Guido Steinberg: Der IS konkurriert in Libyen mit Al-Kaida | Nahost | DW | 11.09.2017
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Terrorismus in Libyen

Guido Steinberg: Der IS konkurriert in Libyen mit Al-Kaida

Vor neun Monaten verlor der "Islamische Staat" seine letzte Bastion in Libyen - nun sind die Dschihadisten wieder in der Offensive. Das Machtvakuum im Land spiele ihnen in die Hände, meint Nahost-Experte Guido Steinberg.

DW: Immer mehr Politiker, wie Emmanuel Macron oder Boris Johnson bemühen sich, zwischen den zwei Regierungen Libyens - einmal unter Fajis al-Sarraj und einmal unter General Chalifa Haftar - zu vermitteln. Jetzt taucht der sogenannte Islamische Staat (IS) wieder vermehrt in Libyen auf und verübt Anschläge. Hat der IS sich bewusst für diesen Zeitpunkt entschieden, um die Annäherung der beiden Regierungen zu torpedieren?

Guido Steinberg: Ich glaube nicht, dass der IS in Libyen im Moment in der Lage ist, sich Gedanken über die große Politik zu machen. Die Organisation ist seit dem Verlust der Stadt Sirte stark geschwächt und muss ums Überleben kämpfen. Und zwar nicht nur gegen diverse Milizen und die beiden Regierungen, sondern auch gegen Al-Kaida-nahe Gruppen. Deswegen sind diese Lebenszeichen doch eher ein Indiz dafür, dass hier eine Organisation ihre Strukturen neu aufbaut und versucht, wieder als Akteur wahrgenommen zu werden. Ihre Ziele sind zurzeit nicht so ehrgeizig.

Hatte der IS Libyen denn jemals verlassen - oder war er in Form von Schläferzellen immer im Land präsent?

Der IS war nie weg aus Libyen. Im Dezember 2016 hat er Sirte verloren. Das war seine absolute Hochburg, nachdem er sich im Sommer 2015 aus Derna zurückziehen musste. Es war aber damals schon klar, dass die Organisation zwar in der Stadt geschlagen ist, aber weiterhin Personal hat im Land. Es war auch klar, dass sie nach einer Reorganisation wieder auftauchen würde - zumindest dann, wenn der libysche Staat es nicht schafft, stabiler zu werden und effektivere Sicherheitskräfte aufzubauen. Da gibt es so gut wie keine Fortschritte.

25.04.2013 DW Quadriga Studiogast Guido Steinberg (DW)

Guido Steinberg ist Terrorismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin

Was genau ist mit Reorganisation gemeint?

Wir sehen eine Organisation, die sich sehr stark auf die Region Sirte konzentriert und dort eine Stadt kontrolliert hat. Es war ein gutes halbes Jahr unklar, inwieweit der IS sich reorganisieren würde. Ich sehe, dass er jetzt öffentlich aktiver wird. Er hat auch keine staatsähnlichen Strukturen mehr, sondern er ist eher eine klassische Terrororganisation im Untergrund - aber eben mit einer Bindung an den Irak und Syrien.

In Syrien und im Irak hatte er nie Städte an der Küste einnehmen können. Inwieweit ist Sirtes Lage an der Küste für den IS von Bedeutung?

Ich glaube, dass es die Gelegenheit war, die den IS nach Sirte gebracht hat. Wenn man eine Präsenz in Libyen aufbaut, ist man in der Regel an der Küste, weil fast alle wichtigen Städte an der Küste liegen. 2013, als der IS noch ISIS hieß, hatte er großen Zulauf an Libyern in Syrien. Er hat damals sehr strategisch darauf reagiert, indem er gesagt hat: 'Ihr geht jetzt zurück nach Libyen und schaut, inwieweit ihr dort einen Ableger aufbauen könnt'. Das war nicht in Sirte, sondern in Derna, denn Derna war seit den 1990er Jahren eine Dschihadisten-Hochburg Libyens - die wichtigste überhaupt. Daher haben sie dort Fuß fassen können. In Sirte ist die Situation noch einmal anders, denn es war die Heimatstadt von Muammar al Gaddafi: Auch in Sirte sehen wir, wenn auch weniger deutlich, eine Verquickung von altem Regime und neuen Dschihadisten.

