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Kultur

Guggenheim-Lab: Viel Lärm um nichts

Als "Kunstzirkus für Reiche“ kritisierten Gegner das Projekt und hätten es fast aus Berlin verjagt. Das umstrittene Lab hat nun doch eröffnet, wirkt aber enttäuschend harmlos: Kindergeburtstag statt Denklabor.

Das Gebäude des Guggenheim-Lab in Berlin (Foto: DW)

Guggenheim

"Hmm, das ist aber wenig“, murmelt Erik etwas enttäuscht mit Blick in seine halbvolle Espressotasse. Stundenlang bastelte er unter der Anleitung amerikanischer Studenten an einer solarbetriebenen Kaffeeröstanlage für den Hausgebrauch. Er hantierte mit Glaskanülen und beschichtete Pappkartons, doch am Ende erweist sich sein ökologischer Mittagskaffee als Reinfall. Ein verhangener Himmel ist eben für die schnelle Röstung via Sonnenenergie eher suboptimal. "Ich glaube, ich hole mir drüben am Kiosk Filterkaffee“, erklärt der angehende Lehrer und verschwindet.

Kaffee-Röst-Aktion mit Solarstrom im Guggenheim-Lab in Berlin (Foto: DW)

Kaffee rösten mit Solarenergie

"Wenig", das passt auch ganz gut zu dem, was beim Guggenheim-Lab in Berlin bislang passiert – gemessen an den Erwartungen: Da tummeln sich im Hinterhof einer alten Brauerei in Berlin-Prenzlauer Berg eine Handvoll Menschen unter einem luftigen Containergerippe. Touristen nähen unbeholfen Reißverschlüsse an Stofffetzen, während einige Kinder an einem wackeligen Parcours aus Holz schrauben. Der Tai Chi-Kurs ist gerade zu Ende gegangen. Es mutet an wie das Sommerfest einer Volkshochschule, ist aber eines der umstrittensten Kunstprojekte des Jahres. Das Guggenheim-Lab will ein öffentliches Forschungslabor sein und den Diskurs über nachhaltige Lebenskonzepte ankurbeln. Viel zu sehen ist davon vor Ort bislang nicht.

Die Stadt als Spielwiese

"Die Idee wurde vor zweieinhalb Jahren geboren“, sagt Maria Nicanor, die Kuratorin des Projekts. "Wir wollten das Guggenheim-Konzept erweitern. Nicht nur große Ausstellungen in Museen präsentieren, sondern den Austausch im Kleinen suchen“, erklärt sie. Mit dem Lab schaffe man eine künstlerische Spielwiese und toure damit durch die Welt. Neun Städte in sechs Jahren, lautet das ambitionierte Ziel.

Ein Mann näht Reißverschlüsse an Stoffetzen im Guggenheim-Lab in Berlin (Foto: DW)

Selber nähen: Fahrradtaschen und Sattelschoner

Der Start war im vergangenen Sommer in New York, Berlin ist die zweite Station und im Dezember geht es weiter nach Mumbai: Wie lebt es sich in den wachsenden Megacities der Zukunft? Auch das Unternehmen BMW fand die Frage spannend und finanziert nun das ganze Projekt – ohne sich inhaltlich einzumischen, wie die Macher betonen.

Welle des Protestes

"Berlin ist zwar nicht besonders groß, aber ein kreativer Hotspot in Europa“, schwärmt die spanische Kuratorin Nicanor. Die deutsche Hauptstadt falle etwas aus dem Konzept, auch in punkto Protest. Ursprünglich wollten die Guggenheim-Macher nämlich in Berlin-Kreuzberg ihr Lab aufbauen. Dort schlug ihnen aber das Misstrauen einiger Bewohner entgegen. Linke Aktivisten drohten mit Gewalt, zwischenzeitlich stand alles auf der Kippe.

Blick auf ein Grundstück an der Ecke Cuvrystraße/Schlesische in Berlin (Foto: dpa)

Dieses Kreuzberger Grundstück bleibt Lab-frei

Bis man entschied, ins saturierte Prenzlauer Berg zu ziehen. Hier, im Epizentrum der Latte-Macchiato-Generation, ist es so friedlich, dass sich bei der Eröffnung selbst die Sicherheitspolizisten langweilten. "Dort über Gentrifizierung zu diskutieren, ist nicht besonders spannend“, meint Christophe Knoch. Der Sprecher der freien Kulturszene in Berlin gehört zu den Guggenheim-Kritikern. Er selbst lebt und arbeitet mit einer internationalen Künstlergruppe im Arbeiterbezirk Wedding. "Die Guggenheim-Macher tun so, als ob sie das Rad neu erfinden. Dabei reflektieren die Künstler hier schon seit Jahren die Folgen von steigenden Mietpreisen und den Zusammenprall der Kulturen.“

Eine junge Frau baut mit einem Kind an einem Holzparcours im Guggenheim-Lab in Berlin (Foto: DW)

Stadtentwicklung denken - von klein auf. Oder einfach nur: basteln.

Niemand sei an sie herangetreten, hätte versucht, das künstlerische Potential vor Ort einzubinden. Es ist nicht Neid, der in Christophe Knochs Sätzen unterschwellig mitklingt, sondern Sorge. Die Angst, dass vom Guggenheim-Lab eine falsche Signalwirkung ausgehen könnte. "Die Politik buhlt um solche internationalen Großprojekte, auch weil eine finanzielle Macht dahinter steckt“, so Knoch. Das könne langfristig negative Folgen für die öffentliche Finanzierung der freien Szene haben. Am Ende zerstöre man gerade jene Kreativität, die Berlin so attraktiv mache.

Das "Ufo“ fliegt weiter

Doch davon ist noch nichts zu spüren. Vielmehr wirkt das Guggenheim-Lab wie ein zufällig in Berlin gelandetes "Ufo“, das Ende Juli weiterfliegen wird. Bis dahin wird munter gebastelt, meditiert und genäht. Einen Programm-Punkt mussten die Guggenheim-Macher wegen des neuen Standortes aber streichen. Die Fahrrad-Tour für Migranten, z.B. aus der Türkei, fällt aus. Im Prenzlauer Berg leben nämlich kaum welche.

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