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Amerika

Guatemalas grausiges Gedächtnis

Vor fünf Jahren tauchten sensationelle Akten über den Bürgerkrieg in Guatemala auf. Doch nicht allen liegt an der Aufarbeitung der Vergangenheit - ein in Lateinamerika einzigartiges Archivprojekt ist politisch gefährdet.

Aktenberge im Achiv der Nationalpolizei in Guatemala-Stadt (Foto: AP)

Acht Kilometer Akten: Das Achiv der Nationalpolizei in Guatemala-Stadt

Ein trister Flachdachbau in einem Außenbezirk von Guatemala-Stadt: Überall in den verwinkelten, unverputzten Beton-Gängen stapelt sich Papier, surren Scanner, wuseln Männer und Frauen herum in Laborkitteln, mit Mundschutz und Kopfhauben. So wie Oscar Hernandez. Hier in seiner Abteilung werden die Dokumente erfasst und klassifiziert, erzählt der 29-Jährige. Er ist einer von rund 140 Mitarbeitern des Historischen Archivs der Nationalpolizei von Guatemala.

Mitarbeiter mit Atemmasken im Achiv der Nationalpolizei in Guatemala-Stadt (Foto: AP)

140 Mitarbeiter sind mit der Auswertung der Akten beschäftigt. Doch wie lange noch?

Es ist eine Herkulesaufgabe, die sich Oscar Hernandez und seine Kollegen da vorgenommen haben. Eine Explosion in dem abgelegenen und verlassenen Gebäude auf einem Schrottplatz hatte im Juli 2005 gewaltige Papierberge zu Tage gefördert. Was aussah, wie von Nässe, Ungeziefer und Schimmel zersetztes Altpapier, entpuppte sich als Sensation. Ein zu Rate gezogener Historiker bestätigte einen ersten Verdacht: Es handelte sich um das verschollen geglaubte Archiv der Nationalpolizei Guatemalas. 150 Jahre Polizeiarbeit, akribisch auf Papier gebannt. "Gi-gant-isch" sei der Fund, sagt Leiter Alberto Fuentes, indem er das Wort in die Länge zieht. Würde man die 80 Millionen Aktenblätter übereinanderlegen, der Stapel wäre acht Kilometer hoch.

Lateinamerikas blutigster Bruderkrieg

Acht Aktenkilometer, die es in sich haben. Sie sind zunächst einmal kaum mehr das papierene Gedächtnis einer Behörde. Strafzettel, Gehaltslisten, Anträge, Tankabrechnungen. Doch dieses stumme Papier erzählt viel über eines der blutigsten Kapitel in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas. 250.000 Tote und 45.000 Verschwundene forderte der Bürgerkrieg, der bis 1996 in Guatemala wütete. Das 36 Jahre andauernde Morden in Guatemala zwischen linksgerichteter Guerilla und einem Staat im Antikommunismus-Wahn forderte mehr als doppelt so viele Opfer wie alle anderen Bürgerkriege und Militärdiktaturen in Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengenommen.

Aktenberge im Achiv der Nationalpolizei in Guatemala-Stadt (Foto: AP)

Die gewaltigen Aktenberge mussten von Schmutz, Feuchtigkeit und Ungeziefer befreit werden

Doch was haben all die mit bürokratischem Furor abgelegten Papiere mit den Grauen dieses Bürgerkriegs zu tun? Sehr viel, erklärt Alberto Fuentes Rosales. Denn während des Bruderkriegs sei die systematische Politik des Staatsterrors im Wesentlichen von zwei Institutionen getragen worden, "durch das Militär - und durch die Nationalpolizei", so der Historiker. Eine internationale unabhängige Kommission erklärte Militär und Nationalpolizei für 93 Prozent aller Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Drei Prozent gingen auf das Konto der Guerilla, für vier Prozent seien bislang unbekannte Akteure verantwortlich gewesen.

Grausige Gründlichkeit

Nur selten werden in den Archiv-Dokumenten die Täter unmittelbar genannt. So gut wie nie findet sich die Urheberschaft von Folter, Mord oder "Verschwindenlassen" in den Akten. Doch in mühevoller Puzzle-Arbeit lassen sich Befehlsketten rekonstruieren. Noch immer erstaunt es Alberto Fuentes, mit welcher grausigen Gründlichkeit der Apparat arbeitete. Das ließe sich in den Akten nachlesen. Das Wichtigste an den Dokumenten sei, dass sie das Ausmaß belegten, mit dem der Staat die politische Opposition kontrollierte, überwachte und verfolgte.

Rekonstruktion einer Befehlskette anhand von Akten im Achiv der Nationalpolizei in Guatemala-Stadt (Foto: Sven Töniges / DW)

Mühevoll lassen sich Befehlsketten rekonstruieren

"Nehmen Sie nur das Beispiel von Manuel Colom Argueta", sagt Fuentes. Der populäre Linksliberale Manuel Colom Argueta war Bürgermeister von Guatemala, "mit Sicherheit der Beste, den diese Stadt je hatte", ist Fuentes überzeugt. Kurz nachdem Colom Argueta 1979 seine Präsidentschaftskandidatur angekündigt hatte, wurde er nach einer Rede vor tausenden Menschen von 26 Schüssen durchsiebt. "Die ersten Einträge über Arguetas Aktivitäten", erzählt der Archivleiter, "wurden 22 Jahre vor seiner Ermordung gemacht. Das heißt, er wurde ununterbrochen überwacht."

