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Amerika

Guantanamo: Zwischen Hungerstreiks und Hoffnung

Guantanamo ist wieder in den Schlagzeilen. US-Präsident Barack Obama hat erneut die Schließung des Lagers versprochen - doch der Hungerstreik hält unvermindert an und der Zustand vieler Gefangenen ist kritisch.

Gespenstische Stille früh morgens im Lager Guantanamo auf Kuba. Wir sind in Block B, sehen in einen dunklen Gang. Soldaten patrouillieren, laufen lautlos von Zelle zu Zelle, blicken kurz hinein und gehen weiter.

Dann sehen wir plötzlich eine Hand, die aus einer Öffnung in der Zellentür eine leere Wasserflasche herausreicht. Der Wächter nimmt sie und bringt sie weg. Mehr von den Gefangenen werden wir auf dieser Pressetour durch das Lager Guantanamo nicht sehen. Dafür begleiten uns Soldaten auf Schritt und Tritt.

Sie passen auf, dass wir nur sehen, was sie uns zeigen wollen. Und am Ende des Tages werden alle Bilder unseres Kameramanns kontrolliert. Denn Köpfe oder bestimmte Sicherheitseinrichtungen dürfen nicht gefilmt oder fotografiert werden. Und schon gar nicht die Häftlinge.

Zurück in Block B: Pünktlich um 5 Uhr ist der Gebetsaufruf zu hören. Jeder der Männer betet in seiner eigenen Zelle.

Wir wissen nicht, wie viele der Zellen belegt sind. Wir wissen nur, dass alle Gefangenen hier in diesem Block in Einzelhaft sitzen. Sie können ihre Zellen nur selten verlassen - gefesselt und unter strenger Aufsicht.

Blick auf Zellentüren in Guantanamo (Foto: Gero Schliess)

Nur selten dürfen die Gefangenen ihre Zellen verlassen

Obamas Rede ist Gesprächsthema

Dennoch: Viele Häftlinge hätten Präsident Obamas jüngste Bemerkung wahrgenommen, dass er die Schließung des Lagers Guantanamo vorantreiben wolle, sagt uns der Kommandant von Guantanamo, Colonal John Bogdan: "Das ist ein Gesprächsthema unter den Gefangenen. Und die Reaktion scheint positiv zu sein, dass der Präsident das erwähnt."

Das bestätigt uns gegenüber auch Zak, der seit acht Jahren in Guantanamo arbeitet und uns seinen vollständigen Namen nicht nennen will. Er ist Angestellter der Armee, berät die Lagerleitung und hat offensichtlich den meisten Kontakt zu den Häftlingen. Ihre Reaktion auf die Rede sei gut gewesen, sagt er uns: "Sie haben wieder Hoffnung geschöpft. Und sie glauben, dass etwas geschehen wird."

An den verschärften Sicherheitsmaßnahmen im Lager hat das nichts geändert. In kleinen Zellen mit Fensterschlitzen leben die Gefangenen, fast alle werden in Einzelhaft gehalten. Sie sind in den persönlichsten Dingen auf ihre Wächter angewiesen - werden gefesselt, wenn sie fernsehen wollen, duschen möchten oder zur Zwangsernährung gebracht werden. Und im Minutentakt werden sie von ihren Wächtern observiert.

Guantanamo wieder auf der politischen Agenda

Von den 166 Häftlingen in Guantanamo verweigern zurzeit mehr als 100 die Nahrungsaufnahme - Tendenz steigend. Mehr als 40 von ihnen werden zwangsernährt, unter Qualen, wie die Gefangenen und ihre Anwälte die Medien wissen lassen. Ob unter den Hungerstreikenden auch die fünf mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September sind, sagt uns hier keiner. Wir bekommen sie nicht zu sehen, genauso wenig wie alle anderen Häftlinge.

Der Verschärfung der Hungerstreiks war eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Wärtern und Häftlingen vorausgegangen. Nach Zellendurchsuchungen hatten die Häftlinge der Lagerleitung einen respektlosen Umgang mit Koranausgaben vorgeworfen. Die Lagerleitung hatte dies bestritten.

In einem offenen Brief haben 13 der zwangsernährten Gefangenen gegen die Behandlung protestiert und den Militärärzten ihr Misstrauen ausgesprochen.

