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Lateinamerika

Guatemala: Fenster zur Vergangenheit

Massaker und Gewalt: Viele Guatemalteken sind vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg traumatisiert. Opfer leiden, weil sie kein Gehör finden. Ein Projekt will das ändern und setzt dabei auf Journalisten und Aktivisten.

Für Mayarí de León ist der Blick zurück, ein Blick zurück im Schrecken. 1984 entführten Sicherheitskräfte ihren Vater. Bis heute gilt er als verschwunden. Zwar entschuldigte sich der Staat inzwischen öffentlich für dieses Gewaltverbrechen aus der Zeit des Bürgerkriegs. Doch für die allermeisten Opfer von Massakern und Morden in Guatemala gilt: Es dominiert noch immer eine Kultur des Schweigens – bei Behörden wie auch in der Öffentlichkeit. Dabei, so sagt die heutige Menschenrechtsaktivistin Mayarí de León, bräuchte es das genaue Gegenteil. "Wir müssten dringend über unser Leid sprechen, damit die Wunden verheilen können."

Allein mit der Trauer

Erinnerungskultur in Guatemala: Mayari de Leon

Menschenrechtsaktivistin Mayarí de León engagiert sich, um aus Trauer Hoffnung zu machen. Ihr Vater wurde im Bürgerkrieg verschleppt.

Die Narben der Vergangenheit sind tief. Weit mehr als 200.000 Tote und 100.000 Vertriebene – das sind nur einige der Schreckenszahlen, die der fast 40-jährige bewaffnete Konflikt in Guatemala hinterlassen hat. Opfer dieses Kriegs, bei dem sich Guerilla-Organisationen und Militärs von 1960 bis 1996 gegenüber standen, war vor allem die Zivilbevölkerung – insbesondere die indigene Bevölkerung in ländlichen Gebieten. Mayarí de León ist an einem Projekt beteiligt, das Diskussionen über die Vergangenheit anstoßen will: "Wir müssen lernen, die Grausamkeiten der Vergangenheit in Hoffnung für die Zukunft zu verwandeln."

Damit diese Hoffnung keimt, braucht es jedoch eine neue Erinnerungskultur – und den Zugang zu Informationen über die bewaffneten Konflikte der Vergangenheit. Doch wie gibt man Opfern von Menschenrechtsverletzungen eine Stimme? Wie bricht man das jahrzehntelange Schweigen über die Gewalt? David Olmos, Ländermanager Guatemala der DW Akademie, ist überzeugt, dass Lokaljournalisten und Menschenrechtsaktivisten hier eine besondere Rolle einnehmen: "Sie können für die Menschen ein Fenster in die Vergangenheit sein."

Erinnerungskultur in Guatemala (DW)

Sicherheitskräfte entführten den Vater von Mayarí de León 1984. Seitdem gilt er als verschwunden.

Vergangenheit in Pappkartons

Erinnerungskultur in Guatemala Sebastian Cobo de Leon (DW/J. Metzler)

Fernsehjournalist Sebastián Cobo de León will in der Zukunft viele Geschichten über Guatemalas Vergangenheit machen.

Doch bis es soweit ist, gilt es, Lokaljournalisten und Menschenrechtsaktivisten für das Thema zu sensibilisieren – wie zuletzt bei einem Workshop der DW Akademie im November in Guatemala-Stadt. Dabei besuchten die Teilnehmer einen Ort, an dem man sich der authentischen und schmerzhaften Erinnerung gar nicht entziehen kann. Auch Fernsehjournalist Sebastián Cobo de León war dabei, als die Teilnehmer das Historische Archiv der Nationalpolizei (Archivo Histórico de la Policía Nacional en Guatemala) besuchten.