Die Verschwundenen

Als Guatemalas Militärregierung 1979 mit Arguetas Ermordung deutlich machte, dass sie selbst gemäßigte Linke nicht zu tolerieren bereit war, da war Oscar Hernandez noch nicht geboren. Der heute 29-Jährige arbeitet seit vier Jahren im Polizeiarchiv. Er hat ein ganz eigenes Motiv, sich täglich durch die Aktenberge zu wühlen. Am 23. Februar 1984 war sein Vater auf dem Weg zu Arbeit, erzählt Hernandez, der damals eineinhalb Jahre alt war. Sein Vater arbeitete als Mechaniker bei der Freiwilligen Feuerwehr. "Unterwegs zerrten ihn ein paar schwer bewaffnete Personen in Zivil auf einen Pick-Up", so haben es Augenzeugen berichtet.

Mitarbeiterin mit Scanner im Achiv der Nationalpolizei in Guatemala-Stadt (Foto: Sven Töniges / DW)

Fast zehn Millionen Papiere wurden bislang gescannt

Seit diesem Februarmorgen wurde Oscar Hernandez' Vater nie wieder gesehen. Art und Weise seiner Entführung deuten auf eine Beteiligung der Polizei hin. Politisch oder gewerkschaftlich aktiv sei sein Vater nicht gewesen, erzählt Hernandez. Doch nicht nur Tausende Gewerkschafter und Aktivisten, sondern auch nur politisch Verdächtige verschwanden in der Hochphase der Militärdiktatur. Unzählige wurden getötet und anonym verscharrt.

Aktenzeichen XX ungelöst

"XX", so lautete in den Polizeiakten die Kennung für diese Leichen; oft wiesen sie Spuren schwerer Folter oder sexueller Gewalt auf. Täglich schwankt Oscar Hernandez zwischen der Hoffnung, dass Schicksal seines Vaters aufzuklären und der Angst, Schreckliches zu entdecken. Es sei sehr schwer zu ertragen, erzählt er. "Als ich im Archiv anfing, habe ich die ersten Fotos von XX-Leichen gesehen, mit Verbrennungen. Man denkt, früher oder später stoße ich auf ein Foto mit dem Körper meines Vaters darauf."

Eine konkrete Spur zum Schicksal seines Vaters hat Oscar Hernandez noch nicht. Doch noch sind auch erst 15 Prozent der Dokumente erfasst. 9,5 Millionen Papiere, die bis dato mühselig gesäubert, digitalisiert und erfasst wurden. Unlängst kam es auf Grundlage der Akten des Archivs zu ersten Verurteilungen in Menschenrechtsprozessen. Eine Sensation in dem für seine Straflosigkeit berüchtigten Land. So manchem ehemaligen oder noch aktiven Polizisten könnten die Akten gefährlich werden.

Sicherheitskopien in den Schweizer Alpen

Präsidentschafts-Kandidat der Patrioten-Partei, Otto Perez Molina, bei einer Rede in Guatemala-Stadt 2007 (Foto: AP)

Kandidat der "Patrioten-Partei": Otto Perez Molina

Doch weitere 60 Millionen harren noch der Bearbeitung. Ob sie jemals erschlossen werden, ist fraglich. Der politische Gegenwind nimmt zu. Besonders wenig Freunde hat die Aufarbeitung des Polizeiarchivs unter den Anhängern der rechtspopulistischen Patrioten-Partei. Im kommenden Herbst stehen Präsidentschaftswahlen an. Das lässt Archiv-Chef Alberto Fuentes wenig Gutes ahnen. Der Archiv-Leiter windet sich etwas. "Das, sagen wir es mal so, komplizierteste Szenario für uns wäre ein Sieg des Partido Patritota. Aus offensichtlichen Gründen." Deshalb verwenden Fuentes und sein Team derzeit viel Energie darauf, das Archiv rechtlich und budgettechnisch zu institutionalisieren. Das Ziel ist eine Einrichtung, deren Existenz nicht davon abhängt, wer gerade an der Macht ist.

Doch derzeit kann sich der Spitzenkandidat des PP, der Ex-Militär Otto Perez Molina, gute Chancen auf einen Wahlsieg im Herbst ausrechnen. Bereits 2007 war er dem amtierenden Präsidenten Alvaro Colom, ein Neffe des 1979 ermordeten Bürgermeisters, nur knapp unterlegen. Politisch würde die Luft für das Archiv damit sehr dünn.

Umso mehr bleibt das in Lateinamerika einzigartige Archiv-Projekt auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Die kommt bislang aus den USA, der EU und der Schweiz. Und dorthin, ins Schweizer Bundesarchiv in Bern, werden regelmäßig digitale Kopien der Polizeiarchiv-Akten ausgeflogen. Zumindest diese Datensätze sind damit aus der Schusslinie. Selbst wenn das Archiv politisch überlebt, die ständigen Drohungen und Einschüchterungen gegen die Mitarbeiter werden kaum aufhören. Auch Oscar Hernandez kennt sie, seit er hier arbeitet. Nein, in keinem Augenblick fühle er sich sicher. "Oft geht mir durch den Kopf, dass mir dasselbe wie meinem Vater passieren könnte. Ich stochere schließlich täglich in Fakten der Geschichte von Guatemala herum."

Autor: Sven Töniges

Redaktion: Mirjam Gehrke

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