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Amerika

Guatemalas Atitlán-See erstickt in Blaualgen

Der Atitlán-See gilt als Wahrzeichen Guatemalas. Jetzt sind die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel deutlich spürbar: Blaualgen machen das einst klare Wasser zu einer Kloake.

Algen (Foto: dw)

Die Algen im Atitlán-See sind eine Katastrophe für Guatemala

Seit jeher ist er ein Muss für jeden Reisenden: Der Atitlán-See im Hochland Guatemalas. Noch vor zwei Jahren konnte das Auge des Besuchers über tiefblaues Wasser hin zu den drei Kegelvulkanen Atitlán, Tolimán und San Pedro schweifen und die bunte Trachtenwelt der Mayadörfer am See bewundern. Der See war nicht weniger als DAS Aushängeschild Guatemalas, ein Ort zum Entspannen, zum Träumen und für viele auch zum Bleiben.

Lyngbya Hieronymus, kurz: Blaualge

Blaualge (Foto: ap)

Das Problem: Die Alge ist überall

Doch damit ist es erst einmal vorbei. Als im vergangenen Jahr zum ersten Mal Algen im See auftauchten, war der Schrecken groß - aber auch schnell wieder vergessen. Denn nach sechs Wochen setzte die kältere Jahreszeit ein und machte dem Spuk ein Ende.

Dieses Jahr wurde aus dem temporalen Schönheitsfehler eine Katastrophe: Seit Oktober ist der gesamte See mit Cyanobakterien vom Typ Lyngbya Hieronymus bedeckt, auch als Blaualgen bekannt. Infrarot-Fotos zeigen riesige Spiralen, die sich über den See ziehen, doch auch schon mit bloßem Auge lässt sich von Oben das Ausmaß der Katastrophe erahnen. Das, was mal tiefblau schimmerte, ist nun gold-grün-meliert. Schwimmen mag in der Suppe niemand mehr, am Ufer riecht es faul und nun ist die Angst groß, dass mit dem Atitlán-See auch der Tourismus dauerhaft geschädigt wird.

"Schaut euch diese Brühe an!"

Atitlán-See (Foto: dw)

Aus der Touristenattraktion ist eine Kloake geworden

Anna Kallab betreibt seit 24 Jahren ein kleines Ökohotel in Santa Cruz, direkt am See. Das Problem sei erst völlig verharmlost worden, klagt sie. "Die Wissenschaftler haben im letzten Jahr alle gesagt, das sei nur eine Cyanobakterie, die gebe es überall auf der Welt und sei harmlos", berichtet sie. "Dieses Jahr haben sie alle einen riesigen Schock erlebt. Denn jetzt sagt jeder: Das war der schönste See der Welt und nun schaut Euch diese Brühe an."

Auch Bootsführer Alfredo ist wie viele Einheimische erschüttert: So etwas habe er in seinen 57 Jahren noch nicht gesehen. Und die Alge ist tückisch: "Immer wenn es kalt wird, verschwindet das Zeug wieder. Am frühen Morgen denkst Du: 'Ah, ist ja alles in Ordnung', aber dann am Mittag kommen dann so viele Algen, das Du denkst, das können wir hier nie wieder rausholen."

Gnadenlose Umweltverschmutzung

Müllkippe (Foto: ap)

Guatemala hat ein riesiges Müll-Problem, alles wird in die Landschaft gekippt

Gründe für die Algenpest gibt es viele und gewarnt wird schon seit langem. Die Umweltjournalistin Lucia Escobar sieht vor allem vier Ursachen: Die Abwässer, die ungeklärt in den See fließen. Der Müll auf ungesicherten Müllkippen. Der Kunstdünger, den die Bauern seit Jahren auf die Hänge am Rand des Sees werfen und die beim ersten Regen in den See gespült werden. Hinzu kommen Phosphate aus Waschmitteln und das Altöl, dass die Bootsfahrer in den See kippen.

Umweltorganisationen warnen zudem seit Jahren vor dem Entwalden der Berghänge und der Vernichtung von Schilfbeständen. Eingesetzte Fische hätten zudem das Ökosystem aus dem Gleichgewicht gebracht - und der Klimawandel führt zusätzlich hier zu immer weniger Regen und zu höheren Temperaturen. Alles zusammen eine fatale Mischung - die den Algen gefällt.

Alle wissen es, keiner tut was

Schlammlawine (Foto: ap)

Durch die Entwaldung der Berghänge kommt es nicht nur immer wieder zu Schlammlawinen, das ganze Ökosystem wird zerstört

Doch eine Reaktion von Bürgermeistern und Regierung sei bislang ausgeblieben, kritisiert die Journalistin Escobar: "Es ist es eine Schande, dass sich die Instanzen nicht einmal darauf geeinigt haben, wie viel Geld denn nun für die Rettung des Sees zur Verfügung steht und welche Institution die Arbeit koordinieren soll." Die Reaktion sei bis jetzt gleich Null, egal ob seitens der Bürgermeister, der Gouverneurin oder der Regierung: "Viele Gespräche, viele Kaffeekränzchen, viele Abendessen in Luxushotels. Aber nichts Konkretes!"

Die Touristen sind schockiert, die Tauchschule in Santa Cruz musste schon ihre Arbeit einstellen, Menschen klagen über Hautreizungen. Und Wissenschaftler von der Universität del Valle, oberhalb des Sees gelegen, stellen die Gemeinden und den Tourismussektor bereits auf einen längeren Kampf gegen die Algen ein. Denn: Selbst wenn morgen alle Kläranlagen stehen, alle Phosphatwaschmittel und aller Kunstdünger verboten würden: Das, was sich bereits im See angesammelt hat, würde den Cyanobakterien noch für Jahre Nährstoffe geben.

"Fangt sofort an!"

Doch die Hotelbesitzerin Anna Kallab, unerschüttert optimistisch, sieht in der aktuellen Katastrophe auch ein Chance: "Die Zukunft des Sees ist sicherlich der Ökotourismus." Die Algenplage habe die Indígenas zutiefst erschüttert und sei hoffentlich ein Weckruf. Doch sie weiß: Nur wenn alle Dörfer Kläranlagen hätten und die Menschen den See als schützenswertes Ökosystem verstünden, habe der Lago Atitlán eine Zukunft. Für Anna Kallab steht jedenfalls fest: "Es muss sofort angefangen werden!"

Autor: Markus Plate

Redaktion: Anna Kuhn-Osius