nichts kaufen.

Beate Rettich:
"Wir wollen den Leuten nichts andrehen, weil wir der Meinung sind, das ist das beste. Wir haben festgestellt, das ist unsere beste Werbung."

Sprecher:
Die Redensart jemandem etwas andrehen kommt aus der Kaufmannssprache und bedeutet: jemanden etwas, das häufig nicht einwandfrei ist, gegen dessen Willen zu verkaufen. Die Wendung bezieht sich auf ein betrügerisches Verfahren des Händlers. Dieser konnte einem etwas andrehen, d.h. einen schadhaften Gegenstand beim Verkauf so drehen, dass sein Fehler verdeckt blieb. Wenn man den richtigen Dreh raus hat, versteht man eine Sache oder ein Unterfangen geschickt anzufassen. Bekommt man dagegen nicht den richtigen Dreh, will einem eine Sache nicht gelingen.

Sprecherin:
Der Hut ist heute nur noch bei sehr festlichen Anlässen, vielleicht noch bei einigen sportlichen Veranstaltungen zu sehen. Besonders beim Pferdesport eifert man der englischen Sitte nach und sieht Besucherinnen mit auffallend festlicher Kopfbedeckung. Andere Hüte werden eigentlich nicht mehr getragen. Sie haben sich überlebt und passen nicht mehr in unser heutiges Stilempfinden, sie sind zu einem alten Hut geworden. Schon wieder eine Redewendung rund um den Hut, aber jetzt müssen wir wirklich unseren Hut ziehen und uns von Ihnen verabschieden.


Fragen zum Text

Passen zwei zusammen wie Deckel und Topf,...
1. verstehen sie sich überhaupt nicht.
2. kochen beide gerne.
3. harmonieren sie sehr gut miteinander.

Wenn man vor jemandem den Hut zieht,...
1. zeigt man deutlich seinen Unmut.
2. ist man verliebt.
3. zollt man jemandem Respekt und Achtung.

Wenn jemand seinen Hut an den Nagel hängt,...
1. gibt jemand seine Stellung auf.
2. fängt jemand etwas Neues an.
3. braucht jemand einen neuen Hut.


Arbeitsauftrag:
Welche traditionellen Kopfbedeckungen gibt es in Ihrem Land? Beschreiben Sie sie und erläutern Sie, zu welchem Anlass man sie trägt.

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