In schier endlosen Reihen lagern hier Akten in Pappkartons, die allesamt von willkürlichen Verhaftungen, von skrupellosen Entführungen und von kaltblütigen Morden erzählen. Fernsehjournalist Cobo de León, der für den Sender Cablevisión Dulce María in Nebaj arbeitet, ist ergriffen. Kaum ein Journalist seines Landes hat dieses Archiv bislang selbst in Augenschein nehmen können. Und er sieht viele Anknüpfungspunkte für seine tägliche Arbeit. "Ich möchte jetzt eine regelmäßige Fernsehsendung machen, damit die Jugend erfährt, welche Verbrechen begangen wurden."

Erinnerungskultur in Guatemala (DW/J. Metzler)

Das Historische Archiv der Nationalpolizei in Guatemala Stadt: Die Grausamkeit der Vergangenheit – verpackt in Pappkartons

Landkarte der Erinnerung

Einfließen wird dieser Bericht in das Projekt "Landkarte der Erinnerung", das 2015 zusammen mit der guatemaltekischen Organisation Memorial para la Concordia aus der Taufe gehoben wurde. Ziel ist es, auf einer interaktiven Webseite all jene Orte aufzuzeigen, an denen der Opfer des Konflikts durch Wandmalereien, Skulpturen, Grabsteine, Kreuze oder Ähnliches gedacht wird. Doch die Landkarte will mehr als nur Daten sammeln: Dort wird versucht, Informationen dem Schicksal einzelner Menschen zuzuordnen – und diese verstummten Stimmen für die Nachfolgegeneration wieder zum Leben zu erwecken.

Erinnerungskultur in Guatemala (DW/D. Olmos)

In Guatemala wollen viele die Vergangenheit mit Gewalt und Grausamkeiten möglichst schnell vergessen.

Das geschieht in Form von Interviews, Tweets, Bildern, Facebook-Einträgen und Berichten. Für Lucía Escobar, lokale Trainerin der DW Akademie in Guatemala, ein zentraler Baustein, um mit der Vergangenheitsbewältigung eine demokratische Weiterentwicklung der Gesellschaft anzustoßen. "Die Geschichte ist immer präsent, weil viele der heutigen Probleme unseres Landes ihre Wurzeln im Bürgerkrieg haben. Journalisten müssen deshalb diese Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart erklären zu können."

Deutsche Vergangenheitsbewältigung als Inspiration

In Guatemala beginnt die historische Aufarbeitung gerade erst – zum Teil gegen erhebliche Widerstände. Das aktuelle Projekt der DW Akademie wird dabei weitere drei Jahre Impulse setzen. Die deutsche Erfahrung kann da helfen: Seit mehr als siebzig Jahren findet hier, mehr oder minder intensiv, eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazi-Herrschaft und dem DDR-Regime statt. Ein fruchtbarer Austausch: Zwei Delegationsreisen aus Guatemala kamen in den vergangenen Jahren bereits nach Berlin. Auch Teilnehmer aus Kolumbien waren dabei, weil auch hier die Vergangenheitsbewältigung die Zukunft prägt.

Erinnerungskultur in Guatemala Besuch Berliner Mauer (DW/M. Vidal)

Journalisten und Menschenrechtsaktivisten aus den ehemaligen Bürgerkriegsländern Guatemala und Kolumbien besuchen Erinnerungsorte in Berlin – hier Überreste der Berliner Mauer.

Journalisten, Universitätslehrkräfte, Politikwissenschaftler und Aktivisten konnten sich auf dem historischen Pflaster Berlins austauschen – und über Parallelen, Unterschiede und erfolgreiche Ansätze der Aufarbeitung diskutieren. Die Gruppen besuchten gemeinsam Orte der Erinnerung, darunter das Konzentrationslager Sachsenhausen, die Berliner Mauer oder das Archiv der Staatsicherheit der DDR. Die Delegationsreisen ebenso wie die Arbeit vor Ort hätten sich bereits jetzt als eine echte Erfolgsgeschichte entpuppt, sagt David Olmos. "Kolumbianer, Guatemalteken und Deutsche entwickeln gemeinsam Ideen, wie Erinnerungskultur gelingen kann. Das ist für mich das Beste, was aus einer solch dunklen Geschichte entstehen kann."

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