Militärärzte verteidigen Zwangsernährung

Stuhl zur Zwangsernährung im Gefängnis Guantanamo, Kuba. (Foto: DW/Stefan Czimmek)

Zwangsernährung: Auf diesem Stuhl werden die Gefangenen zur Nahrungsaufnahme gefesselt

Doch die sagen uns, es gehe ihnen um Leib und Leben der Häftlinge. Und schließlich könnten diese die Nahrung ja auch freiwillig zu sich nehmen. Selbst auf dem Stuhl, auf dem sie zur Nahrungsaufnahme mehrfach täglich gefesselt werden, könnten sie sich noch entscheiden, sagt uns der leitende Mediziner des Lagerkrankenhauses, der ungenannt bleiben will: "Es wechselt von Tag zu Tag. Manche Patienten nehmen die Nahrung am Morgen ohne Widerstand zu sich und später entscheiden sie sich dagegen. Und es gibt eine Handvoll von Patienten, die von den Wachen festgehalten werden müssen."

Uns wird dieser Stuhl gezeigt. Er ist grau, aus festem Material. Die Rückenlehne neigt sich leicht nach hinten. Bei Widerstand können die Häftlinge an den Hand- und Fußgelenken festgebunden werden. Möglich ist auch eine Fixierung des Kopfes. Eine Nährstofflösung wird dann mit einem Schlauch durch die Nase in den Magen eingeführt.

Die Vereinten Nationen nennen dieses Vorgehen Folter. Colonal Bogdan verteidigt die umstrittene Praxis. Für ihn hat sich die Zwangsernährung "als legales und nachhaltiges Verfahren etabliert. Die Politiker haben das eingeführt. Und ich habe kein Problem damit, die Vorgaben der Politik umzusetzen."

Wir werden in die Lagerküche gebracht, in der täglich mehrere hundert Mahlzeiten zubereitet werden. Es duftet gut hier. Die Küchenchefin, die sich Sam nennt, möchte über den Hungerstreik nicht sprechen. Sie lässt weiterhin für jeden der 166 Häftlinge Frühstück, Mittagessen und Abendessen zubereiten - so als wenn es die Hungerstreiks nicht gäbe. Acht verschiedene Mittagsgerichte zeigt sie uns stolz, unter denen die Häftlinge auswählen könnten. Sie will, dass wir probieren, drängt uns die Bissen förmlich auf. Vom Fleischfreund bis zum Vegetarier soll jeder zufriedengestellt werden.

Forderungen an Obama

US-amerikanische Soldaten laufen durch das Gefängnis Guantanamo (Foto: Gero Schliess)

Präsident Obama hat erneut Hoffnung gemacht auf eine baldige Schließung

Auf Guantanamo treffe ich auch Pardiss Kebriaei, die als Anwältin für das Center for Constitutional Rights arbeitet. Das Center hat sich immer wieder entschieden für die Schließung von Guantanamo und gegen die Zwangsernährung ausgesprochen. Pardiss Kebriaei hat gerade drei ihrer Mandanten getroffen, die im Hungerstreik sind. Sie seien in sehr schlechtem Zustand, könnten kaum noch gehen. Und sie erzählten ihr von Gefangenen, die nur noch "Haut und Knochen" seien.

Die Anwältin richtet ihre Forderungen direkt an Präsident Obama. Er müsse seinen Worten jetzt endlich Taten folgen lassen. Die meisten der Häftlinge könnten Guantanamo sofort verlassen. Die amerikanischen Sicherheitsdienste hätten sie überprüft und längst empfohlen, sie zu entlassen. "In seiner Rede hat Obama keinen Zeitpunkt für die Überführung der Häftlinge genannt. Wir wünschen uns, dass er präziser und klarer ist und vor allem, dass die Überführung der Häftlinge sofort beginnt. Ansonsten werden sich die Dinge verschlimmern und Menschen werden sterben."

Hoffnung geweckt

Ein Großteil der Häftlinge kommt aus dem Jemen. Obama hatte erst jüngst sein Verbot, sie in den Jemen zurückzuschicken, wieder aufgehoben. Es mehren sich die Anzeichen, dass die jemenitischen Häftlinge in den nächsten Monaten in ihr Heimatland gebracht werden könnten. Das wäre ein wichtiger Teilerfolg für den Präsidenten auf dem Weg zur Schließung Guantanamos.

Als wir Guantanamo wieder verlassen, sehen wir auf dem Flugfeld die Air Force One, die der Präsident nutzt. Später erfahren wir vom Überraschungsbesuch des republikanischen Senators John McCain, der vom Stabschef des Weißen Hauses begleitet wird. Der erklärte Gegner Präsident Obamas veröffentlicht noch am gleichen Tag eine Pressemitteilung, in der er betont, dass die Schließung Guantanamos "im nationalen Interesse" stehe.

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