Wie groß ist denn das Radikalisierungspotenzial Libyens heute?

In den letzten Jahren kann man beobachten, dass Dschihadisten überall dort präsent sind, wo Staaten schwach sind oder vollkommen verschwinden - und das ganz unabhängig von einem örtlichen Radikalisierungspotenzial. Ich denke, dass der wichtigste Faktor das Machtvakuum im Land ist und auch die Konflikte zwischen allen anderen Akteuren. Das Potenzial in Libyen ist nicht sehr viel größer als in anderen arabischen Ländern. Was allerdings größer ist, ist der Handlungsspielraum für Gewaltakteure jeglicher Art. Davon profitiert der IS genauso wie andere Milizen.

Libyen Kampf gegen den IS um Sirte (Getty Images/AFP/M. Turkia)

Der IS hatte Sirte im Dezember 2016 verloren - jetzt taucht er in Sirte wieder auf

Profitiert sogar eine der beiden Regierungen davon, dass der IS wieder verstärkt in Libyen auftaucht?

Ja. Zumindest als Argument. Wir sehen das in der gesamten Region, dass Terrorismus - sei es realer Terrorismus oder auch imaginierter Terrorismus wie zum Beispiel der der Muslimbruderschaft - ein wichtiges Argument ist für diejenigen, die sich als starke Männer präsentieren wollen. Das ist bei Assad in Syrien so, das ist bei Sisi in Ägypten so und das ist in Libyen bei Haftar auch so. Er profitiert davon, weil viele Libyer sich fragen, mit welchen Kräften die Übergangsregierung ihre Macht sichern will - gerade in so einer Situation: wenn der IS wiederkommt, wenn Al-Kaida stark ist, die Milizen nicht unter Kontrolle sind. Das sind alles gute Argumente für jemanden wie Haftar, der mit seiner militärischen Karriere und dem Selbstbild des starken Mannes Werbung macht.

Wie stark kann der IS in Libyen überhaupt wieder werden?

Der IS war in den Jahren 2015-2016 sehr stark. Er hatte wahrscheinlich mehr als 5000 Mitglieder. Das ist eine enorme Zahl für so eine letzten Endes dann doch kleine Organisation in einem Land, in dem auch nicht viele Menschen leben. Ich glaube, dass er wieder zurückkommen kann, aber es wird ihm jetzt viel schwerer fallen, Städte zu erobern. Das liegt ganz einfach daran, dass sich so viele Akteure der Gefahr bewusst sind. In dem Moment, in dem er versucht, Territorium einzunehmen, reagieren die Truppen von Haftar, die Amerikaner und die Franzosen. Auch die Übergangsregierung hat Einfluss auf einige IS-feindliche Milizen. Es gibt aber vor allem Al-Kaida-treue Truppen und das ist das Interessante in Libyen: Man kann in Libyen sehr deutlich beobachten, dass der IS, trotz seiner Stärke, bisher nicht in der Lage war, sich gegen die eher Al-Kaida-zugewandten Gruppierungen durchzusetzen. Das ist letzten Endes für ihn ein viel größeres Problem als die Maßnahmen der anderen Bekämpfer. Es gibt dort einen beschränkten dschihadistischen Markt und um diesen Markt konkurriert der IS mit Al-Kaida-nahen Gruppen. Da hat er Probleme in Libyen.

Guido Steinberg ist Nahost- und Terrorismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Von 2002 bis 2005 war er Referent für internationalen Terrorismus im Bundeskanzleramt.

Das Gespräch führte Diana Hodali.

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