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Europa

"Grundlegende BBC-Reform nötig"

Skandale erschüttern die BBC. Konservative Politiker fordern auch den Rücktritt des Rundfunkrats-Vorsitzenden - zu Unrecht, sagt Großbritannien-Experte Gerhard Dannemann.

Prof. Dr. Gerhard Dannemann Centre for British Studies Humboldt-Universität zu Berlin (Foto: Universität Berlin)

Prof. Dr. Gerhard Dannemann

Zwei Skandale erschüttern derzeit die British Broadcasting Corporation, die BBC. Zum einen soll der frühere BBC-Starmoderator Jimmy Savile über Jahre hinweg hunderte Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Entsprechenden Spekulationen und Hinweisen war die BBC nicht nachgegangen. Ein Beitrag über Savile, der eigentlich in der BBC-Sendung "Newsnight" laufen sollte, war nicht ausgestrahlt worden - angeblich, weil die BBC-Spitze interveniert hatte. Savile ist vor einem Jahr gestorben.

Zum anderen ist in der Sendung "Newsnight" der britische Politiker und frühere Schatzmeister der Konservativen, Alistair McAlpine, des Kindesmissbrauchs verdächtigt worden. In diesem Fall hat die BBC nicht gründlich recherchiert: Der zitierte Zeuge sagte später, er habe sich geirrt.

Der Generaldirektor der BBC, George Entwistle, ist daraufhin zurückgetreten. Jetzt sind auch die Nachrichtenchefin der BBC, Helen Boaden, sowie ihr Stellvertreter Steve Mitchell suspendiert worden. Der konservative Parlamentsabgeordnete Philip Davies fordert nun auch den Rücktritt von Rundfunkratschef Chris Patten und eine radikale Reform des Senders. Andernfalls sei die Zukunft der BBC ungewiss.

DW: Herr Dannemann, sehen Sie das auch so?

Gerhard Dannemann: Die BBC ist zuletzt vor fünf Jahren reformiert worden. Die Frage ist eigentlich nicht, was macht die Struktur der BBC, sondern was macht es möglich, dass bei demselben Thema "Sexueller Missbrauch von Kindern" das Pendel einmal in die eine Richtung zu weit ausgeschlagen ist und das andere Mal in die andere. Also, ein Bericht wird nicht gesendet und eine andere Nachricht wird gesendet, die man so nicht hätte senden sollen. Und man fragt sich, wo die größten Schwierigkeiten sind. Das erste ist eher die Frage: Wurde da etwas unterdrückt? Das würde weiter nach oben weisen. Das zweite ist, da wurde schlampig recherchiert und da würde ich erstmal auf der Ebene derjenigen suchen, die die Nachrichten zusammengestellt haben.

Hat dieser Skandal Ihrer Meinung nach gezeigt, dass die BBC gar nicht so solide und seriös arbeitet, wie man bisher geglaubt hat? Oder halten Sie diese Skandale für Ausrutscher?

Die Häufung ist natürlich schon sehr unangenehm für die BBC. Da hätte man ja wirklich einfach das vorher machen müssen, was nachher passiert, nämlich demjenigen, der meint, den Politiker Alistair McAlpine erkannt zu haben, ein Bild von ihm vorzulegen. Das ist nicht passiert und das hätte man von der BBC nicht erwartet. Das andere ist etwas, das noch nicht ganz geklärt ist. Da gibt es einen sehr kritischen Bericht über Jimmy Savile, der der BBC sehr eng verbunden war, der nicht gesendet wurde, wo noch nicht entschieden ist, war das inhaltlich nicht klar oder war das ein Eingriff von oben, dass man diesen Bericht nicht haben wollte.

Bei dem Recherchefehler zu Alistair McAlpine könnte man ja noch noch vermuten, es sei ein Ausrutscher, aber bei der Vertuschung der Missbrauchsvergehen von Starmoderator Jimmy Savile, da scheinen die Fehler im System zu liegen.

Ja, das ist noch nicht ganz geklärt. Der Verantwortliche der Sendung "Newsnight", in der dieser Beitrag nicht gesendet wurde, Peter Rippen, hat versucht, das als normale Programmentscheidung darzulegen. Er ist bereits zurückgetreten. So richtig unangenehm würde es für die BBC, sollte sich herausstellen, dass man über Jahrzehnte beide Augen vor den Tatsachen verschlossen hat.

Nun schlagen auch die politischen Wogen hoch. Wird denn mit dem Versagen der BBC möglicherweise auch ein politisches Machtspiel betrieben?

Die Tories vermuten schon seit langem, dass die BBC sie etwas benachteiligt. Das ist so eine Grundstimmung, weshalb vielleicht auch ein Tory-Abgeordneter den Rücktritt des Rundfunkratschefs Chris Patten gefordert hat. Chris Patten ist interessanterweise selber ein Tory, jemand, der sich überparteilich sehr viel Ansehen erworben hat. Denn das erste Statement von der Labour-Abgeordneten Harriet Harman kritisiert zwar die hohe Abfindung, die der zurückgetretene Generaldirektor George Entwistle bekommen hat, unterstützt aber den Vorsitzenden des Rundfunkrates Lord Patten. Von den Liberalen hat man noch nichts gehört. David Cameron unterstützt ebenfalls Patten. Also man kann hier noch keine Partei erkennen, die sich vollkommen gegen Lord Patten stellen würde.

Und hier sind auch, anders als in Deutschland, die Rundfunkräte weniger mit Politikern besetzt. Chris Patten muss jetzt beweisen, was er kann. Er muss jetzt eine grundlegende Reform in der BBC durchsetzen, die dieses Absegnen von Sendungen, aber auch grundsätzliche journalistische Standards betrifft. Dass man dafür die BBC komplett umstrukturieren muss, wage ich zu bezweifeln.

Glauben Sie, dass Chris Patten gehen muss?

Nein, solange ihn die Tories und Labour unterstützen, wird er nicht gehen. Und es wäre auch der falsche Zeitpunkt.

Ein Gespräch mit dem Großbritannien-Experten Gerhard Dannemann, Professor an der Humboldt-Universität Berlin.

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